15.08.2011 | HR-Management

Bericht aus Bonn: Personalpolitik muss an Kinderbetreuungsangeboten ansetzen

Der Bundesgerichtshof hat soeben ein vielbeachtetes Urteil zum Unterhaltsrecht von Alleinerziehenden gefällt: Ihnen kann eine Vollzeiterwerbstätigkeit zugemutet werden, wenn das jüngste Kind älter als drei Jahre und eine Betreuung anderweitig möglich ist. Die Familienpolitik ist nun gefragt. Aber auch Unternehmen müssen bei Betreuungsangeboten das Heft in die eigenen Hände nehmen, sagt Dr. Hilmar Schneider vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit.

Ein Sturm der Entrüstung vor allem im konservativen Lager der Politik war die Folge. Er ist symptomatisch für eine tiefe Spaltung der Gesellschaft im Hinblick auf die Frage, wie eine zukunftssichere Kindererziehung aussehen soll. Trotz mancher Verbesserungen werden Eltern in Deutschland mit ihrer Erziehungsverantwortung nach wie vor sehr allein gelassen. Im Hinblick auf den Ausbau seiner Kinderbetreuungsinfrastruktur ist Deutschland im Vergleich mit seinen europäischen Nachbarn noch immer zuverlässig auf den hinteren Rängen zu finden. Ist es da ein Zufall, dass die Geburtenrate in Deutschland inzwischen so niedrig ist wie in keinem anderen Land der Europäischen Union?

Das Urteil des BGH scheint vor allem diejenigen zu schmerzen, die das Erziehungsideal in einer lebenslangen Ein-Verdiener-Versorgungsehe aufgehoben sehen. Der Tatsache, dass die gestiegenen Konsumbedürfnisse es heutzutage in der Regel nicht mehr erlauben, eine vierköpfige Familie mit einem Verdienst zu unterhalten, möchten sie am liebsten mit einem staatlichen Lohn für die familiäre Erziehungsarbeit begegnen. Bei allem Respekt für die Erziehungsleistungen der Eltern: Ein solches Betreuungsgeld wird den Realitäten der heutigen Gesellschaft einfach nicht mehr gerecht.

Es stellt einen massiven Anreiz dar, Kinder nicht in entsprechende Betreuungseinrichtungen zu schicken und hindert damit vor allem deren Mütter an der Ausübung einer Erwerbstätigkeit. Ob die Betreuung der Kinder dadurch besser wird, darf bezweifelt werden. Zu befürchten ist, dass vor allem die Kinder aus sozial benachteiligten Milieu darunter zu leiden hätten. Deren Mütter sind häufig aus existentiellen Gründen zur Arbeit gezwungen und würden ihre Kinder dann erst recht sich selbst überlassen. Auch das weitgehende Versagen der Integrationspolitik in Deutschland hat zu erheblichen Teilen mit fehlenden Betreuungsmöglichkeiten zu tun. Das Ergebnis der Verwahrlosung kommt in den Unternehmen als Jugendliche an, denen fehlende Ausbildungsreife attestiert werden muss. Das umfasst nicht nur fehlende Sprach- und Rechenkenntnisse einfachster Art. Es mangelt mindestens ebenso sehr an so elementaren Dingen wie Pünktlichkeit, Ausdauer, Selbstbeherrschung und Zuverlässigkeit, von denen man immer annahm, dass sie in der Familie wie selbstverständlich vermittelt würden.

Würde man das gleiche Geld in den Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur stecken, ließe sich erheblich mehr erreichen. In einer neueren Studie hat das IZA ausgerechnet, dass bei einem flächendeckenden Ausbau der Ganztagsbetreuung zwischen 350.000 und 460.000 bislang nicht erwerbstätige Mütter von Schulkindern eine Erwerbstätigkeit aufnehmen würden, darunter vor allem qualifizierte Frauen in Westdeutschland. Außerdem könnten bereits erwerbstätige Mütter von Schulkindern ihre Arbeitszeit ausweiten. Wer sich um seine Kinder trotzdem lieber selber kümmern möchte, kann und soll das natürlich ungehindert tun.

Ausgerechnet in einer Phase, in der Deutschland in einen massiven Fachkräftemangel hineinzulaufen droht, leistet sich die Politik eine weltfremde Debatte um gesellschaftliche Ideale der 1960er Jahre. Für die Unternehmen kann dies nur bedeuten, das Heft des Handelns in die eigene Hand zu nehmen: Vorausschauende Personalpolitik wird nicht umhin kommen, betriebliche Kinderbetreuungsmöglichkeiten für ihre Mitarbeiter zu schaffen. Kleinere Betriebe werden sich in dieser Hinsicht zu Verbundlösungen durchringen müssen. Auch flexible Arbeitszeitmodelle, die es Eltern beispielsweise gestatten, sich zu bestimmten Tageszeiten selbst um ihre Sprösslinge zu kümmern, stellen eine Möglichkeit dar, wie Betriebe qualifizierten Müttern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen können. Gerade das letzte Beispiel zeigt, dass entsprechende Maßnahmen nicht unbedingt mehr kosten müssen. Ähnliches gilt für die Nutzung von Homeoffice-Möglichkeiten.

Bleibt noch nachzutragen, dass der BGH in seinem Urteil keineswegs gefordert hat, dass Alleinerziehende mit Kindern über drei Jahren einer Vollzeitarbeit nachgehen müssen. Er hält es lediglich für zumutbar, wenn für eine angemessene Betreuung gesorgt ist. Mit ein wenig mehr Phantasie können Unternehmen hierzu eine Menge beitragen.

 

Unser Experte vom IZA:

Dr. Hilmar Schneider, Direktor Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), Bonn.

Einmal im Monat erläutert Dr. Hilmar Schneider die Zukunft der Arbeit aus Sicht des IZA und gibt Gestaltungsempfehlungen für die betriebliche Personalarbeit.

Berichte aus Bonn und Brüssel: Unsere Kolumnenserie

Dr. Hilmar Schneider und Klaus-Dieter Sohn berichten im 14-täglichen Wechsel Aktuelles aus ihrem Fachgebiet.

Die Kolumnen veröffentlichen wir auf unserer Startseite: www.haufe.de/personal

 

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