21.10.2011 | HR-Management

Bericht aus Bonn: Die Stärke der Dualen Ausbildung

Die OECD zeigt sich in ihrem neusten Bildungsbericht alarmiert darüber, dass Deutschland weniger Hochqualifizierte hervorbringt. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, das aufgrund des Dualen Ausbildungssystem in Deutschland dieses Bild zurechtgerückt werden sollte. Dieses Ausbildungssystem hat seine Stärken, sagt Dr. Hilmar Schneider vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit.

Am deutschen Bildungssystem lässt sich vieles kritisieren. Der PISA-Schock sitzt noch immer tief. Aber was die OECD in ihrem neuesten Jahresbildungsbericht an Alarmismus verbreitet, geht eindeutig zu weit. Deutschland fällt angeblich immer weiter zurück, was die Hervorbringung von Hochqualifizierten anbelangt. Gemessen wird dies vor allem am Anteil von Hochschulabsolventen und Meistern, sowie dem BIP-Anteil der öffentlichen Ausgaben für das Bildungssystem.

Richtig daran ist, dass der Anteil der Hochschulabsolventen in vielen OECD-Ländern in den vergangenen 30 Jahren beachtlich zugenommen hat, während das in Deutschland nur mäßig der Fall war. Viele Länder, die einst einen wesentlich niedrigeren Anteil aufwiesen, haben Deutschland inzwischen klar überholt. Mit einem Akademikeranteil von 26 % liegt Deutschland inzwischen unter dem OECD-Durchschnitt von 30 %. Richtig daran ist auch, dass die öffentlichen Bildungsausgaben im Vergleich zum BIP in Deutschland relativ niedrig sind. Das liegt aber nicht nur an der unterdurchschnittlichen Höhe der Ausgaben, sondern auch an der überdurchschnittlichen Höhe des BIP.

Und damit kommen wir auch schon zum eigentlichen Problem. Statt zu fragen, wie es sein kann, dass eine anscheinend erschlaffende Volkswirtschaft so gut durch die weltweite Finanzmarktkrise gekommen ist wie sonst keine, wird deren bevorstehender Untergang suggeriert. Statt zu fragen, wieso die Jugendarbeitslosenquote in Ländern wie Großbritannien inzwischen doppelt so hoch ist wie in Deutschland, obwohl die Akademikerquote dort ironischerweise ebenfalls fast doppelt so hoch ist wie in Deutschland, werden Länder wie Großbritannien als Vorbilder propagiert. In der Psychologie spricht man beim Auftreten offenkundig widersprüchlicher Wahrnehmungen von kognitiven Dissonanzen. Deren Auflösung birgt die Chance zu Erkenntnisfortschritt. Stattdessen rettet sich der Bericht in eine Augen-zu-und-durch-Strategie.

Was der Messung hier schlicht und ergreifend entgeht, sind die Besonderheiten nationaler Bildungssysteme. Deutschland stellt mit seinem starken dualen Ausbildungssystem eine Besonderheit dar, die in vergleichbarer Form nur noch in der Schweiz und in Österreich anzutreffen ist. Dass in Deutschland mehr als die Hälfte eines Jahrgangs eine duale Ausbildung absolviert und damit berufliche Qualifikationen erwirbt, die andernorts im Rahmen akademischer Ausbildungseinrichtungen vermittelt werden, erzeugt bei dieser Art von Messung zwangsläufig ein schiefes Bild. Ein nennenswerter Teil der Bildungskosten, die in Ländern mit einer verschulten akademischen Ausbildung als öffentliche Bildungsausgaben gemessen werden, fallen hierzulande in Form nicht gemessener Ausbildungskosten der Betriebe an.

Die Güte von Bildungsanstrengungen bemisst sich nicht am Input, sondern am Output. Und da braucht sich Deutschland mit seinem dualen Ausbildungssystem wahrlich nicht zu verstecken. Im Gegenteil! Die besondere Stärke des dualen Ausbildungssystems besteht darin, einen relativ reibungslosen Eintritt in das Erwerbsleben zu ermöglichen. Diese Schwelle ist nicht leicht zu nehmen. Und so ist es nicht unbedingt verwunderlich, dass die Arbeitslosenquote von jungen Menschen praktisch überall höher ist als die allgemeine Arbeitslosenquote.

Dennoch fällt auf, dass die Bandbreite zwischen verschiedenen Ländern gewaltig ist. In Ländern wie Spanien ist die Jugendarbeitslosigkeit traditionell schon immer sehr hoch gewesen, aber durch die zurückliegende Finanzmarktkrise hat sie mit gegenwärtig über 40 % ein geradezu erschreckendes Ausmaß erreicht. In Deutschland liegt sie nach vergleichbarer Zählweise nur bei knapp 10 % und verhielt sich nahezu krisenresistent. Einer der Hauptgründe für diese Unterschiede liegt in der Arbeitsmarktregulierung. Bei einem stark ausgepägten Kündigungsschutz ist es für Jugendliche besonders schwer, den Einstieg zu finden. So lange sie in beruflicher Hinsicht ein unbeschriebenes Blatt sind, bekommen sie nur schwer eine Chance sich zu bewähren, weil Fehlentscheidungen bei der Neueinstellung ein hohes Kostenrisiko für die Firmen darstellen.

Dass sich Jugendliche hierzulande trotz strengem Kündigungsschutz relativ leicht tun beim Übergang in das Berufsleben, hat mit dem stark normierten System der beruflichen Bildung zu tun. Es erzeugt eine Art Garantie für das Leistungsvermögen der Absolventen, die das Risiko von Fehlentscheidungen bei der Neueinstellung offenbar wirkungsvoll begrenzt. So gesehen, bedingen Berufliche Bildung und Kündigungsschutz einander.

Die jüngste Krise hat gezeigt, dass diese Kombination einer eher liberalen Wirtschaftsordnung sogar überlegen sein kann. In Ländern wie England und den USA, wo ein der dualen Ausbildung vergleichbares System der beruflichen Bildung weitgehend fehlt, ist die Jugendarbeitslosenquote schon in „normalen“ Zeiten höher als in Deutschland, aber im Zuge der Krise hat sie inzwischen die 20-Prozent-Marke erreicht.

Dennoch mehren sich auch in Deutschland die Anzeichen dafür, dass die duale Ausbildung an Bedeutung verliert. Im langfristigen Trend ist die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze eher rückläufig. Insbesondere Firmen im modernen Dienstleistungssegment bilden trotz ansehnlicher Betriebsgröße teilweise gar nicht mehr aus. Wenn Handlungsbedarf besteht, dann wahrscheinlich eher hier. Ob das duale Ausbildungssystem seine Stärke bewahren kann, hängt maßgeblich davon ab, dass es praktiziert wird. Dazu kann jeder Personalverantwortliche seinen Beitrag leisten. Es ist einfacher als mancher denken mag.

 

Unser Experte vom IZA:

Dr. Hilmar Schneider, Direktor Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), Bonn.

Einmal im Monat erläutert Dr. Hilmar Schneider die Zukunft der Arbeit aus Sicht des IZA und gibt Gestaltungsempfehlungen für die betriebliche Personalarbeit.

Berichte aus Bonn und Brüssel: Unsere Kolumnenserie

Dr. Hilmar Schneider und Klaus-Dieter Sohn berichten im 14-täglichen Wechsel Aktuelles aus ihrem Fachgebiet.

Die Kolumnen veröffentlichen wir auf unserer Startseite: www.haufe.de/personal

 

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