Nudging – Ist Schubsen im BGM erlaubt?

Zusammenfassung

 
Überblick

Die eigenen Mitarbeiter mit einfachen und kostengünstigen Mitteln zu gesundheitsförderlichem Handeln zu lenken, ist für viele Unternehmen ein großer Wunsch. Dabei können bereits kleine Nudges (engl. Stups oder Schubs) große Wirkung haben. Auch wenn Nudging für den ein oder anderen ein neues Modewort ist, so ist fast schon jeder mit einem Nudge in Berührung gekommen. Nudges kommen u. a. bereits in einigen Einkaufshäusern und U-Bahnstationen zur Anwendung: Mithilfe kleiner, aber auffälliger Hinweise, wie ein Schild mit der Anzahl der Kalorien, die bei der Nutzung der Treppe verbrannt werden (gegenüber der Nutzung von Aufzug/Rolltreppe), können Passanten dazu motiviert werden, sich für die gesündere Option zu entscheiden. Also warum nicht auch im BGM "nudgen"?! Der Beitrag zeigt, warum wir (manchmal) angestupst werden müssen, wie Nudging funktioniert, warum Nudging im BGM sinnvoll sein kann und welche Formen von Nudging im Rahmen des BGM angewendet werden können.

1 Verhaltensänderung

"Menschen handeln in vielen Lebensbereichen irrational und selbstschädigend. Insbesondere im Gesundheitsbereich werden Gesundheitsinformationen, gesundheitliche Aufklärung, Ernährungsbildung etc. nicht ausreichend handlungswirksam"[1], wodurch eine "Public Health-Katastrophe" entsteht. Damit ist eine insgesamt kontinuierliche Zunahme von Erkrankungen mit Verhaltens- und Verhältniskomponenten ("Volkskrankheiten") gemeint, die wiederum massive Auswirkungen auf die Arbeitswelt haben.

In Deutschland schaffen nur rund 20 % das empfohlene Aktivitätsniveau und mehr als die Hälfte sind übergewichtig, nicht wenige davon auch adipös. Daneben belegen Gesundheitsberichte über Bewegungsmangel, unausgewogene Ernährungsgewohnheiten und Tabakkonsum die häufigen Entscheidungen zugunsten eines schädigenden Verhaltens. Langfristig steigen Erkrankungen, wie Adipositas, Diabetes und Bluthochdruck, die im Zusammenhang mit einem ungesunden Lebensstil stehen.[2]

Verhaltensveränderungen sind komplexe Vorgänge. Verändern wir das Verhalten, verändern wir dauerhaft unsere Kognitionen und die eigene Persönlichkeit. Im Beitrag "Motivation, Kommunikation und Information im BGM" wurde bereits auf das Health-Belief-Modell zur Erklärung und Vorhersage von gesundheitsbezogenem Verhalten sowie das Stufenmodell der Verhaltensänderung zur Beschreibung gesundheitsrelevanter Verhaltensänderung eingegangen.

Die Handlung selbst, das Ziel, der Kontext und der Zeitpunkt sind die 4 entscheidenden Verhaltenselemente. Man kann "fettarm essen" als Handlung auf verschiedene Gegenstände richten, z. B. Obst, Vollkornbrot, Gemüse. Der Kontext im Restaurant oder im Büro als Snack. Den Zeitpunkt kann man als Frühstück, Abendessen o. Ä. definieren.

Aber wie bringt man Beschäftige im Rahmen eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) zu einem eigenverantwortlichen und gesundheitsbewussten Verhalten? Klassische Ansätze mit Information und Angebot diverser Präventionsprogramme erreichen oft nur die Gesundheitsbewussten. Um aber auch diejenigen mit ungesunden Verhaltensweisen zu einer Verhaltensänderung zu bewegen, lohnen sich auch neue Wege, so z. B. der des Nudging.

[1] Buyx (2017): Nudging. Die Gestaltung einer gesunden "Entscheidungsarchitektur" in der Arbeitswelt, iga.Expertendialog 2017, Zugriff am 16.12.2019, verfügbar unter https://www.iga-info.de/fileadmin/redakteur/Veranstaltungen/Expertendialog/Expertendialog2017_EinfuehrungNudging.pdf
[2] Froböse/Wallmann-Sperlich (2016): Der DKV Report "Wie gesund lebt Deutschland?" 2016, Düsseldorf, DKV Deutsche Krankenversicherung AG; Robert Koch-Institut (2015): Gesundheit in Deutschland (Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Gemeinsam getragen von RKI und Destatis), Berlin, Zugriff am 9.7.2019, verfügbar unter http://www.gbe-bund.de/pdf/GESBER2015.pdf.

2 Begriffsbestimmung und Funktionsweise des Nudging

Eppler und Kernbach definieren Nudging als Ansatz, "um Menschen durch die subtile Ausnutzung von Bequemlichkeiten und Denkfehlern für (positive) Verhaltensänderungen zu gewinnen".[1] Bekannt geworden ist der Begriff Nudge (engl. für Schubs) im Rahmen der Verhaltensökonomik durch die Wissenschaftler Richard Thaler und Cass Sunstein in deren Buch: Nudge – wie man kluge Entscheidungen anstößt (engl. Nudge: improving decisions about health, wealth and happiness).[2]

Mit ihrem Ansatz des libertären Paternalismus, also vom Staat eingesetzte Nudges, versuchen Thaler und Sunstein Erkenntnisse der Verhaltensökonomie zu nutzen, damit Menschen "bessere" bzw. "vernünftigere" Entscheidungen treffen.[3] Ein Nudge ist sozusagen ein Reiz, der das Verhalten verändert oder verändern kann, ohne irgendjemanden an irgendetwas zu hindern.[4] Eine Person soll im Moment der Entscheidung in eine gewünschte Richtung beeinflusst werden, sie soll sozusagen eine gute Entscheidung treffen. Thaler und Sunstein definieren eine gute Entscheidung als diejenige, die Menschen auf der Grundlage vollständiger Information, vorausschauenden Denkens und dementsprechenden Handelns sowie bei ausreichender Selbstkontrolle treffen. Nudges stoßen...

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