14.06.2011 | Arbeitsrecht

Bericht aus Bonn: Demografie – Die 35-Stunden-Woche wird zum Auslaufmodell

Allmählich wird es Ernst mit den Folgen des demografischen Wandels. Mehr und mehr Firmen stellen fest, dass es zunehmend schwieriger wird, junge qualifizierte Auszubildende für sich zu gewinnen. Dr. Hilmar Schneider vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit erläutert, welche Maßnahmen die Politik und die Unternehmen ergreifen können.

Allein in diesem Jahr stehen dem Arbeitsmarkt 150.000 junge Menschen weniger zur Verfügung als noch im letzten Jahr. So wird das auch in den nächsten Jahren unvermindert weitergehen. Im Jahr 2020 wird die Zahl der 15-24-Jährigen um 1,1 Mio. niedriger liegen als derzeit. Bis dahin kann das schwindende Nachwuchsreservoir zumindest rein rechnerisch noch durch Arbeitnehmer jenseits der 50 ausgeglichen werden. Aber spätestens danach – wenn die geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter kommen – schlägt die Demographiefalle unerbittlich zu.

Selbst unter optimistischen Annahmen werden in Deutschland nach den geltenden Prognosen des Statistischen Bundesamtes schon ab 2013 Jahr für Jahr 300.000 Arbeitskräfte weniger zur Verfügung stehen als noch im Jahr zuvor. Dieser Prozess wird über einen Zeitraum von mindestens 30 Jahren anhalten. Der Optimismus bezieht sich dabei auf die Annahmen zur Zuwanderung. Unterstellt wird dabei nämlich eine jährliche Nettozuwanderung von 200.000 Personen ab dem Jahr 2020. Angesichts eines derzeitigen Wanderungssaldos von Null und angesichts der nach wie vor großen politischen Vorbehalte gegenüber einer aktiv gesteuerten Zuwanderung kann dieses Ziel durchaus als ambitioniert gelten. So ist zu befürchten, dass Deutschland in absehbarer Zeit eher 500.000 als 300.000 Arbeitskräfte pro Jahr fehlen werden.

Auch wenn die Dimension beunruhigend klingt: Es gibt für die Politik hinreichend viele Möglichkeiten, dem Problem zu begegnen. Neben einer aktiv gesteuerten Zuwanderung zählen dazu eine Erhöhung der Frauenerwerbsbeteiligung, eine bessere Ausschöpfung des Potenzials von Jugendlichen und eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Allerdings ist dafür das Bohren dicker Bretter erforderlich als da wären: Abschaffung des Ehegattensplittings, Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung von Familienangehörigen in der gesetzlichen Krankenversicherung, Abschaffung von Minijobs, Schaffung einer flächendeckenden Ganztagsbetreuungsinfrastruktur für Kinder und Jugendliche und eine Anhebung des Rentenzugangsalters. Für Politiker, die wiedergewählt werden möchten, liest sich das wie eine Liste dessen, was unter allen Umständen zu vermeiden ist.

So bleibt die Lösung des Problems wieder einmal bei den Firmen selbst hängen. Denen wird unter den gegebenen Umständen nur die Möglichkeit bleiben, das Weniger an Köpfen durch ein Mehr an Arbeitszeit pro Kopf zu kompensieren. Der damit verbundene Reaktionspuffer ist durchaus beachtlich: Würden die Deutschen statt wie heute gut 1.400 Stunden im Jahr künftig im Durchschnitt 1.700 Stunden im Jahr arbeiten, würde sich das Verhältnis von potenziell Erwerbstätigen zu tatsächlich Erwerbstätigen auf lange Sicht auf dem heutigen Niveau halten lassen. Selbst wenn dieses Ziel erreicht würde, würden die Deutschen damit immer noch 100 Stunden weniger im Jahr arbeiten als es beispielsweise Amerikaner oder Japaner schon heute tun. Zweifellos wird diese Therapie für die Unternehmen weder schmerzfrei noch kostenlos zu haben sein. Dafür hat sie unbestreitbar den Vorteil, dass sie auch kurzfristig greift und damit den vorhandenen Entscheidungsstrukturen in vielen Unternehmen entgegenkommen dürfte.

 

Unser Experte vom IZA:

Dr. Hilmar Schneider, Direktor Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), Bonn.

Einmal im Monat erläutert Dr. Hilmar Schneider die Zukunft der Arbeit aus Sicht des IZA und gibt Gestaltungsempfehlungen für die betriebliche Personalarbeit.

Berichte aus Bonn und Brüssel: Unsere Kolumnenserie

Dr. Hilmar Schneider und Klaus-Dieter Sohn berichten im 14-täglichen Wechsel Aktuelles aus ihrem Fachgebiet.

 

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