Gefährdungsbeurteilung psyc... / 2.2 Empfehlungen und Veröffentlichungen zur psychischen Gefährdungsbeurteilung

Die Umsetzung der psychischen Gefährdungsbeurteilung steckt vielfach noch in den Kinderschuhen, obwohl schon seit längerem gute Empfehlungen und Handlungsanleitungen existieren. Als sehr anschaulich und praxisbezogen kann die Handlungshilfe der Initiative Neue Qualität der Arbeit (inqa) und der BAuA[1] betrachtet werden. In Kombination mit den Veröffentlichungen des LASI, die ebenfalls den Prozess der Gefährdungsbeurteilung unter Berücksichtigung der psychischen Belastungen darstellen und darüber hinaus auch sehr konkret die Gefährdungsmerkmale definieren, ist für Arbeitsschutzexperten ein Einstieg in dieses Thema durchaus leistbar.

Die bisherigen Veröffentlichungen von offizieller Seite, aber auch weitere aus Literatur und Internet weisen folgende Gemeinsamkeiten und Empfehlungen auf:

  1. Es existiert ein klares Grundverständnis zwischen den Begriffen psychische Belastung und Beanspruchung, die aktuell der DIN-Norm 10075 zu entnehmen ist.
  2. Der Arbeitgeber ist verpflichtet zur Durchführung einer psychischen Gefährdungsbeurteilung, jedoch nur zur Beurteilung der Belastungen, nicht aber der Beanspruchungen.
  3. Auf Basis arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse lassen sich Merkmalsbereiche definieren, innerhalb derer eine psychische Fehlbelastung auftreten kann (vgl. Tab. 2). Grundsätzlich sind psychische Belastungen als neutral zu beurteilen.
  4. Sofern vorhanden, sind Betriebsräte in die Regelungen zur Gefährdungsbeurteilung einzubeziehen.
  5. Bei der Beurteilung von Belastungen können unterschiedliche Präzisionsstufen verwendet werden: Die Handlungshilfe der inqa/BAuA unterscheidet in Grob- und Feinanalyse, die DIN-Norm 10075 hat 3 Stufen: Stufe 1 für Zwecke der genauen Messung, Stufe 2 für Übersichtszwecke (Screening) und Stufe 3 für Orientierungszwecke. Für den Einstieg in die Gefährdungsbeurteilung wird grundsätzlich die Grobanalyse bzw. Orientierungsstufe empfohlen.
  6. Je konkreter die Analyse, desto mehr sind Beschäftigte einzubinden. Dies kann in Form von Befragungen, Interviews, Workshops oder moderierten Gesprächsrunden erfolgen.
  7. Jedes Unternehmen sollte für seine Größe und die durchgeführten Tätigkeiten angemessene Beurteilungsverfahren selbst festlegen und dafür zu Beginn eine Übereinkunft zwischen den verpflichtend bzw. sinnvoller Weise einzubeziehenden Akteuren (wie z. B. Arbeitgeber, Arbeitnehmervertretung, Arbeitsschutzexperten) hinsichtlich Ablauf und Methodik treffen.
  8. Beschäftigte und Führungskräfte sollten angemessen informiert werden.
  9. Bei der psychischen Gefährdungsbeurteilung sollten auch die Empfehlungen zur allgemeinen Vorgehensweise hinsichtlich (a) Ermitteln der Gefährdungen, (b) Beurteilen der Gefährdungen, (c) Festlegen konkreter Arbeitsschutzmaßnahmen nach dem Stand der Technik, (d) Durchführen der Maßnahmen, (e) Überprüfen der Wirksamkeit der Maßnahmen, (f) Fortschreiben der Gefährdungsbeurteilung (Dokumentation) berücksichtigt werden.

Die unter Tab. 2 aufgeführten Tätigkeitsmerkmale werden von der GDA als wesentliche Belastungsfaktoren deklariert und in einer von ihr entwickelten Checkliste aufgeführt. Diese steht Unternehmen zur Analyse von Arbeitsbereichen kostenlos zur Verfügung.

 
Bereich Merkmale
Arbeitsinhalt
  • Vollständigkeit der Aufgabe
  • Handlungsspielraum
  • Variabilität
  • Information
  • Verantwortung
  • Qualifikation
  • emotionale Inanspruchnahme
Arbeitsorganisation
  • Arbeitszeit
  • Arbeitsablauf
  • Kommunikation/Kooperation
soziale Beziehungen
  • Führungsverhalten
  • Gruppenverhalten
Arbeitsumgebungsfaktoren
  • ungünstige Beleuchtung, Lärm
  • Lärm, Hitze, Vibration
  • Gefahrstoffe
neue Arbeitsformen
  • räumliche Mobilität
  • atypische Arbeitsverhältnisse, diskontinuierliche Berufsverläufe
  • zeitliche Flexibilisierung, reduzierte Abgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben

Tab. 2: Tätigkeitsmerkmale, innerhalb denen psychische Fehlbelastungen entstehen können[2]

[1] Holm/Geray: Integration der psychischen Belastung in die Gefährdungsbeurteilung – Handlungshilfe, 5. Aufl., inqa/BAUA (Hrsg.), 2012.
[2] Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA): Leitlinie Beratung und Überwachung bei psychischer Belastung am Arbeitsplatz, Berlin 2015,

Länderausschuss für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik (LASI): Handlungsanleitung für die Arbeitsschutzverwaltungen der Länder zur Ermittlung psychischer Fehlbelastungen am Arbeitsplatz und zu Möglichkeiten der Prävention – LV 31, 2003.

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