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Europameister Éder: der Coaching-Ansatz seiner Mentaltrainerin

"So hart an mir gearbeitet": Éder spricht im Interview über sein hartes Training auf dem Weg zum EM-Sieg.
Bild: YouTube

Der portugiesische Fußballprofi Éder schoss im Endspiel der Fußball-Europameisterschaft 2016 das Tor, das Portugal den EM-Titel einbrachte. "Ich widme dieses Tor meiner Mentaltrainerin", sagte Éder nach dem Endspiel. Welcher Coaching-Ansatz steckt hinter dieser ungewöhnlichen Erfolgsstory?

Eines Tages begleitete Susana Torres ihre Tochter zu einem Fußballspiel und wartete anschließend sehr geduldig, bis das Kind die Autogramme seiner Lieblingsspieler eingesammelt hatte.

Dabei kam die Mutter mit dem Stürmer Éderzito António Macedo Lopes, denn alle Éder nennen, ins Gespräch, der beiläufig meinte, es würde sich wohl nicht lohnen, ein Autogramm von ihm aufzuheben, da er darüber nachdenke, sich einen anderen Beruf zu suchen. Torres gab sich als Coach zu erkennen und bot ihre Unterstützung an.

Kein Mental-Coaching ohne konkretes Ziel

In der ersten Coaching-Sitzung fragte Torres ihren neuen Klienten nach seinem Kindheitstraum. "Ich wollte schon immer einmal in der Premier League, der höchsten Spielklasse des englischen Fußballs, spielen", war die Antwort. "Da habe ich ihm gesagt, dass wir das jetzt zu unserem Ziel machen und uns eine Frist von sechs Monaten dafür setzen", so Torres, für die "coachen" offenbar auch schon mal "auf den Tisch hauen" oder "die Hammelbeine langziehen" heißen kann.

Gegenüber der portugiesischen Tageszeitung "Diário de Notícias" erklärte sie, Coaching von Sportlern sei für sie keine in die Tiefe gehende Therapie, sondern eine an konkreten Zielen ausgerichtete, kurzfristige Intervention: Der Ratsuchende nennt sein Ziel, schätzt ein, wie nahe er ihm bislang schon gekommen ist und plant dann ganz konkret die nächste Aktion, um auf das Ziel einen weiteren Schritt zuzugehen. Die nötige Kraft und Zuversicht holt sich der Klient unter Anleitung seines Coachs aus seinen vergangenen Erfolgen, die mit unterschiedlichen Techniken in Erinnerung gerufen werden.

Coach hilft, positive Gefühle aus Erfolgserlebnissen zu verankern

Torres, die als eine von 16 Coachs für die portugiesische Beratungsgesellschaft "The Miracle Coach" arbeitet, schwört auf NLP, das Neurolinguistische Programmieren (auf Portugiesisch: Programação Neuro Linguística), weil die Werkzeuge des NLP aus ihrer Sicht "sehr praxisrelevant und hoch wirksam" seien. Am NLP schätze sie insbesondere die Grundannahme, dass jeder alles, was er brauche, bereits in sich habe.

So werde mit dem Tool "Time-Line" recht schnell aufgedeckt, welche Ressourcen ein Mensch in sich trage und dann könne man als Coach viele Möglichkeiten nutzen, vergangene Erfolgserlebnisse und die damit verbundenen positiven Gefühle zu verankern.

Als "größter Transferflop" bezeichnet

Zur großen Überraschung seiner Kollegen schaffte Éder, damals Spieler des portugiesischen Erstligavereins "Sporting Braga", in der Saison 2015/16 tatsächlich den Wechsel zum Premier-League-Verein Swansea City. Für rund sieben Millionen Euro hatten die Waliser den Portugiesen geholt, weil sie in ihm einen "Hoffnungsträger" sahen.

