1

29.06.2016 | Serie Digital Leadership: Neue Verhältnisse, neue Führung

"Bei der Digitalisierung geht es um weit mehr als neue Technologien"

Serienelemente
Professor Thorsten Petry forscht an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis zu den Themen "Digitale Transformation" und "Digital Leadership".
Bild: Haufe Online Redaktion

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt. Unsere Serie "Digital Leadership" beleuchtet das Thema aus der Management-Perspektive und lässt Experten zu Wort kommen: Den Anfang macht Professor Thorsten Petry, der den Rahmen absteckt und Erfolgsfaktoren für zukunftsfähige Führung nennt.

Haufe Online-Redaktion: Warum ist die Digitalisierung mehr als ein bloßes Technologiethema?

Thorsten Petry: Ich verstehe und definiere Digitalisierung als einen durch technologische Entwicklungen getriebenen beziehungsweise ermöglichten Transformationsprozess von Unternehmen oder ganzen Branchen, der weitreichende strategische, organisatorische sowie soziokulturelle Veränderungen mit sich bringt. In diesem Verständnis geht es bei der Digitalisierung um weit mehr als nur um neue Technologien. Es geht um eine tiefgreifende Veränderung etablierter Geschäftsmodelle und Managementansätze. Jeff Immelt, der CEO von General Electric, hat dies einmal sehr schön und klar benannt. Über die Erfahrungen, die er bei General Electric mit der digitalen Transformation gemacht hat, sagte er: „I thought it was all about technology. I was wrong. We’ve had to drill and change a lot about the company - it’s infected everything we’re doing.”

Haufe Online-Redaktion: Die Digitalisierung verändert nicht nur die Marktstrukturen und das Kundenverhalten, sondern zunehmend auch die Art, wie wir arbeiten. Welche grundlegenden Veränderungen sind schon heute abzusehen?

Petry: Dieses Thema wird aktuell insbesondere unter den Begriffen New Work und Arbeit 4.0 diskutiert. Hierzu gibt es eine Vielzahl an Ansätzen und Publikationen. Im Positionspapier der Telekom-Innovationseinheit Shareground und der Universität St. Gallen werden etwa die Befunde aus 60 Expertenbefragungen zu 25 Thesen zusammengefasst, deren Grundgedanken sich in ähnlicher Form auch in anderen Veröffentlichungen wiederfinden.
So ist die neue Arbeitswelt beispielsweise geprägt durch Netzwerke – sie ist liquide anstatt starr. Es entstehen also zunehmend Arbeitsplätze ohne eindeutige organisationale Zugehörigkeit.

Click to tweet

Weiterhin werden sogenannte Peer-to-Peer-Modelle die klassische Hierarchie zunehmend verdrängen. Dies lässt sich etwa an der Bildung von Special-Interest-Communities festmachen, innerhalb derer sich hochqualifizierte Fachkräfte weltweit austauschen. Hierbei leitet dann nicht mehr die Organisationszugehörigkeit, sondern nur noch die fachliche Expertise die Loyalitäten. Außerdem nehmen auch die Transparenzansprüche zu. Die Notwendigkeit von Co-Creation-Ansätzen, bei denen Unternehmen in unmittelbarer Kooperation mit den Kunden entwickeln und produzieren, führt zu einer Öffnung und Entgrenzung vormals geschlossener Unternehmensstrukturen. Dabei wird zunehmend auch die Crowd zum Teil der Wertschöpfungsketten. Man kann also absehen, dass zukünftige Unternehmen eher offen als geschlossen sein werden.

Haufe Online-Redaktion: Verändert sich mit den Rahmenbedingungen auch die Rolle der Führungskräfte? Macht die Digitalisierung ein Umdenken in der Führung notwendig?

Petry: Ja. Unsere heutige Digitalisierungs-Umweltsituation lässt sich mit dem aus dem US-Militärjargon stammenden Akronym VUCA ziemlich treffend beschreiben: Wir leben in volatilen, unsicheren, komplexen – in Englisch complex – und ambivalenten Zeiten. In einer solchen VUCA-Umwelt ergeben sich andere Erwartungen an Führung. Dementsprechend sollte es nicht verwundern, wenn von vielen Managern die Notwendigkeit für einen Führungswandel erkannt und ein solcher auch gefordert wird.

Haufe Online-Redaktion: Was bedeutet das für die Unternehmens- und Personalführung?

Petry: In einer VUCA-Umwelt, einem Zeitalter der Beschleunigung, müssen Führungskräfte immer häufiger mit mehreren Optionen jonglieren und auf Sicht fahren. Ein pragmatisches Ausprobieren und Lernen ist dabei oft erfolgreicher als detaillierte Analyse und Planung. Auch sind einzelne Führungskräfte in einem solch volatilen, unsicheren, komplexen und ambivalenten Umfeld häufig überfordert. Dementsprechend muss Führung stärker verteilt und die gesamte kollektive Intelligenz im Unternehmen genutzt werden.

