20.03.2012 | Arbeitsrecht

Bericht aus Bonn: Übernahmegarantie für Azubis ist ein „Bärendienst“

In der laufenden Tarifrunde um höhere Löhne rasseln verdi und IG Metall mächtig mit ihren Säbeln. Die diesmal gleichzeitig erhobene Forderung nach einer Übernahmegarantie für Auszubildende schadet jedoch eher den Betroffenen, sagt Dr. Hilmar Schneider vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit.

Zweifellos ist es das gute Recht der Arbeitnehmervertretung, ihre Beteiligung am wachsenden Wohlstand einzufordern. Was aber die diesmal gleichzeitig erhobene Forderung nach einer Übernahmegarantie für Auszubildende damit zu tun haben soll, bleibt das Geheimnis der Gewerkschaften. Mag sein, dass die mit einem drastischen Mitgliederschwund kämpfenden Gewerkschaften glauben, mit solchen Forderungen junge Menschen wieder stärker für sich gewinnen zu können. Wer genauer hinschaut, wird jedoch erkennen, dass eine Übernahmegarantie den Betroffenen mehr schadet als nutzt.

Deutschland hat einen hoch regulierten Arbeitsmarkt mit einem strengen Kündigungsschutz. Überall sonst, wo solche Regelungen gelten, senkt das die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen. Fehlbesetzungen werden für Firmen zu einem kostenträchtigen Risiko. Die Folgen bekommen insbesondere junge Menschen zu spüren, wie man beispielsweise an den hohen Jugendarbeitslosenquoten in Frankreich, Italien und insbesondere Spanien ablesen kann. Wer als unbeschriebenes Blatt einen Job ergattern möchte, aus dem man nur noch gegen hohe Abfindungszahlungen entlassen werden kann, hat es sehr schwer. Dass der Einstieg ins Erwerbsleben für Jugendliche in Deutschland dagegen relativ einfach ist, haben sie maßgeblich dem dualen Ausbildungssystem zu verdanken. Es sorgt für Qualifikationsstandards, die das kündigungsschutzbedingte Einstellungsrisiko für Unternehmen auf effektive Weise reduzieren. Im Rahmen der dualen Ausbildung haben Unternehmen zwei bis drei Jahre Zeit, um das erforderliche Wissen betriebsnah zu vermitteln und sich einen profunden Eindruck über die Eignung der Auszubildenden für eine spätere Übernahme zu verschaffen. Das funktioniert so effektiv, dass die Jugendarbeitslosenquote in Deutschland traditionell sogar niedriger ist als in marktliberalen Ländern wie Großbritannien.

Würden sich die Gewerkschaften mit ihrer Forderung nach einer Übernahmegarantie durchsetzen, käme dies letztlich einer Zerstörung der Grundlage des dualen Ausbildungssystems gleich. Das Einstellungsrisiko würde von dem Zeitpunkt nach der Ausbildung auf den Zeitpunkt vor der Ausbildung verlagert. Das Ergebnis bestünde darin, dass sowohl die Ausbildungs- als auch die Einstellungsbereitschaft drastisch sinken würde. Diejenigen, die geschützt werden sollen, würden aufs Härteste bestraft werden. Es steht hier wirklich viel auf dem Spiel. Das duale Ausbildungssystem hat bislang nicht nur jungen Menschen erfolgreich den Einstieg ins Berufsleben geebnet, sondern durch eine weltweit einzigartige betriebsnahe Qualifikation maßgeblich zu dem Erfolg deutscher Unternehmen auf den Weltmärkten beigetragen. Im Interesse der jungen Menschen in diesem Land bleibt daher nur zu hoffen, dass sich die Arbeitgeberseite der Forderung nach einer Übernahmegarantie für Auszubildende erfolgreich widersetzen kann.

 

Unser Experte vom IZA:

Dr. Hilmar Schneider, Direktor Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), Bonn.

Einmal im Monat erläutert Dr. Hilmar Schneider die Zukunft der Arbeit aus Sicht des IZA und gibt Gestaltungsempfehlungen für die betriebliche Personalarbeit.

Berichte aus Bonn und Brüssel: Unsere Kolumnenserie

Dr. Hilmar Schneider und Klaus-Dieter Sohn berichten im 14-täglichen Wechsel Aktuelles aus ihrem Fachgebiet.

 

 

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