06.05.2013 | Führung

Was Chefs vom Coaching lernen können

Chef und Coach: Sebastian Bosch
Bild: Mosaiq Media

Die spanische Fußballnationalmannschaft sei ein schönes Beispiel für gelungenes Coaching, sagt der Unternehmer und zertifizierte Business-Coach Sebastian Bosch. Was Führungskräfte über den Sport hinaus von der Ausbildung zum Coach lernen können, verrät Bosch im Interview.

Haufe Online-Redaktion: Wie setzen Sie die Fertigkeiten, die Sie aus Ihrer Ausbildung zum Coach mitgenommen haben, im Alltag in Ihrem Unternehmen ein?

Sebastian Bosch: Es ist nicht so, dass ich mit meinen Kunden oder Mitarbeitern wie ein klassischer Coach arbeite, das würde nicht passen. Aber als Coach lernt man, sich mehr auf den anderen einzulassen, auch seine Interessen und Bedürfnisse wahrzunehmen. Als Unternehmer hat man es immer mit Menschen zu tun. Das Coaching hilft mir, jedes Gespräch auf einer konstruktiven Ebene zu führen. Es gelingt mir also heute besser, mich auf mein Gegenüber einzulassen, mich seinen Themen und Wünsche zu öffnen, ohne dabei meine eigenen Interessen außer Acht zu lassen.

Haufe Online-Redaktion: Oft wird darüber diskutiert, dass Führungskräfte nicht ihre eigenen Mitarbeiter coachen sollen. Wie stehen Sie dazu?

Bosch: Eine Führungskraft ist kein Coach im klassischen Sinne und wird es auch nie sein. Ich sehe das eher als eine neue Form der Führung, für die es meines Erachtens noch keinen passenden Begriff gibt. Eine Führungskraft führt bislang vor allem durch Ansagen und Delegieren; Zuhören oder Einfühlen gehört meist nicht zu den größten Stärken. Aber genau darum geht es: Die Menschen sind heute so gut ausgebildet und informiert, dass sie keinen Vorgesetzten mehr brauchen, der nur delegiert. Ein schönes Beispiel finde ich die spanische Fußball-Nationalmannschaft: Jeder Spieler ist ein Individuum und Experte auf seiner Position, das Ergebnis ist die weltbeste Fußballmannschaft.

Haufe Online-Redaktion: Was war Ihre anspruchsvollster Coaching-Aufgabe bisher?

Bosch: Wir hatten zum Beispiel einmal den Fall, dass eine Teamarbeit in Verbindung mit einer Ergebnispräsentation an eine Frist gebunden war. Während der Präsentation kristallisierte sich heraus, dass beide Mitarbeiter die Hauptverantwortung bei dem anderen Kollegen gesehen haben und der Abgabetermin dadurch in Gefahr war. Meine Aufgabe als Chef und Coach bestand darin, den Konflikt aufzuarbeiten, zu lösen und das Projekt zu retten. Durch den Lehrgang zum Coach wurde mir bewusster, dass Koordination, das Delegieren von Aufgaben sowie das Coaching der Mitarbeiter zur Selbstständigkeit die wesentlichen Kompetenzen einer Führungskraft sind. Ohne Coach-Ausbildung hätte ich in dieser Situation emotionaler kommuniziert. Stattdessen habe ich ein Teamgespräch in klarer und sachlicher aber auch kritischer Sprache geführt - und keine Einzelgespräche, weil dies die Schuldzuweisungen provozieren würde. In der Rolle eines Mediators arbeite ich das Geschehene von hinten auf und versuche durch W-Fragen, den Zeitpunkt offen zu legen, an dem die Erwartungshaltung beider auseinander gedriftet ist: Wie wurde die Aufgabe verstanden? Wer hat welchen Part übernommen? Wo liegt die Differenz zwischen theoretischer und tatsächlicher Aufgabenerfüllung? Wichtig dabei ist auch, dass beide Mitarbeiter sagen können, wodurch Misstöne entstanden sind. Dadurch werden beide in der Kommunikation mit anderen Kollegen sensibilisiert und haben die Erfahrung gemacht, wie wichtig ständiger Austausch ist. Gleichzeitig möchte ich von beiden wissen, wie die Vorgehensweise sein wird, um die bevorstehende Aufgabe konstruktiv anzugehen. Die Rücksprachenzyklen zwischen mir und meinen Mitarbeitern werden verkürzt, damit ich zwar im Projekt involviert werde, aber die Aufgabenverteilung bei meinen Mitarbeitern bleibt.

Sebastian Bosch ist Geschäftsführer der Stuttgarter Onlineagentur Mosaiq Media und zertifizierter Business Coach.

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