Fachdossier: Referenzschrei... / 2 Arbeitszeugnis und schriftliche Referenz im Vergleich

2.1 Grundsätzliche Unterschiede

Arbeitszeugnis und Referenzschreiben sind in verschiedenen Rechtskreisen verwurzelt und Resultate unterschiedlicher historischer Entwicklungen. Der angelsächsische bzw. angloamerikanische Rechtskreis kennt traditionell keinen Zeugnisanspruch: hier wurden und werden Referenzen freiwillig in Form von Empfehlungsschreiben ausgestellt, wie es bereits in der griechischen und römischen Antike Praxis war. Im deutschsprachigen Raum wurde dagegen ab dem 15. Jahrhundert in Gesindeordnungen die Verpflichtung zur Ausstellung von Zeugnissen für ausscheidendes Gesinde festgeschrieben. Sie dienten zunächst in erster Linie der polizeilichen Kontrolle wandernder Arbeitnehmer und entwickelten sich allmählich zu Beurteilungsinstrumenten.

Dass das Arbeitszeugnis sich aus Kontrollinstrumenten der Ständegesellschaft entwickelt hat, kommt im Vergleich mit angelsächsischen bzw. angloamerikanischen Referenzen sehr gut zum Ausdruck: Im Arbeitszeugnis wird der Arbeitnehmer noch heute tendenziell von oben herab aus der Perspektive des Unternehmens (also einer unpersönlichen Instanz) sachlich und ohne Empathie beurteilt. Auch handelt es sich beim Arbeitszeugnis um eine Urkunde ohne Adressat. Referenzen hingegen sind in der Regel aus der persönlichen Perspektive des Unterzeichners verfasst, ausdrücklich an ihre Leser adressiert, werben geradezu für den Arbeitnehmer und heben seine Individualität hervor. Während z. B. ein Arbeitszeugnis bescheinigt: "Frau Mustermanns Verhalten war einwandfrei ...", lobt eine Referenz: "It was a pleasure to work with Mona ..".

2.2 Unterschiede hinsichtlich Ausstellungspraxis, Inhalt und Form

Ausstellungspraxis

  • Im englischen Sprachraum gibt es keinen grundsätzlichen Anspruch auf eine Arbeitnehmerbeurteilung: Referenzen werden freiwillig ausgestellt oder verweigert. In einzelnen Fällen, Regionen und Berufsgruppen kann allerdings ein Anspruch gegeben sein.
  • Der Referenznehmer kann sich seine(n) Referenzgeber selbst auswählen.
  • Eine Referenz muss nicht zwingend vom Vorgesetzten bzw. einem Vertretungsberechtigten des Arbeitgebers ausgestellt werden, sondern kann theoretisch von jedem ausgestellt werden, der über die Kompetenz zur Beurteilung des Referenznehmers verfügt.
  • Eine Referenz wird zumeist durch eine Einzelperson ausgestellt, die ihre Beziehung zum Referenznehmer kurz erläutert (Art und Dauer der Zusammenarbeit) und ihn aus ihrer persönlichen Perspektive empfiehlt.
  • Aus Angst vor juristischen Auseinandersetzungen stellen Arbeitgeber häufig keine oder nur so genannte "No Comment-References" aus, welche nur das Arbeitsverhältnis bestätigen, aber keine Wertungen enthalten.
  • Referenzen können jederzeit, auch während des Arbeitsverhältnisses, ausgestellt werden. Hinsichtlich ihrer Datierung gibt es keine verbindlichen Vorgaben. Auch der Grund für eine Referenzausstellung wird nicht immer angegeben.
  • Ein Arbeitnehmer kann zu einem Arbeitsverhältnis mehrere Referenzen unterschiedlicher Personen vorlegen. Da jeder Referenzgeber den Arbeitnehmer aus einer anderen Perspektive sieht, können mehrere aussagekräftige Referenzen ein treffendes Gesamtbild ergeben.

Inhalt

  • Eine Referenz kann frei formuliert werden und muss nicht zwingend bestimmte Inhalte enthalten.
  • Eine Referenz hat eher den Charakter einer Empfehlung als den einer Beurteilung. Insbesondere US-amerikanische Referenzen enthalten häufig sehr starkes Lob.
  • In einer Referenz werden häufig keine grundsätzlichen Informationen zum Arbeitsverhältnis gegeben, die auch im Lebenslauf zu finden sind. Die Darstellung beschränkt sich (insbesondere in den USA) in erster Linie auf persönliche Einschätzungen der Fähigkeiten und des Charakters des Referenznehmers.
  • Konkrete Erfolgsbeschreibungen sind noch wichtiger für die Glaubwürdigkeit einer Referenz als für die Glaubwürdigkeit eines Arbeitszeugnisses, da in der Referenz in der Regel keine (umfassende) Aufgabenbeschreibung und keine systematischen Kernaussagen zu wesentlichen Leistungsbereichen enthalten sind.
  • Angaben zum Alter und zum Geburtsort, die in vielen Arbeitszeugnissen auch nach Inkrafttreten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes 2006 noch zu finden sind, sowie auch Angaben zur Elternschaft (in Arbeitszeugnissen in Form von Angaben zur Elternzeit zu finden) sind im englischen Sprachraum nicht üblich und in den USA tabu.
  • Aufforderungen zur Kontaktaufnahme werden in Referenzen häufig gemacht; hierzu werden auch Telefonnummern und E-Mail-Adressen angegeben.

Form

  • Eine Referenz kann frei gestaltet werden und muss nicht zwingend einer bestimmten Form entsprechen.
  • Referenzen beginnen wie ein Brief mit der Anrede und benötigen keine Überschrift.
  • Referenzen sind tendenziell etwas kürzer als Arbeitszeugnisse. Viele Aussteller haben den Anspruch, eine Referenz auf einer Seite auszustellen.

2.3 Grundsätzliche Gemeinsamkeiten

Die beiden Beurteilungsformen Referenz (Empfehlungsschreiben) und Arbeitszeugnis werden im deutschsprachigen Raum seit Jahrhunderten verwendet und haben sich wechselseitig beeinflusst. Während Arbeitszeugnisse immer detaillierter, persönlicher und damit "referenzartiger" wurden, verwendeten Aussteller vo...

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