| Betriebliche Krankenversicherung

"Wer ungeliebte Themen übernimmt, entlastet den Mitarbeiter"

Dr. Jan Esser ist Vorstandsmitglied der Allianz PkV.
Bild: Allianz

Die betriebliche Krankenversicherung (bKV) ist die von den Arbeitgebern am meisten unterschätzte Zusatzleistung – das zeigt eine Studie der Allianz. Vorstandsmitglied Jan Esser erklärt, was das für die Praxis bedeutet.

Haufe Online-Redaktion: Ihre Studie zu betrieblichen Zusatzleistungen zeigt einen deutlichen Unterschied zwischen den Angeboten der  Unternehmen und den tatsächlichen Wünschen der Mitarbeiter – wie lässt sich das erklären?

Jan Esser: Mitarbeiter denken pragmatischer, als ihre Arbeitgeber vermuten. Für sie sind Vorsorge- und Absicherungsthemen oft wichtiger als vermeintliche Prestigeobjekte wie ein Firmenwagen. Der Grund ist einfach: Diese auf den ersten Blick etwas „langweilig“ daherkommenden  Zusatzleistungen wie betriebliche Krankenversicherung oder Altersvorsorge decken Bereiche ab, über die sich viele von Haus aus eher ungern Gedanken machen. Wenn der Chef hier einspringt, nimmt er seiner Belegschaft ein schwieriges Thema ab – und entlastet sie gleichzeitig finanziell. Die Mitarbeiter wissen eine solche Geste sehr zu schätzen.

Haufe Online-Redaktion: Die Mitarbeiter bekunden insbesondere ein hohes Interesse an einer betrieblichen Krankenversicherung. Nach Ihrer Studie stufen Arbeitnehmer eine bKV um 62 Prozent wichtiger ein als ihre Chefs. Wie kann es zu solchen Fehleinschätzungen kommen?      

Esser: Die betriebliche Krankenversicherung,  also die vom Chef finanzierte private Krankenzusatzversicherung,  ist in Deutschland ein relativ junges Phänomen. Bis vor wenigen Jahren war sie hier unbekannt. Entsprechend dünn gesät sind deshalb auch die Berichte aus der Praxis. Unsere Erfahrung zeigt jedoch klar: Hat sich ein Unternehmen für die bKV entschieden, bekommen wir regelmäßig sehr positive Rückmeldungen. Diese Resonanz deckt sich gut mit der hohen Bedeutung, die die Arbeitnehmer der bKV in unserer Studie beimessen.

Haufe Online-Redaktion: Warum erscheint eine  bKV den Mitarbeitern so wichtig?

Esser: Das hängt vor allem mit unserem Gesundheitssystem zusammen. Obwohl es  zu den leistungsfähigsten der Welt zählt, gibt es einige Lücken in der gesetzlichen Absicherung, beispielsweise beim Zahnersatz, bei Sehhilfen oder beim Heilpraktiker. Genau da setzt die bKV an und ergänzt die Leistungen der gesetzlichen Kassen. Sie bietet so eine Absicherung, die sich die meisten privat nicht leisten würden, und das Ganze ohne Gesundheitsprüfung und Wartezeiten. Entsprechend fühlen sich 70 Prozent der Arbeitnehmer, die von ihrem Arbeitgeber eine bKV erhalten, dadurch besonders wertgeschätzt.

Hinzu kommt, dass man eine  bKV unmittelbar und immer wieder direkt erlebt. Zum Beispiel beim Zahnarzt, wenn die Versicherung für einen Teil des Zahnersatzes aufkommt, beim Hausarzt, wenn sie bestimmte Vorsorgeuntersuchungen übernimmt oder beim Optiker, wenn die bKV sich an den Kosten der neuen Brille beteiligt.

Haufe Online-Redaktion: Nach einer Studie von Bülow & Consorten schätzen über 90 Prozent der befragten Personalverantwortlichen ihren derzeitigen Kenntnisstand zur bKV als höchstens mittelmäßig ein. Was kann man hier ändern?

Esser: Vor dem Hintergrund, dass die bKV – wie gesagt – eine sehr junge Zusatzleistung ist, finde ich es eine gute Ausgangsbasis, wenn sich offensichtlich bereits gut 40 Prozent der Personaler schon einmal mit der bKV beschäftigt haben. Zweifellos gibt es aber noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten, um die bKV an sich und ihren Mehrwert bekannt zu machen. Gerade weil sie bei den Arbeitnehmern so beliebt ist, bietet die bKV einen wirksamen Hebel für alle Unternehmen, die qualifizierte Mitarbeiter finden und binden möchten. Um das breiter in die Firmen zu tragen, sind auch wir als Versicherer gemeinsam mit unseren Vertriebspartnern gefordert.

Haufe Online-Redaktion:  Ein  großes Hindernis bei der Einführung einer bKV ist deren steuerliche Behandlung. Nachdem seit 2014 die 44-Euro-Sachbezugsgrenze für betriebliche Krankenversicherungen nicht mehr gilt, scheint sie vielen zu teuer.

Esser: Die Entscheidung des BMF in Sachen Steuer ist für mich nicht nachvollziehbar. Weshalb sollen ein Tankgutschein oder eine Betriebsfeier steuerlich begünstigt sein, die betriebliche Krankenversicherung jedoch nicht? Will die Politik Gesundheitsleistungen weiter fördern und für mehr Menschen eine zusätzliche Absicherung ermöglichen, dann wäre es sinnvoll, bKV-Beiträge steuerlich zu begünstigen und die betriebliche Krankenversicherung neben der betrieblichen Altersversorgung als zweite Säule der betrieblichen Vorsorge aufzubauen.

Trotzdem sollte diese Diskussion über Steuerfragen nicht den Blick auf das Wesentliche verstellen:  Wer nur aus steuerlichen Gründen eine bKV eingeführt hat, verkennt ihren Mehrwert und Nutzen. Ich bin überzeugt, dass die Entscheidung, ein Instrument zu etablieren, mit dem man Fachkräfte gewinnt und bindet – also die Zukunft seines Betriebs sichert – losgelöst ist von der steuerlichen Förderung.

Das Interview führte Katharina Schmitt, Redaktion Personalmagazin  

 

Mehr zum Thema betriebliche Krankenversicherung (bkV):

  • Die einzelnen Ergebnisse der Allianz-Studie „Personalzusatzleistungen“ finden Sie im  Personalmagazin, Ausgabe 6/2016.
  • Im selben Heft finden Sie im Schwerpunktthema bkV  Informationen zu den arbeitsrechtlichen Grundlagen einer betrieblichen Krankenversicherung und zur Frage, welche Leistungen einer betrieblichen Krankenversicherung für Unternehmen tatsächlich sinnvoll sind.

 

Schlagworte zum Thema:  Betriebliche Krankenversicherung

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