Rz. 8

Die Regelung setzt nach der Neufassung voraus, dass neben dem eigenen Lebensunterhalt des Schuldners nur auf den Lebensunterhalt derjenigen Personen abzustellen ist, denen er gesetzlich – nicht lediglich moralisch oder vertraglich – zum Unterhalt ("Personen, denen er gesetzlich (nicht vertraglich) zum Unterhalt verpflichtet ist, ...") verpflichtet ist (BT-Drucks. 19/23171 S. 28). Nicht vorausgesetzt wird, dass Unterhalt auch tatsächlich geleistet wird. Damit ist eine analoge Anwendung auf faktische Unterhaltspflichten in Gestalt einer sozialrechtlichen Einbeziehung in eine Bedarfsgemeinschaft ausgeschlossen (so vor der Gesetzesänderung zum 8.5.2021: BGH, NJW 2018, 954 = Rpfleger 2018, 214 = KKZ 2019, 45 = Vollstreckung effektiv 2018, 131; LG Bielefeld, ZVI 2020, 251; AG Cloppenburg, FoVo 2019, 34: P-Konto; OLG Frankfurt, ZVI 2008, 384; LG Hamburg, ZVI 2018, 161; LG Essen, ZInsO 2014, 2278). Darüber hinaus wurde eine Bezugnahme auf das Elfte Kapitel des SGB XII in § 850f Abs. 1 lit. a ZPO a. F. gestrichen, weil sich der notwendige Lebensunterhalt abschließend aus dem Dritten und Vierten Kapitel des SGB XII ergibt.

 

Rz. 9

Der Schuldner kann durch eine Bescheinigung des für ihn zuständigen Sozialhilfeträgers den Beweis erbringen, dass die ihm belassenen Mittel das Existenzminimum unterschreiten (vgl. BT-Drucks. 12/1754 S. 17; BGH, ZInsO 2017, 2429; AG Wiesbaden, ZVI 2008, 122; BGH, NJW-RR 2004, 506; BGH, NJW 2003, 2918; OLG Frankfurt am Main, Rpfleger 2001, 38). Die Bestimmung des dem Schuldner und seiner Familie zu belassenden Freibetrages erfolgt nach SGB II und XII. Das Vollstreckungsgericht ist aber nicht an eine Bescheinigung über eine hypothetisch zu zahlende Sozialhilfe gebunden (OLG Köln, JurBüro 1999, 606), ebenso nicht an die Empfehlungen des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge (im Anschluss an BVerwGE 115, 331; BGH, BGHZ 156, 30 = NJW 2003, 2918 = FamRZ 2003, 1466 = Rpfleger 2003, 593 = BGHReport 2003, 1237 = ZFE 2003, 344 = InVo 2003, 442 = FamRZ 2003, 1743 = MDR 2004, 53 = ZVI 2003, 648 = FuR 2004, 78 = KTS 2004, 74 = KKZ 2004, 223 = Vollstreckung effektiv 2005, 117 = FPR 2004, 145 = JuS 2004, 169). Nach der Neufassung des § 850f Abs. 1a ZPO zum 1.1.2005 ist erwerbstätigen Schuldnern der sozialhilferechtliche Pauschalbetrag i. H. v. 30 % für den mit der Erwerbstätigkeit verbundenen Mehraufwand auch ohne konkreten Nachweis zuzubilligen (LG Stuttgart, FamRZ 2005, 1103; OLG Frankfurt am Main, Rpfleger 2001, 38; OLG Karlsruhe, FamRZ 2000, 365; AG Stuttgart, Rpfleger 96, 360; LG Stuttgart, InVo 2005, 281; Stöber, Rn. 1176e; a. A. OLG Köln, JurBüro 1999, 606). Der Mehrbedarf für Erwerbstätige zählt zum sozialhilferechtlichen Mindestbedarf (BVerfGE 87, 153 = NJW 92, 3153). Dies unterstreicht den Zweck der Regelung. Der Schuldner ist deshalb grds. nicht schlechter zu stellen als ein Sozialhilfeempfänger. Da bei letzterem gem. § 82 Abs. 3 SGB XII ein Betrag von 30 % des Einkommens aus selbstständiger und nichtselbstständiger Tätigkeit abzusetzen ist, ist es angemessen, einem Schuldner bei der Berechnung des fiktiven Sozialhilfebedarfs ohne konkreten Nachweis einen 30 % igen Zuschlag zum Regelsatz zu gewähren.

 

Rz. 10

Der erweiterte pfändungsfreie Teil gemäß Abs. 1 Nr. 1 entspricht dem Betrag, der nach den Vorschriften des SGB XII an den Schuldner ergänzend als Sozialhilfe zum Lebensunterhalt zu leisten wäre (BGH, WM 2018 1655 = ZINsO 2018, 2015; BGH, NZI 2009, 655 = Grundeigentum 2009, 1181 = NZM 2009, 708 = MDR 2009, 1189 = NJW-RR 2009, 1459 = Rpfleger 2009, 687 = BGHReport 2009, 1225 = MietPrax-AK § 850f ZPO Nr. 1 = JurBüro 2009, 607 = ZMR 2010, 20 = KKZ 2011, 95 = Vollstreckung effektiv 2009, 173 = FoVo 2009, 219). Die Kosten für Unterkunft und Heizung werden nach konkretem Bedarf ersetzt, soweit sie nicht den angemessenen Umfang übersteigen.

 

Rz. 11

Der BGH (BGH, NZI 2009, 655 = Grundeigentum 2009, 1181 = NZM 2009, 708 = MDR 2009, 1189 = NJW-RR 2009, 1459 = Rpfleger 2009, 687 = BGHReport 2009, 1225 = MietPrax-AK § 850f ZPO Nr. 1 = JurBüro 2009, 607 = ZMR 2010, 20 = KKZ 2011, 95 = Vollstreckung effektiv 2009, 173 = FoVo 2009, 219) hat die für die Praxis wichtige Frage der Berücksichtigung von Wohnkosten (Kaltmiete) geklärt und den Gerichten bei deren Ermittlung eine Leitlinie aufgezeigt. Hiernach sind im Rahmen der Einkommenspfändung die Kosten für Unterkunft und Heizung am ortsüblichen Mietpreisniveau in folgender Reihenfolge zu ermitteln:

  • Rückgriff auf qualifizierten Mietspiegel (§ 558d BGB): Ein qualifizierter Mietspiegel ist ein Mietspiegel, der nach anerkannten wissenschaftlichen Grundsätzen erstellt und von der Gemeinde oder von Interessenvertretern der Vermieter und der Mieter anerkannt worden ist. Er ist im Abstand von zwei Jahren der Marktentwicklung anzupassen
  • Rückgriff auf einem Mietspiegel nach § 558c BGB oder unmittelbar aus einer Mietdatenbank nach § 558e BGB: Ein Mietspiegel ist eine Übersicht über die ortsübliche Vergleichsmiete, soweit die Übersicht von der Gemeinde ode...

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