Arbeitsschutz nach dem Coro... / 1.2 Schwierige Risikoabschätzung

In Zeiten einer Pandemie ist davon auszugehen, dass jede Tätigkeit, die zu einem Kontakt unter Menschen führt, ein gewisses, wenn auch sehr geringes Infektionsrisiko birgt. Manche Tätigkeiten, v. a. Behandlung und Pflege von Infizierten, haben sogar ein erkennbar hohes Infektionsrisiko und müssen dennoch durchgeführt werden. Dazwischen liegt eine große Spanne von Tätigkeiten, die mehr oder weniger dringlich und mehr oder weniger infektionsgefährdend sind. Wenn Arbeitgeber ihre Betriebstätigkeit oder Teile davon aufrechterhalten oder wiederaufnehmen wollen, kommen sie nicht umhin, eine sorgfältige Risikoabschätzung zu treffen. Deutlicher als sonst im Arbeitsschutz wird dabei an vielen Punkten erkennbar, dass das Ziel nicht ein absolut sicherer Schutz sein kann, sondern ein akzeptables Restrisiko.

Dabei ist wichtig zu verstehen, dass das als sehr kritisch angesehene Hauptrisiko der Corona-Pandemie im epidemiologischen Bereich liegt, bei den zu hohen Fallzahlen schwerer Verläufe und einem als zu hoch eingestuften Risiko bestimmter Personengruppen. Das persönliche Risiko, dass sich aus einer Infektion mit SARS-CoV-2 für einen einzelnen Beschäftigten ergibt, ist nicht so hoch einzustufen, dass z. B. eine Tätigkeit in der Pflege oder im Einzelhandel mit Kundenkontakt nicht zumutbar wäre, auch wenn selbst unter Schutzmaßnahmen die Infektionsgefahr nicht ganz auszuschließen ist.

 
Praxis-Beispiel

Kein 100-%-Schutz

Das Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung (MNB) wird unter epidemiologischen Gesichtspunkten in der aktuellen Pandemielage als sinnvolle Maßnahme zur Reduktion der Infektionszahlen angesehen, besonders weil damit ggf. infektiöse Ausscheidungen des Trägers zurückgehalten werden. Unter Arbeitsschutzgesichtspunkten ist es aber kein umfassend wirksamer Schutz gegen eine Ansteckung des Trägers. Trotzdem weist der SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandard das Tragen einer MNB als Maßnahme für den Fall aus, dass Schutzabstände nicht vollständig eingehalten werden können. Es wird dabei akzeptiert, dass eine Ansteckung im Kontakt zu einem Infizierten zwar möglich bleibt, aber weil die Wahrscheinlichkeit dafür durch eine MNB sehr stark reduziert werden kann, stellt das Tragen eine sinnvolle Schutzmaßnahme dar.

In der Praxis kann das Ziel nicht sein, die letzte theoretisch mögliche Infektionsmöglichkeit auch noch auszuschließen. Dieser Ansatz führt oft dazu, dass Prozesse völlig unpraktikabel werden und Menschen sich unnötig Sorgen machen.

Die Risikoeinschätzung wird dadurch zusätzlich erschwert, dass einerseits wegen des anhaltenden Infektionsgeschehens zwar Maßnahmen dringend geboten erscheinen, aber deren Wirksamkeit im Einzelnen kurzfristig nicht mit Daten hinterlegt werden kann. Das gilt z. B. für die vom Arbeitsschutzstandard (Nr. 2.2) vorgesehenen Maßnahmen der Kontaktflächenhygiene wie die "regelmäßige" Reinigung von Türklinken und Handläufen, die Innenreinigung von Fahrzeugen und die Trennung von Arbeits- und Privatkleidung. Dabei handelt es sich um Maßnahmen, die zwar einerseits sicher Keimzahlen reduzieren können und die nicht schwer zu bewerkstelligen sind. Andererseits ist aber kaum abzuschätzen, in welcher Intensität und Häufigkeit bzw. in welcher Dringlichkeit diese Maßnahmen, die sich in der Praxis dann doch sehr aufwendig darstellen können, situationsabhängig angezeigt sind.

 
Praxis-Beispiel

Schutzabstand

Dass die Einhaltung eines Schutzabstands von 1,5 m eine der wichtigsten Maßnahmen in der Eindämmung des Infektionsgeschehens ist, steht außer Frage. Viele Hinweisschilder in Betrieben, Geschäften oder im öffentlichen Raum weisen jedoch auf die Einhaltung von Schutzabständen von 2 und sogar 3 m hin. Was ist nun gerechtfertigt? Klar ist, dass ein größerer Schutzabstand immer sicherer ist als ein geringerer. Andererseits werden richtige Ansätze durch Übertreibung nicht unbedingt besser, sondern auch unpraktikabel und unglaubwürdig – und damit kontraproduktiv. Eine wirklich zuverlässige datenbasierte Antwort auf diese und ähnliche Fragen kann es aktuell mangels entsprechender Studien nicht geben. Einstweilen müssen die Vorgaben aus den öffentlichen Bekanntmachungen und Erlassen sowie der SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandard den Arbeitgebern als Richtschnur dienen.

 
Achtung

Vorsicht mit "gefühltem" Handlungsdruck

Arbeitsplatzbezogene Infektionsschutzmaßnahmen waren in der Covid-19-Pandemie nicht selten aus psychischen Gründen motiviert. Ängste von Mitarbeitern wurden durch das breite, sehr divergierende und zum Teil emotional aufgemachte Medienecho zum Thema geschürt, sodass die betrieblich Verantwortlichen sich den Forderungen nach bestimmten, als unverzichtbar empfundenen Schutzmaßnahmen kaum entziehen konnten.

Manchmal sind es auch die Verantwortlichen selber, die, um vermeintlich sicherzugehen, unbedingt noch mehr tun wollen, als es eine nüchterne Risikoabschätzung erforderlich machen würde.

Grundsätzlich ist es dem Arbeitgeber natürlich freigestellt, seine Fürsorgepflicht ggf. auch sehr weit auszulegen. Problematisch wird es aller...

Das ist nur ein Ausschnitt aus dem Produkt Haufe Personal Office Platin. Sie wollen mehr? Dann testen Sie hier live & unverbindlich Haufe Personal Office Platin 30 Minuten lang und lesen Sie den gesamten Inhalt.


Meistgelesene beiträge