Click to tweet

Dies wiederum erfordert es, Informationen offenzulegen, und nicht nur Daten und Maschinen, sondern auch Wissensträger zu vernetzen. Die verfügbare Erfahrung und Intelligenz muss künftig genutzt werden, sodass agil auf Veränderungen reagiert werden kann. Basis hierfür ist eine Vertrauenskultur, denn ohne eine solche ist Offenheit und daran anschließend auch Vernetzung, Partizipation und Agilität nicht möglich. Die fünf Charakteristika Agilität, Partizipation, Offenheit, Vernetzung plus Vertrauen bilden das sogenannte VOPA-Plus-Modell. Dieses eignet sich als Leitrahmen für die Digitale Transformation und gibt die Richtung vor, in die sich Führung verändern muss.

Haufe Online-Redaktion: Sie sprechen in Ihrem Buch von „beidhändiger Führung“, die einerseits auf bewährte Managementkonzepte setzt, andererseits aber auch neuere, innovationsfördernde Ansätze verfolgt. Wie kann dieser Spagat gelingen?

Petry: Die notwendige Beidhändigkeit ist meines Erachtens ein ganz wichtiger Aspekt von Führung im Zeitalter der Digitalisierung. Denn nicht alle Themen sind dafür geeignet, sie offen und transparent zu kommunizieren. Genauso wenig ist Partizipation immer sinnvoll. In manchen Bereichen gilt es deshalb, nicht agil zu sein, sondern einem langfristig im Detail vorab geplanten Ansatz zu folgen und somit schon im ersten Wurf eine optimale Lösung zu haben. Ob man eher auf Effizienz und Exzellenz – die linke Hand – oder auf Innovation und Geschwindigkeit – die rechte Hand – ausgerichtet führen sollte, hängt von vielen Aspekten ab. Unter anderem etwa von der Branche und den Spezifika des Unternehmens.

Click to tweet

Auch innerhalb eines Unternehmens gibt es natürlich Bereiche und Aufgaben, die sich hinsichtlich des richtigen Führungsansatzes unterscheiden. Daher muss eine Führungskraft heute beidhändig agieren können – mit links klassisch und rechts im Sinne des VOPA-Plus-Modells. Die Führungskräfte müssen dann auch noch wissen, wann welche Hand besser passt. Eine große Herausforderung!
Aus Unternehmensführungssicht wiederum erfordert diese Beidhändigkeit zum Teil bewusste Parallelstrukturen. Denn in manchen Bereichen ist ein langsames, genaues und sorgfältiges Vorgehen nach wie vor sinnvoll. In anderen ist Innovation, Geschwindigkeit und Agilität gefordert. Hier kann eine organisatorische Trennung sinnvoll sein.

Haufe Online-Redaktion: Können Sie einige konkrete Handlungsempfehlungen geben, an denen sich Führungskräfte orientieren können, um in der „Digital Economy“ erfolgreich agieren zu können?

Petry: Aus Praxis und Forschung lassen sich natürlich einige Handlungsempfehlungen ableiten, die ich in diesem Rahmen aber natürlich nicht alle darstellen kann. Aber ich kann gerne ein paar beispielhafte Empfehlungen geben: Versuchen Sie etwa frühzeitig zu verstehen, was sich technologisch und dadurch bedingt gesellschaftlich verändert. Reflektieren Sie, was dies für Ihr Geschäft bedeuten kann. Akzeptieren Sie, dass sich in einer VUCA-Umwelt nicht alles genau analysieren und planen lässt. Folgen Sie also einem „Test-and-Learn“-Ansatz: Seien Sie flexibel, starten Sie frühzeitig einzelne Initiativen und Experimente und bemühen Sie sich, daraus möglichst schnell zu lernen. Versuchen Sie außerdem bei Aufgaben, die Innovation und Geschwindigkeit erfordern im Sinne des VOPA-Plus-Modells zu führen. Setzen Sie sich also intensiv mit agilen Managementansätzen auseinander und nutzen Sie deren Kerngedanken für Ihren Führungsansatz. Gestalten Sie Workshops partizipativer – und arbeiten Sie mit funktionsübergreifenden Teams.

Thorsten Petry lehrt an der Hochschule Rhein-Main in den Schwerpunkten Organisation und Personalmanagement. Er forscht an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis zu den Themen "Digitale Transformation" und "Digital Leadership".

Das Interview führte Benjamin Jeub.

 

Buchtipp:

Professor Petry ist der Herausgeber des Sammelbands "Digital Leadership. Erfolgreich Führen in Zeiten der Digital Economy". In den nächsten Wochen werden Sie an dieser Stelle einige Kurzauszüge und Praxistipps aus dem Buch finden, das Sie im Haufe-Shop portofrei erwerben können

 

Mehr zum Thema Leadership 4.0 erfahren Sie außerdem im Titelthema des Personalmagazins Ausgabe 6/2016, das Sie kostenfrei als App auf Ihr Smartphone oder Tablet herunterladen können.

 

Weitere News zum Thema Leadership 4.0:

Digitalisierung, Führung und Mindset

Interview: "Diversität wird sich auch in den Führungskulturen widerspiegeln"

Infografik: Leadership der Zukunft

 

Haufe Online-Redaktion

Digitalisierung, Digital Leadership, Führung, New Work, Leadership

Aktuell

Meistgelesen