Zeitkonten richtig gestalten / 3.2 Steuerung von Zeitkonten für den fortlaufenden Zeitausgleich

Regeln der Zeitkontensteuerung (und ihre tatsächliche Umsetzung) sind – neben passgenauen Instrumenten für die bedarfsgerechte Verteilung der Arbeitszeit – das "A und O" bei der Einführung bzw. Nutzung von Zeitkonten im Betrieb: Ist es doch Ziel eines Zeitkontos, den fortlaufenden Arbeitszeitverbrauch flexibel an den jeweiligen Arbeitszeitbedarf anzupassen. Eine effektive Steuerung des Zeitkontos als Flexibilitätsinstrument sollte daher vor allem auf den Zeitausgleich ausgerichtet sein, nicht auf die (scheinbare) Bewältigung von nicht mehr ausgleichbaren Zeitsalden durch Auszahlung oder Übertrag auf ein Langzeitkonto.

Vor diesem Hintergrund muss festgestellt werden, dass zahlreiche Zeitkontenregelungen in der betrieblichen Praxis nicht den gewünschten Erfolg bewirkt haben. Vielmehr drängt sich nicht selten der Eindruck auf, dass insbesondere das Arbeitszeitmanagement für Mitarbeiter mit weitgehend eigenverantwortlicher Arbeitszeitgestaltung durch die Einführung von Zeitkonten eher noch erschwert worden ist. Ein Zeitkonto beseitigt von sich aus keine Defizite der betrieblichen oder persönlichen Arbeitszeitsteuerung, sondern spiegelt sie allenfalls wider oder setzt schlimmstenfalls sogar Anreize für Fehlsteuerungen, insbesondere einen bedarfsunabhängigen Arbeitszeitverbrauch. Die Ursachen für auflaufende Zeitguthaben können vielfältig sein:

  • Der Mitarbeiter arbeitet, ohne die eigene Arbeit zu reflektieren (zu können), Arbeitsabläufe kontinuierlich zu hinterfragen und zu vereinfachen (ineffizienter Arbeitsstil).
  • Der Mitarbeiter hat nur unklare Vorstellungen über seine eigentlichen Arbeitsaufgaben. Um sich nicht unbeliebt zu machen, tut er von vielem etwas und damit von einigem zu viel – in der Hoffnung, damit das Geforderte zu erfüllen; er arbeitet also quasi nach dem "Schrotschussprinzip": Irgendetwas wird schon treffen.
  • Der Mitarbeiter möchte beruflich im Unternehmen vorankommen, weiß aber, dass hierfür lange Anwesenheitszeiten im Betrieb faktische Voraussetzung sind, da die Kultur des Unternehmens lange Anwesenheitszeiten als Ausdruck besonderer Leistungsbereitschaft bewertet.
  • Der Mitarbeiter bekommt Arbeitsaufgaben übertragen, für deren Erledigung er fachlich nicht geeignet ist.
  • Der Mitarbeiter möchte sein Einkommen durch Überstunden sowie die zugehörigen Zuschläge erhöhen und kann dies nur durch längere Arbeitszeiten erreichen.

Im Einzelnen führt dies zu den folgenden grundsätzlichen Empfehlungen für Zeitkonten:

  • Zeitkonten sollten ohne Stichtage "durchlaufen": Wiederkehrende Stichtage (z. B. zum Monats-, Quartals- oder Jahresende) für die verbindliche Rücksteuerung des Zeitsaldos auf "0" laufen einer am Arbeitszeitbedarf orientierten Zeitkontensteuerung zuwider: Denn die Kundenanforderungen, die im Betrieb des Auftragnehmers zu (wechselnder) Arbeitsnachfrage führen, werden ja auch nicht stichtagsbezogen "auf Null gebracht", sondern entwickeln sich fortlaufend. In der Praxis führen Stichtagsregelungen für Zeitkonten denn auch häufig zu Diskussionen um die zum Stichtag nicht ausgeglichenen Salden: Je nachdem, was am Stichtag mit den dann noch verbliebenen Zeitsalden geschieht, wird sich ein Mitarbeiter vor einer Auszahlung von nicht ausgeglichenen Salden mit Freizeitnahme eher zurückhalten. Die automatische Auszahlung von Plusstunden oberhalb einer definierten Bandbreite folgt vielmehr als Zeitverbrauchsanreiz und macht betriebliche Arbeitszeitsysteme auch für Überschreitungen der täglichen Höchstarbeitszeit anfälliger (vgl. auch Hinweise unten). Beim Verfall von Minussalden zulasten des Arbeitgebers könnte ebenso wie bei drohender Plusstundenkappung entsprechend Leistungszurückhaltung drohen. Das strukturelle Problem von Stichtagsregelungen wird auch nicht durch die Ausbuchung überschießender Salden auf ein zweites Zeitkonto, das innerhalb bestimmter Fristen auszugleichen ist, gelöst. Denn solche "Abbaukonten" verlagern das (Steuerungs-)Problem nur in die Zukunft ("Verschiebebahnhof") und belasten die Steuerung des laufenden Zeitkontos. Eine fortlaufende Zeitkontensteuerung auf der Basis verbindlicher Bandbreiten und Steuerungsregeln[1] ist demgegenüber vorzuziehen. Eine einfache (besser geeignete) Regel zur Umsetzung eines einjährigen tarifvertraglichen Ausgleichszeitraums für die regelmäßige Arbeitszeit wäre zum Beispiel, dass der Ausgleichszeitraum der regelmäßigen Arbeitszeit jeweils mit Erreichung des Zeitausgleichs (Zeitsaldo "plusminusnull") neu in Gang gesetzt wird.
 
Praxis-Beispiel

"Individuell-rollierender" Ausgleichszeitraum des Zeitkontos

Das Zeitkonto eines Mitarbeiters stand am 15.4.2010 auf Null. Da der Tarifvertrag einen 12-Monats-Ausgleich auf die Vertragsarbeitszeit vorschreibt, muss er spätestens am 15.4.2011 wieder die Nulllinie berührt haben.

Geschieht dies bereits am 21.6.2010, beginnt dieser Ausgleichszeitraum wieder von Neuem – und geht dann bis spätestens zum 21.6.2011 usw.

In der betrieblichen Praxis sollte die Bedeutung des Ausgleichszeitraums bzw. seiner "punktgenauen" Einhaltung nich...

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