| Agile Organisation

Mitarbeiter mit der Lizenz zum Steuern

Laut Studie sollen Mitarbeiter künftig als Unternehmenslenker ran, was gute Selbststeuerungskompetenzen voraussetzt. Doch daran hapert es noch.
Bild: Project Photos GmbH & Co. KG

Viele Führungskräfte wünschen sich laut einer aktuellen Studie, dass ihre Organisation künftig mehr von Mitarbeitern gesteuert wird. Allerdings fehlen demnach bei vielen Mitarbeitern noch die nötigen Voraussetzungen dafür – und auch in der Personalentwicklung gibt es daher noch einige To-dos.

Die Zeiten, in denen starre, hierarchische Organisationsformen in deutschen Unternehmen der Normalfall waren, scheinen vorbei zu sein. Immer mehr Unternehmen experimentieren – zumindest bereichsweise – mit neuen Organisationsformen.

Dabei scheint Agilität der Trend des Moments zu sein: Was in der IT bereits seit den 90er-Jahren praktiziert und seit einigen Jahren auch außerhalb der IT erprobt wird, findet hierzulande immer mehr Anhänger. Längst experimentieren nicht mehr nur Start-ups oder Spin-offs wie die Daimler-Tochter Moovel mit agiler Arbeit. Auch die Großen, wie etwa Audi, tun es in einigen Unternehmensbereichen.

Studie zum Status quo in deutschen Unternehmen

Doch wie verbreitet sind solche Organisationsformen bislang wirklich, und als wie zukunftsfähig werden sie bewertet? Diesen Fragen ist die Haufe Akademie gerade zusammen mit der ESCP Europe in der Studie "Smart Workforce – Arbeitswelten der Zukunft" nachgegangen. Die Studienautoren befragten 270 Teilnehmer, vorwiegend Führungskräfte, zum aktuellen und künftig gewünschten Organisationsdesign ihres Unternehmens – zunächst zum Status quo in ihrem Unternehmen: Erleben sie die Arbeit dort eher als (fremd-)gesteuert, also etwa durch Vorgesetzte vorgegeben, oder als eher selbstorganisiert?

Entgegen der Hypothese der Studienautoren zeigte sich: Eine Mehrheit der Befragten (77 Prozent) gibt an, heute schon in einem Unternehmen zu arbeiten, das sie als eher selbstgesteuert wahrnehmen. Nur eine Minderheit von 23 Prozent ordnet ihr Unternehmen in die Kategorie "eher gesteuert" ein.

Rolle der Mitarbeiter: Verwalter oder Gestalter?

Ebenso eindeutig fällt die Frage danach aus, welche Rolle Mitarbeiter im Unternehmen aktuell einnehmen: Setzen sie nur das um, was ihnen top-down vorgegeben wird, oder haben sie Gestaltungsspielraum bei ihrer Arbeit? In mehr als zwei Drittel der Unternehmen haben die Mitarbeiter demnach heute schon eine Gestalter-Rolle inne (siehe Abbildung) – das heißt laut Definition der Studienautoren die Rolle eines "Intrapreneurs, der mit hoher Eigenverantwortung den Erfolg des Unternehmens vorantreibt".

Nur in einem knappen Drittel (31 Prozent) der Unternehmen sehen die Befragten die Mitarbeiter in einer Umsetzer- Rolle – also als Mitarbeiter, denen genaue Handlungsanweisungen zur Umsetzung gegeben werden.

In mehr als zwei Dritteln der befragten Organisationen nehmen die Mitarbeiter eine gestaltende Rolle ein.
Bild: Haufe

Anhand dieser Kriterien – selbst- versus fremdgesteuert, gestaltend versus umsetzend – haben die Studienautoren die Organisationen der Befragten in den sogenannten "Haufe-Quadranten" eingeordnet (siehe Abbildung). Hier zeigt sich in der Tat eine Tendenz in Richtung des Organisationsdesigns "agiles Netzwerk", allerdings mit einem Schwerpunkt Richtung Mitte des Quadranten und einigen Ausreißern in Richtung gesteuertes Unternehmen und Mitarbeitern in der Rolle von Umsetzern.

 

Die Ist-Situation der befragten Organisationen im Haufe-Quadranten: Schwerpunkt in der Mitte, Tendenz in Richtung agiles Netzwerk
Bild: Haufe

Agilität: Nicht für jede Organisation die richtige Lösung

Betrachtet man die Antworten der Studienteilnehmer auf die Frage nach der Zielausrichtung, die sie sich für die Zukunft ihres Unternehmens wünschen, verschiebt sich das Bild deutlich in Richtung mehr Selbststeuerung und Gestaltertum der Mitarbeiter (siehe Abbildung).

