Fachdossier: Referenzschrei... / 1.4 Probleme im Umgang mit Referenzen

Das "Reference Dilemma"

Die Praxis der Beurteilung von Arbeitnehmern ist im englischen Sprachraum vom sogenannten "Reference Dilemma" geprägt: Einerseits sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf zuverlässige Referenzen angewiesen. Wenn Arbeitgeber keine aussagekräftigen Beurteilungen von Bewerbern erhalten, ist der Zeit- und Kostenaufwand zur Auswahl des am besten geeigneten Kandidaten deutlich höher, was vor allem für kleinere und mittlere Unternehmen eine Hürde darstellt. Zugleich sind fähige Arbeitnehmer ohne Referenzen am Arbeitsmarkt benachteiligt (da ihr Aufwand, um ihre Eignung zu beweisen, steigt), während unfähige Arbeitnehmer im Vorteil sind (da potenzielle Arbeitgeber ihre fehlende Eignung im Voraus möglicherweise nicht erkennen). Damit entspricht die Ausstellung von Referenzen dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Interesse. Andererseits erteilen viele Arbeitgeber – schriftlich oder mündlich – keine Referenzen oder nur kurze Arbeitsbescheinigungen ohne Beurteilung ("No Comment References"). Ein Grund für diese Zurückhaltung ist die Furcht vor Schadenersatzklagen unzufriedener Referenznehmer, die sich gegen nachteilige und sachlich falsche Beurteilungen wehren. Ein anderer Grund ist die Furcht vor Schadenersatzklagen künftiger Arbeitgeber, die einen ihnen empfohlenen Arbeitnehmer einstellen, durch diesen Schaden erleiden und dann klagen, weil ihnen wesentliche negative Informationen über den Arbeitnehmer verschwiegen wurden (z. B. dem früheren Arbeitgeber bekannte Fälle von Gewalttätigkeit oder sexueller Belästigung). Die Ausstellung von Referenzen kann also für Arbeitgeber mit einem doppelten Risiko verbunden sein, zugleich ziehen sie aus der Ausstellung keinen direkten und kurzfristigen Nutzen.

Der Umgang mit dem "Reference Dilemma"

Das Reference Dilemma wurde in den vergangenen Jahrzehnten vor allem in den USA aufgrund einer zunehmenden Zahl von Arbeitnehmerklagen zu einem immer bedrohlicheren Problem. Seit den 90er Jahren suchen Gesetzgeber, Unternehmen und Arbeitnehmer vermehrt nach Lösungen, was bislang zu folgenden Maßnahmen führte:

  • Qualified Privilege: In den USA gewähren inzwischen die meisten Bundesstaaten Arbeitgebern Qualified Privilege, d. h. das Recht, gegenüber potenziellen Arbeitgebern auch kritische Aussagen über einen Arbeitnehmer zu machen, ohne dass dieser dagegen klagen kann. Qualified Privilege gilt aber nur dann, wenn keine falschen, irreführenden oder böswilligen Aussagen gemacht werden.
  • Verpflichtung zur Referenzausstellung: Ebenfalls in den USA wurden in den letzten Jahren Arbeitgeber einzelner Bundesstaaten und Branchen zur Referenzerteilung verpflichtet. Beispielsweise wurde für das Gesundheitswesen in New Jersey ein entsprechendes Gesetz erlassen, nachdem eine psychisch kranke Pflegekraft in 10 verschiedenen Krankenhäusern Patienten getötet hatte.
  • Arbeitnehmer verzichten auf Wahrnehmung ihrer Rechte: Arbeitnehmer werden im englischen Sprachraum zuweilen gebeten, durch Abschluss eines "Release" auf ihr Recht auf Information über den Inhalt erteilter Referenzen oder auch auf ihr Recht auf eine Klage bzgl. des Referenzinhalts zu verzichten. Im Gegenzug erteilt der Arbeitgeber schriftliche oder mündliche Referenzen. Ebenfalls können Bewerber dem potenziellen Arbeitgeber eine schriftliche Erlaubnis zur Kontaktaufnahme mit früheren Arbeitgebern und Wegbegleitern erteilen, sodass dieser gefahrlos Informationen einholen kann.
  • Professionalisierung der Referenzerteilung: Arbeitgeber implementieren interne Richtlinien zur Referenzerstellung und benennen Verantwortliche.

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