| Dauer des Bewerbungsprozesses

28,8 Tage bis zum Jobangebot

Wie lange dauert das noch? Viele Bewerber ärgern sich über die Dauer des Bewerbungsprozesses.
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Der Bewerbungsprozess von der Bewerbung bis zum Jobangebot dauert in Deutschland durchschnittlich fünf Tage länger als in anderen westlichen Industrienationen. Das ergibt eine Analyse der Nutzerdaten auf Glassdoor.com, die auch zeigt, wovon die Dauer des Bewerbungsprozesses abhängt.

Zwar hat sich die "Candidate Experience" als neues "Buzzword" in der Personalerwelt etabliert. Aber das allein beseitigt natürlich noch nicht die Herausforderung, die im Bewerbermanagement dahinter steckt: Jeder Bewerber sollte im Bewerbungsprozess positive Erfahrungen mit dem Unternehmen machen – egal ob am Ende eine Zusage oder eine Absage dabei herauskommt. 

Bewerber kritisieren einen langen Bewerbungsprozess

Zu diesen positiven Erfahrungen zählt auch die Zeit, die ein Unternehmen braucht, um auf Bewerbungen zu reagieren, den Bewerbungsprozess anzustoßen und schließlich ein Jobangebot zu unterbreiten. Bewerber ärgern sich über allzu lange Prozesse, wie zum Beispiel eine Umfrage vom Marktforschungsinstitut Yougov im Auftrag von Talents Connect unter 1.055 Menschen in Deutschland bestätigt.

Nach dieser Umfrage aus dem Jahr 2014 ist der Hauptkritikpunkt am Bewerbungsprozess das Antwortverhalten der Unternehmen: 40 Prozent der Teilnehmer warteten im Schnitt drei bis sechs Wochen auf eine Rückmeldung. Weitere 20 Prozent bekamen auf mehr als zehn Bewerbungen gar keine Antwort vom Unternehmen.

Franzosen lassen sich am meisten Zeit

Ein Blick in die Angaben der Nutzer von der Arbeitgeberbewertungsplattform Glassdoor.com zeigt, wie lange Bewerber den Bewerbungsprozess erleben. Diese Daten stehen im Gegensatz zu den zahlen, die in der Regel Unternehmen als Zeitspanne für den Recruiting-Prozess angeben.

In Deutschland beträgt die Dauer des Bewerbungsprozesses nach den Glassdoor-Daten etwa 28,8 Tage. Das sind im Vergleich zum Durchschnitt in Frankreich, Großbritannien, USA, Kanada und Australien zusammen fünf Tage mehr (im Schnitt 23,2 Tage).

Aber der Bewerbungsprozess in Frankreich toppt in der Dauer noch den deutschen: Die Franzosen benötigen 31,9 Tage bis zum Jobangebot. Großbritannien liegt knapp hinter Deutschland mit 28,6 Tagen. In Nordamerika geht der durchschnittliche Bewerbungsprozess erheblich schneller, in Kanada dauerte er 22,1 Tage, in den USA 22,9 Tage. Australien liegt mit 27,9 Tagen im Mittelfeld.

Die Dauer des Bewerbungsprozesses steigt tendenziell

Der Trend geht jedoch in allen untersuchten Ländern hin zu längeren Bewerbungsprozessen: In Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den USA, Kanada und Australien dauert der Bewerbungsprozess länger als vor fünf Jahren. Nach Bereinigung der Ergebnisse um wirtschaftliche Faktoren, die sich in diesem Zeitraum geändert haben – wie zum Beispiel die Kombination aus Branchen, Stellen und geografischen Gebieten – hat sich der Bewerbungsprozess seit 2010 um durchschnittlich 3,3 bis 3,7 Tage verlängert.

Grundlage für diese Daten sind insgesamt 344.250 Beurteilungen zu Vorstellungsgesprächen, die zwischen Februar 2009 und Februar 2015 anonym auf Glassdoor eingestellt wurden. Die Daten wurden im Bericht "Why is Hiring Taking Longer?" zusammengefasst.

Zahl der Methoden zur Personalauswahl ist entscheidend

Viele Bewerber fragen sich, warum ein Bewerbungsprozess so lange dauert. Auch hier hat Glassdoor die Nutzerdaten analysiert und zunächst einmal festgestellt, dass wohl kein Zusammenhang zu demografischen Merkmalen der Bewerber besteht. Spricht Alter, Geschlecht oder Herkunft spielen bei der Dauer des Bewerbungsprozesses offenbar keine Rolle.

Einfluss hat dagegen selbstverständlich die Zahl der angewandten Methoden in der Personalauswahl. Jede eingesetzte Auswahlmethode erhöht laut Glassdoor die Dauer des Bewerbungsprozesses insgesamt um einen statistisch signifikanten Faktor und verlängert den Prozess mitunter um bis zu eine ganze Woche. Bei den US-amerikanischen Nutzerdaten konnte die Arbeitgeberbewertungsplattform einen Anstieg bestimmter Methoden feststellen: Es werden mehr Hintergrundprüfungen durchgeführt. Glassdoor verzeichnet einen Anstieg von 25 Prozent im Jahr 2010 auf 42 Prozent im Jahr 2014). Auch Qualifikationstests erfreuen sich mehr Beliebtheit (von 16 auf 23 Prozent angestiegen). Medizinische Untersuchungen kommen häufiger vor (13 im Vergleich zu 23 Prozent) und ebenso Persönlichkeitstest sind öfter im Einsatz (zwölf gegenüber 18 Prozent).

Große Unternehmen brauchen mehr Zeit beim Recruiting

Zudem zeigte sich, dass auch Unternehmensgröße, Stellenbezeichnung, geografische Standorte und Branchenbereiche den Bewerbungsprozess verlängern oder verkürzen. So brauchen Behörden im Bewerbungsprozess wesentlich länger als privatwirtschaftliche Unternehmen – zwischen 49 Tagen in Australien und 60 Tagen in den USA.

Auch die Stadt, für die ein Mitarbeiter gesucht wird, kann Einfluss haben. Hierfür liegen allerdings nur die Vergleichsdaten für die USA vor, wo Stellen in Washington DC mit 34,4 Tagen weit über dem Durchschnitt in der Bewerbungsdauer liegen. In Miami sind es dagegen nur 18,6 Tage.

"Candidate Experience" unterscheidet sich nach gesuchter Position

Ebenso benötigen Unternehmen mehr Zeit, wenn sie Stellen im akademischen Bereich oder für Führungspositionen ausschreiben. Am längsten brauchen Arbeitgeber, die einen "Police Officer" suchen (127,6 Tage). Ein Bewerber auf die Stelle eines "Senior Vice President" muss sich auf durchschnittliche 55,5 Tage einstellen. Sind weniger Qualifikationen benötigt, liegt die Dauer des Bewerbungsprozesses unter dem Durchschnittswert.

Die Unternehmensgröße spielt ebenso tendenziell eine Rolle bei der Dauer des Bewerbungsprozesses. Im Vergleich der Daten aus den USA, Kanada und Australien sind kleinere Unternehmen schneller als größere. Unternehmen mit zehn Mitarbeitern brauchen zwischen 15 Tage in Kanada und 20 Tagen in Großbritannien. Dagegen schleppt sich der Bewerbungsprozess in Unternehmen mit mehr als 100.000 Mitarbeitern über 23 bis 36 Tage hin.

Hinweis: Den Bericht von Glassdoor können Sie hier herunterladen (auf englisch).


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Schlagworte zum Thema:  Recruiting, Personalauswahl, Bewerbung, Bewerbermanagement, Candidate Experience

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