 

Die Soll-Situation in den befragten Organisationen: Ziel ist mehr Selbststeuerung und Gestaltertum der Mitarbeiter
Bild: Haufe

Die Marschrichtung ist demnach für die meisten Befragten eindeutig. Ob die gewünschte Transformation in Richtung agile Netzwerkorganisation sinnvoll für die Unternehmen ist, müssen sie natürlich erst einmal selbst entscheiden – denn obwohl das Organisationsdesign für viele aus den befragten Branchen attraktiv zu sein scheint, ist es nicht für jedes Unternehmen und jeden Bereich die richtige Lösung (lesen Sie dazu das Interview "Als Intrapreneur zu handeln will gelernt sein" mit Studienautorin Professor Marion Festing in Ausgabe 07-08/2016 der "Wirtschaft + Weiterbildung".

Nur wenige Mitarbeiter übernehmen Verantwortung für Fehler

Dass die Transformation geschafft werden kann, hängt aber jedenfalls stark vom Wollen und den Kompetenzen der Mitarbeiter ab. Hier zeichnen die Studienergebnisse ein durchwachsenes Bild vom Status quo in deutschen Unternehmen. Demnach fehlt es vielen Mitarbeitern nämlich noch an Eigenverantwortung – eine wichtige Voraussetzung für Selbststeuerung.

So geben nur 26 Prozent der Befragten an, bei ihren Mitarbeitern heute schon genügend Eigenverantwortung zu beobachten – obgleich sich aber die meisten Mitarbeiter (88 Prozent) wünschen, eigenverantwortlich Lösungen für schwierige Aufgaben zu finden. Zudem übernehmen demnach nur 28 Prozent der Mitarbeiter Verantwortung für ihre Fehler.

Bedingungen für bessere Selbstorganisation fehlen noch

Die Ergebnisse zeigen aber auch: Momentan tun die Arbeitgeber noch wenig dafür, die nötigen Bedingungen dafür zu schaffen, dass ihre Mitarbeiter lernen, sich und ihre Aufgaben besser zu steuern.

So können etwa nur 22 Prozent der Befragten davon berichten, dass die Mitarbeiter in ihrem Unternehmen ein hohes Maß an Selbstbestimmung bezüglich ihrer Arbeit haben, das heißt, dass sie selber bestimmen, wie und wann sie ihre Arbeit erledigen – während immerhin 55 Prozent der Befragten dies als einen wünschenswerten Zustand ansehen.

Wo die Personalentwicklung ansetzen kann

Um Mitarbeiter für die Arbeit in einer selbstorganisierten Organisation zu wappnen, empfehlen die Studienautoren, ein besonderes Augenmerk auf Personalentwicklungsinstrumente zu legen. Verbesserungsbedarf sehen sie vor allem bei den folgenden Instrumenten, bei denen sie bei der Auswertung der Befragung noch eine große Diskrepanz zwischen Ist- und Soll- Situation in den Unternehmen feststellen:

  • Trainingsprogramme, die Kooperationsbereitschaft und die Vernetzung der Mitarbeiter fördern: Aktuell wünschen sich 64 Prozent der Befragten solche Programme – doch nur 28 Prozent der Unternehmen bieten sie bislang an.
  • Schulungen, die die Mitarbeiter auf den neusten Stand in ihrem Fachgebiet bringen: Nur 45 Prozent der Befragten können davon berichten, während sich knapp drei Viertel der Befragten einen solchen Schulungsfokus wünschen.
  • Individuelle Karrierewege ermöglichen: 64 Prozent der Studienteilnehmer ist dies wichtig. Allerdings bieten nur 24 Prozent der befragten Unternehmen ihren Mitarbeitern so zugeschnittene Karrierewege wie Führungs-, Experten-, Projekt- und Mosaiklaufbahnen.

 

Hinweis: Die ist ein Auszug aus der Zeitschrift "Wirtschaft + Weiterbildung". Den kompletten Beitrag "Mitarbeiter ans Steuer" sowie ein Interview mit Studienautorin Professor Marion Festing lesen Sie in Ausgabe 08-09/2016.

 

Die kompletten Ergebnisse der "Smart Workforce"-Studie können hier angefordert werden.

 

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Schlagworte zum Thema:  Organisation, Agilität, Personalentwicklung, Weiterbildung, Kompetenz

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