Doch glücklich wurden weder der Fußballer noch sein neuer Verein, denn in 15 Einsätzen gelang Éder kein einziger Treffer. Als einer der "größten Transferflops der jüngsten Vereinsgeschichte" (so bezeichnete ihn das Internetportal "Wales-Online") wurde er gleich wieder verkauft.

Chemie zwischen Neuling und Team stimmte nicht

Éder landete beim französischen Fußballverein OSC Lille, wo er aufblühte und in 13 Spielen sechs Tore schoss. Die englische Sportpresse vermutete, dass die Chemie zwischen dem Neuling und seinen Swansea-Mitspielern nicht gestimmt habe.

Éder selbst hatte die Größe, gegenüber der englischen Zeitung "The Sun" einzugestehen, dass er zu lange gebraucht habe, sich in der neuen Situation menschlich zurechtzufinden und dass er fußballerisch von der Professionalität der englischen Spitzenliga etwas überfordert gewesen sei.

Auf Leistung fokussiert, von Social Media und Freunden ferngehalten

"Susana, niemand mag mich", soll er nach dem Wechsel zu Swansea geklagt haben. Torres hatte alle Hände voll zu tun, damit die Kritik an Éders Leistung nicht dessen Selbstwert zerstörte. "Wir haben einige Filter erarbeitet, die es Éder erlaubten, sich vor den Äußerungen anderer zu schützen", so Torres.

Sie verlangte von ihm, sich auf die Verbesserung der fußballerischen Leistungen zu fokussieren. Das ging sogar so weit, dass der Schützling sich von Facebook und anderen sozialen Medien fernhalten musste und sogar Freundschaften eingeschränkt wurden. "In bestimmten Momenten müssen wir wie in einer Blase leben, um neue Energie zu schöpfen. Erst dann können wir wieder aus der Blase heraustreten", erklärte Torres.

Selbstzweifel erfordern Arbeit an Glaubenssätzen

Zwischen den Zeilen ist aus den Berichten über Éder herauszulesen, dass er von Selbstzweifeln geplagt wurde, die sein Coach mit der Arbeit an Glaubenssätzen zu vertreiben suchte. Wie kann ein Profifußballer nur der Meinung sein, er habe es nicht verdient, Erfolg zu haben?

Um die "Kratzer" an Éders Selbstbewusstsein zu verstehen, muss man sich mit seiner Kindheit beschäftigen. Er wurde am 22. Dezember 1987 in Guinea-Bissau, einem westafrikanischen Mini-Staat, geboren. Guinea-Bissau war bis 1974 portugiesische Kolonie. Als er zwei Jahre alt war, zog seine Mutter mit ihm nach Lissabon, wo sein Vater bereits lebte. Da sich die Eltern nicht ausreichend um ihn kümmerten, wurde er von den Behörden im Alter von acht Jahren in ein Waisenhaus gesteckt.

Hartes Training, um Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren

"Ich war traurig und fühlte mich verlassen", sagte Éder, für den ab diesem Zeitpunkt nur noch der Fußball zählte. Als er zwölf Jahre alt war, lernte sein Vater eine neue Frau kennen und zog mit ihr nach Großbritannien. Im Streit tötete der Vater die neue Lebensgefährtin und wurde zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt.

Im Grunde geht es Éder wie vielen prominenten Sportlern. Sie sind unsicher und voller Selbstzweifel. Angetrieben vom Wunsch nach Anerkennung und Zuneigung nehmen sie jedes noch so harte und entbehrungsreiche Training auf sich, um Erfolge feiern zu können. Unsicherheit kann ein großer Motor für Spitzenleistungen sein, wusste schon Siegmund Freud – auf Dauer allerdings nur, wenn man lernt, mit ihr umzugehen.

Hinweis: Dies ist ein Auszug aus Ausgabe 09/2016 der "Wirtschaft + Weiterbildung". Hier finden Sie das Heft im Haufe-Shop.

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Autor

ist Chefredakteur der
Zeitschrift "Wirtschaft + Weiterbildung".

Coaching, Training, Weiterbildung, Personalentwicklung

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