Sommer, SGB V § 73b Hausarz... / 1 Allgemeines
 

Rz. 2

Mit der hausarztzentrierten Versorgung soll gegenüber der als Regelversorgung geltenden hausärztlichen Versorgung (vgl. § 73) erreicht werden, dass der für die gesetzlich und vertraglich geregelten Anforderungen an die hausarztzentrierte Versorgung qualifizierte Hausarzt

  • seinen eingeschriebenen Patienten eine besondere hausärztliche Versorgung gewährleistet,
  • die "Lotsenfunktion" durch den Behandlungsprozess der vertragsärztlichen Versorgung, insbesondere für den Zugang des Versicherten zu anderen Fachärzten sowie in nicht facharztspezifischen Behandlungsfällen die notwendige Einweisung in die stationäre Krankenhausbehandlung übernimmt.
  • Außerdem sollen durch die hausarztzentrierte Versorgung die Ausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung minimiert bzw. entstehende Mehrausgaben über Einsparungen und Effizienzsteigerungen finanziert werden.

Nach der Gesetzesbegründung sollte die seit 1.1.2004 verpflichtende Rechtsvorschrift für die gesetzlichen Krankenkassen zunächst eine Chance sein, im Rahmen der gesamtvertraglichen Vorgaben die hausarztzentrierte Versorgung einzelvertraglich mit einem besonders qualifizierten Hausarzt bzw. zugelassenen medizinischen Versorgungszentrum selbst zu gestalten.

Die mit der hausarztzentrierten Versorgung verbundene Stärkung des qualifizierten Hausarztes würde bei konsequenter Umsetzung zu einem primärarztbasierten Gesundheitssystem führen, welches Vorteile bei der Ergebnisqualität, den Kosten sowie beim Zugang und der Kontinuität der ambulanten ärztlichen Versorgung bietet. Primärarztbasiert bedeutet, dass der Patient im Krankheitsfall bis auf wenige definierte Ausnahmen immer zuerst den aufgrund der Teilnahme an der hausarztzentrierten Versorgung besonders qualifizierten Hausarzt aufsucht, bevor auf dessen Überweisung hin der für den jeweiligen Krankheitsfall geeignete Facharzt in Anspruch genommen werden kann. Im Zentrum dieser ambulanten Versorgung steht mithin der qualifizierte Hausarzt, der seinen Patienten, dessen Behandlungsbedarf und familiäres Umfeld genau kennt und einzuschätzen weiß sowie dessen allgemeine, nicht facharztspezifische Krankheitsbilder selbst angemessen behandeln kann.

In der Vergangenheit hat sich seit der Ablösung des Krankenscheins durch die elektronische Krankenversichertenkarte (jetzt Gesundheitskarte) in der vertragsärztlichen Regelversorgung nach § 72 allmählich eine Art "Ärztehopping" entwickelt, weil Versicherte oft ohne medizinische Notwendigkeit nacheinander mehrere Vertragsärzte, manchmal sogar derselben Fachrichtung, aufsuchen, was für die gesetzliche Krankenversicherung, mit Ausnahme der bei schwerwiegenden Krankheitsbildern medizinisch gebotenen Zweitmeinung, zu erhöhten und meist auch unnützen Ausgaben führt. Mit der hausarztzentrierten Versorgung soll nach dem Willen des Gesetzgebers dieser unerwünschten Entwicklung entgegengewirkt werden, welche aber immer noch andauert und bei der auch die inzwischen wieder abgeschaffte Praxisgebühr von 10,00 EUR (vgl. § 28 a. F.) zu keiner durchschlagenden Änderung des Patientenverhaltens geführt hatte.

Allerdings waren die deutschen Hausärzte bei Einführung der Vorschrift auf eine besonders qualifizierte Primärarztrolle wenig vorbereitet; die Qualitätsanforderungen für die hausarztzentrierte Versorgung lagen nicht fest bzw. mussten erst noch in den Gesamtverträgen vereinbart werden und der gesetzlich vorgegebene finanzielle Spielraum für selektive Hausarzt-Verträge war eng begrenzt. Auch für die meisten Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) war es zunächst problematisch, in ein öffentlich-rechtliches Zulassungssystem bzw. einen gesamtvertraglichen Rahmen für teilnahmewillige, besonders qualifizierte Hausärzte selektive Vertragselemente zu übernehmen, die verständlich, leicht handhabbar und auch kontrollierbar sind. Einzelne Krankenkassen hatten wegen dieser Schwierigkeiten z. B. anstelle der hausarztzentrierten Versorgung eine hausarztbasierte, integrierte Versorgung nach §§ 140a ff. (a. F.) gewählt, entsprechende Verträge geschlossen und zunächst geglaubt, damit ihre rechtliche Verpflichtung zur Umsetzung der Rechtsvorschrift erfüllt zu haben.

In den Bundesländern waren anfangs aus den genannten Gründen nur wenige Einzelverträge über die hausarztzentrierte Versorgung geschlossen worden, die aber aufgrund der notwendig gewordenen gesetzlichen Neuregelung mit Wirkung zum 1.4.2007 ihre Rechtsgrundlage verloren hatten. Übergangsbestimmungen für bestehende Verträge waren im GKV-WSG nicht enthalten. Die Verträge waren damit gegenstandslos geworden bzw. mussten auf der Grundlage der Neuregelung geschlossen werden.

Mit der ab 1.4.2007gültigen Vorschrift über die hausarztzentrierte Versorgung ist der Weg einer einzelvertraglich geregelten, ambulanten Versorgungsform beschritten, die aus dem gesamtvertraglichen Rahmen herausgelöst ist. Darin unterscheidet sich die hausarztzentrierte Versorgung z. B. von den mit Wirkung zum 23.7.2015 aufgehobenen Strukturverträgen nach § 73a., die inzwisch...

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