Kommunikation und Gesprächs... / 1.2 Primacy- & Recency- Effekt

Viele Menschen sind davon überzeugt, dass sie bereits nach sehr kurzer Zeit (drei Minuten) eine sichere Meinung und ein sicheres Urteil über einen Menschen abgeben können.

Bedenklich ist diese Haltung jedoch unter der Berücksichtigung, dass mit dem ersten Eindruck fast immer ein Urteil über die gesamte Person des anderen verbunden ist, der beurteilte Mensch demzufolge als insgesamt negativ oder positiv eingeschätzt wird.

Untersuchungen zeigen, dass ein (Vor-)Urteil über andere Menschen bereits in den ersten 20 Sekunden gefällt wird.

Den "ersten Eindruck" als "Wahrheit" zu nehmen, birgt gerade im Auswahlgespräch Gefahren. Diese auf minimalen Informationen beruhende Meinung kanalisiert die gesamte weitere Wahrnehmung und beeinflusst das eigene Verhalten. Dabei wirkt folgender Mechanismus: Nachdem sich in nur wenigen Sekunden einer Begegnung eine subjektive Meinung über jemanden gebildet wurde, will man diese unbewusst weiter bestätigt sehen. War der erste Eindruck positiv, führen die subjektiven Filter dazu, dass alle positiven Folgeeindrücke besonders klar wahrgenommen und als Bestätigung des ersten Eindrucks bewertet werden. Negative Folgeeindrücke werden entsprechend gering eingeschätzt oder nicht richtig wahrgenommen. Entsprechendes erfolgt auch bei einem negativen ersten Eindruck. Der Ausspruch "Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance" hat damit eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. An dieser Stelle tritt der so genannte Primacy Effekt ein. Informationen, die sehr jung zurückliegen, prägen unsere Wahrnehmung erheblich mehr, als Informationen, die in der Mitte eines Gespräches ausgetragen werden.

Beim ersten "Eindruck" wirken weniger sachliche Eindrücke als vielmehr non-verbale Wahrnehmungen. Dazu gehören unter anderem:

  • fester Händedruck,
  • angenehmer Blickkontakt (3,3 Sekunden empfinden die meisten Menschen als angenehm),
  • Stimme,
  • Wortwahl (deutlich und langsam),
  • Pünktlichkeit,
  • ordentliche und angemessene Kleidung,
  • verschwitztes und abgehetztes Auftreten,
  • überdeutliche Zeichen von Stress und Anspannung.

Die Gefahr der Verzerrung durch den ersten Eindruck ist nicht zu unterschätzen. Ist der erste Eindruck positiv, so verhält man sich als Interviewer völlig anders, als bei einem negativen Bild. Dieser Effekt lässt sich nur mit einer festen Interview-Struktur reduzieren, die einen zwingt, jedem Bewerber die gleichen Fragen zu stellen.

Der erste Eindruck führt schnell zum so genannten "Trichterdenken".

Abbildung: Trichterdenken, Gefahr für die Bewertung von Bewerbern

 
Praxis-Tipp

Schnelle Meinungsbildung schränkt ein

Nehmen Sie sich viel Zeit, bis Sie sich eine Meinung über den Bewerber bilden. Nehmen Sie alle Informationen und Eindrücke offen und neugierig auf, um sie nach dem Gespräch für sich auszuwerten. Eine vorschnelle Meinungsbildung beeinflusst Ihr Verhalten, schränkt Ihre Offenheit ein und im schlimmsten Fall bauen Sie sich damit unnötige Kommunikationsbarrieren auf.

Am besten schützt man sich vor Fehl- bzw. vorschnellen Einschätzungen, wenn man weiß, was wie auf einen wirkt. Beobachten Sie sich in den verschiedensten Kontaktsituationen selbst: Was nehmen Sie bei anderen zuerst wahr? Was wirkt positiv und was negativ auf Sie? Wo gehen Ihre Blicke hin – Schuhe, Hände, Haare? Wie wirken starke Dialekte auf Sie? Wie beeinflussen erste Informationen Ihre Meinungsbildung? Üben Sie, neugierig darauf zu bleiben, was dieser Mensch Ihnen gegenüber noch alles zu bieten hat.

Nicht nur die Wahrnehmung am Anfang des Gesprächs kann die Einschätzung des Kandidaten nachhaltig beeinflussen, ähnlich gravierende Auswirkungen können die letzten gewonnen Eindrücke von einem Kandidaten haben. Dadurch die zuletzt aufgenommenen Informationen und Eindrücke besser behalten werden als zuvor aufgenommene, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass diese Informationen andere Eindrücke unangemessen stark überlagern und Ihre Meinung verzerren. Der hiermit in Kraft tretende Recency-Effekt und damit das Gegenstück zum Primacy-Effekt, sorgt dafür, dass zuletzt aufgenommene Wahrnehmungen oder Informationen besonders im Gedächtnis verankert bleiben.

 
Praxis-Tipp

Eine zweite Meinung hilft

Prüfen Sie kritisch, ob Ihre letzten Eindrücke des Bewerbers so gravierend positiv bzw. negativ sind, dass sie alles Vorherige in Frage stellen können. Nutzen Sie Ihre Notizen im Gesprächsleitfaden, um die Gesamteinschätzung des Kandidaten zu "objektivieren". Führen Sie im Zweifelsfall ein zweites Gespräch mit ihm, um Gewissheit über Ihre Einschätzung zu erhalten. Nehmen Sie sich einen zweiten Gesprächspartner zum zweiten Gespräch hinzu. Lassen Sie ihn sich ganz neutral eine eigene Meinung bilden.

Das ist nur ein Ausschnitt aus dem Produkt Haufe Personal Office Platin. Sie wollen mehr? Dann testen Sie hier live & unverbindlich Haufe Personal Office Platin 30 Minuten lang und lesen Sie den gesamten Inhalt.


Meistgelesene beiträge