Thüsing/Rachor/Lembke, KSch... / 1.4.3.1 Berechnung der Wartezeit
 

Rz. 221

Der Arbeitnehmer hat die Wartezeit erfüllt, wenn sein Arbeitsverhältnis ohne Unterbrechung länger als 6 Monate in demselben Betrieb oder in einem anderen Betrieb desselben Unternehmens bestanden hat.

 

Rz. 222

Die Frist wird anhand der §§ 187 Abs. 2 Satz 1, 188 Abs. 2 BGB berechnet. Demnach wird der 1. Tag des Arbeitsverhältnisses entsprechend der allgemeinen Verkehrsanschauung und dem Sinn und Zweck der Wartezeit, die zumindest auch der Erprobung des Arbeitnehmers dient, in die Fristberechnung einbezogen. Der 1. Tag des Arbeitsverhältnisses ist der Tag, an dem der Arbeitnehmer gem. der Vereinbarung erstmals zur Verfügung stehen soll, nicht der Zeitpunkt des Vertragsschlusses (der wesentlich früher liegen kann), nicht der Zeitpunkt der schriftlichen Niederlegung des Vertrags und auch nicht der Tag, an dem der Arbeitnehmer die Arbeit tatsächlich aufnimmt (was etwa aufgrund einer Erkrankung des Arbeitnehmers oder aufgrund Annahmeverzugs des Arbeitgebers wesentlich später geschehen kann, BAG, Urteil v. 27.6.2002, 2 AZR 382/01). Allerdings soll der Fristbeginn sich verschieben, wenn der Arbeitnehmer schuldhaft die Arbeit erst an einem späteren Tag aufnimmt. Ob spätere unentschuldigte Fehlzeiten von der Wartezeit abzuziehen sind, bleibt offen.

 

Rz. 223

Die 6-Monats-Frist endet mit Ablauf desjenigen Tages des letzten Monats, welcher dem Tag vorhergeht, der durch seine Zahl dem Anfangstag der Frist entspricht.

 

Beispiel

Als erster Arbeitstag wird der 1.4. vereinbart. Die Frist beginnt am 1.4. um 0 Uhr und endet am Tag vor dem 1.10., also am 30.9., um 24 Uhr. Der Arbeitnehmer erlangt am 1.10. um 0 Uhr allgemeinen Kündigungsschutz. Geht ihm die Kündigung an diesem Tag oder später zu, muss sie sozial gerechtfertigt sein.

 

Rz. 224

Fällt der letzte Tag der Wartezeit auf einen Samstag, Sonntag oder gesetzlichen Feiertag, findet § 193 BGB keine Anwendung, denn die Wartezeit ist keine Frist, innerhalb derer die Kündigung erklärt werden muss, sondern eine Frist, nach deren Ablauf der Arbeitnehmer das Recht auf den Arbeitsplatz erwirbt (BAG, Urteil v. 24.10.2013, 2 AZR 1057/12).

 

Rz. 225

Es kommt auf den rechtlichen Bestand des Arbeitsverhältnisses an. Auch Zeiten eines fehlerhaften, faktischen Arbeitsverhältnisses sind zu berücksichtigen, wenn das Arbeitsverhältnis nach Beseitigung des Mangels ohne Unterbrechung fortgeführt wird. Wird das faktische Arbeitsverhältnis aber außer Vollzug gesetzt, etwa wegen Krankheit des Arbeitnehmers, ist der Arbeitgeber zur sofortigen Lösung berechtigt. Ob die Zeiten des früheren Vollzugs angerechnet werden können, wenn die Parteien nach der Krankheit ein neues Arbeitsverhältnis begründen, richtet sich nach den allgemeinen Grundsätzen bei der rechtlichen Unterbrechung des Arbeitsverhältnisses (d. h. eine Anrechnungsvereinbarung oder ein enger sachlicher Zusammenhang ist notwendig).

 

Rz. 226

Nicht angerechnet werden solche Zeiten, die der Arbeitnehmer in einer anderen Funktion im Betrieb oder Unternehmen beschäftigt war, wie etwa bei der Beschäftigung als

  • freier Mitarbeiter mit einem Dienstvertrag,
  • Geschäftsführer mit einem Geschäftsbesorgungsvertrag (LAG Bremen, Urteil v. 24.10.1997, 4 Sa 71/97),
  • Mitglied in einer Genossenschaft (BAG, Urteil v. 16.2.1995, 8 AZR 714/93),
  • mitarbeitender Familienangehöriger,
  • Leiharbeitnehmer, da das Arbeitsverhältnis nicht zum Entleiher, sondern zum Verleiher bestand (BAG, Urteil v. 8.12.1988, 2 AZR 308/88). Das gilt sowohl für die echte Leiharbeit als auch für die unechte Leiharbeit mit Erlaubnis. Fehlt die Erlaubnis von vornherein oder fällt sie später weg, wird gem. § 10 Abs. 1 Satz 1 AÜG ein Arbeitsverhältnis zwischen dem Leiharbeitnehmer und dem Entleiher fingiert, das dann – ab Beginn der Fiktion – auf die Wartezeit anzurechnen ist.
  • Praktikant. Dabei ist der Sinn und Zweck des Praktikums jedoch genau zu prüfen. Das Praktikum ist insbesondere von folgenden Vertragsverhältnissen abzugrenzen:

  • Die Zeit der Eingliederung eines Arbeitslosen nach §§ 229 ff. SGB III a. F. (in Kraft 1998 bis 2001) war nicht auf die Wartezeit anzurechnen. Heute können Arbeitgeber, bei der Eingliederung von Arbeitnehmern, deren Vermittlung wegen in ihrer Person liegender Gründe erschwert ist, einen Zuschuss zum Arbeitsentgelt als Ausglei...

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