Arbeitsschutz in der Corona... / 3.1.6 Lüftung

Dem Thema Lüftung kommt wegen der zwischenzeitlich zugewonnenen Erkenntnisse zur Aerosolausbreitung in der Arbeitsschutzregel deutlich mehr Bedeutung zu, als das anfänglich im Arbeitsschutzstandard der Fall war.

Fensterlüftung

Um eine Anreicherung von vermehrungsfähigen Viren in der Atemluft bei Anwesenheit eines Aerosolausscheiders zu vermeiden, soll nach Abschn. 4.2.3 Abs. 4 C-ASR möglichst intensiver gelüftet werden als das nach ASR A3.6 vorgesehen ist, also mehr als einmal stündlich in Büroräumen bzw. alle 20 Minuten in Besprechungsräumen. Dabei ist eine Stoßlüftung über die gesamte Fensterfläche von 3–10 Minuten vorzusehen. Welche Lüftungsdauer erforderlich ist, hängt ab von

  • Fenstergröße,
  • räumlicher Situation,
  • Temperaturdifferenz (Faustregel: 10 Minuten bei warmem Wetter, 5 Minuten bei moderaten Temperaturen, 3 Minuten bei niedrigen Temperaturen),
  • Winddruck auf dem Gebäude.
 
Achtung

Infektionsschutzgerechtes Lüften praktisch schwierig

Für die Praxis ist ein derartig intensives Lüftungsverhalten schwer umsetzbar, erst recht nicht in der kühleren Jahreszeit. Das spricht dafür, die Belegung in Arbeitsräumen durch andere Maßnahmen entsprechend zu entzerren.

Raumlufttechnische Anlagen

Das Übertragungsrisiko durch raumlufttechnische Anlage (RLT-Anlagen) wird in der SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel dann als gering eingestuft, wenn diese Anlagen mit hohem Umluftanteil oder mit hochwertigen Filteranlagen (sog. HEPA-Filtern) betrieben werden. Letzteres ist allerdings bei vielen herkömmlichen Anlagen z. B. in Büroräumen nicht der Fall. Auf jeden Fall soll der Anteil an Zuluft möglichst hoch eingestellt werden und bei nicht dauernd betriebenen Anlagen die Laufzeiten erhöht werden, z. B. in Sanitärräumen von Bedarfsbetrieb auf Dauerbetrieb bzw. längere Laufzeiten und bei Besprechungsräumen so, dass bereits vor und nach angesetzten Terminen gelüftet wird.

 
Praxis-Tipp

CO2-Wert als Lüftungsindikator

Die Luftqualität kann mithilfe der CO2-Konzentration in der Atemluft beurteilt werden. Nach ASR A3.6 gilt ein Wert von 1.000 ppm noch als akzeptabel. Unter Corona-Epidemiebedingungen soll er möglichst unterschritten werden (Abschn. 4.2.3 Abs. 3 SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel).

Es ist wichtig zu verstehen, dass nicht der CO2-Gehalt der Atemluft als solcher eine Rolle im Infektionsgeschehen spielt, sondern lediglich seine Indikatorfunktion. Es ist daher auch nicht dringend erforderlich, den CO2-Wert exakt zu bestimmen, um das Lüftungsverhalten einschätzen zu können. Einfache Messgeräte, soweit vorhanden, reichen dafür aus. Eine sehr praktikable Hilfe sind aber auch Rechenprogramme, z. B. der Lüftungsrechner der BGN und die CO2-App der DGUV.

Mithilfe dieser Rechenanwendungen, die mit einer sehr großen Menge an Daten hinterlegt sind, ist es möglich, aus Angaben zur Raumgröße und der Zahl der Anwesenden die erforderlichen Lüftungsintervalle zu bestimmen. Auf diese Weise kann abgeschätzt werden, ob eine Raumsituation z. B. kritisch eng oder noch gut tolerabel ist.

Der Umluftbetrieb von Anlagen ohne HEPA-Filter ist nach SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel möglichst zu vermeiden. Das betrifft in der Praxis neben bestimmten Formen von Heizungssystemen besonders die beliebten Split-Klimaanlagen, bei denen die Raumluft nur gekühlt (und dabei umgewälzt), aber nicht ausgetauscht wird. In Zweifelsfällen muss über eine Nachrüstung von Filtergeräten nachgedacht werden, mindestens aber in einer Gefährdungsbeurteilung ermittelt werden, ob bzw. wie die betroffenen Räume ggf. mit ergänzenden Schutzmaßnahmen weiter betrieben werden können.

Es ist darauf zu achten, dass auch Nebenräume (soweit sich Beschäftigte mehr als nur gelegentlich dort aufhalten), Flure usw. ausreichend gelüftet werden.

 
Wichtig

DGUV-Empfehlungen zum Lüftungsverhalten an Innenraumarbeitsplätzen

Dieses unter der Nummer FBVW-502 geführte Infopapier[1] gibt u. a. zu folgenden Stichpunkten praxisgerecht einen Überblick über infektionsschutzgerechtes Lüften in der Corona-Epidemie:

  • Freie Lüftung
  • Technische Lüftung
  • Dezentrale oder mobile Umluftgeräte
  • Luftreinigung
  • Klimatische Bedingungen
  • Zusammenfassung der wichtigsten Empfehlungen

Dabei wird deutlich, dass gerade das Thema Lüftung zu komplex ist, als dass einfach allgemeingültige und vollständig sichere Empfehlungen gegeben werden könnten. Letztlich muss vor Ort in einer Gefährdungsbeurteilung entschieden werden, ob z. B. Restrisiken, die sich aus einer bestimmten räumlich-technischen Situation ergeben können, vor dem Hintergrund betrieblicher Notwendigkeiten tolerabel sind oder nicht.

 
Praxis-Beispiel

Hallenheizungen mit Warmluftventilatoren

Größere Hallen werden üblicherweise nicht mit Konvektionsheizkörpern, sondern mit speziellen Hallenheizungen betrieben, die die erwärmte Luft i. d. R. über Gebläse im Raum und in die Richtung der Arbeitsplätze verteilen. Dabei können Schutzabstände zwischen Beschäftigten überbrückt werden. Allerdings haben gerade diese Hallen große Luftvolumina für oft nur sehr wenige Beschäftigte, die sich dort aufhalten. Wenn das s...

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