19.05.2015 | Top-Thema Willkommenskultur in der öffentlichen Verwaltung

Ursprung der Willkommmenskultur

Kapitel
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Der 1. Teil des Top-Themas betrachtet den Ursprung der aktuellen politischen Debatte um Willkommenskultur in Deutschland sowie die Frage, woher der Begriff Willkommenskultur stammt.

Noch im Sommer 2010 stellte der damalige Innenminister Thomas de Maizière fest:

Wir haben in Deutschland leider keine ‚Willkommenskultur’. Entscheidend ist doch auch, wie die Menschen behandelt werden, die zu uns kommen. Da liegt manches im Argen.

Mit dieser Aussage wurde eine intensive und noch anhaltende gesellschaftliche Debatte ausgelöst und in den folgenden Monaten und Jahren erlebte der Begriff Willkommenskultur eine stetige Zunahme an Verwendung in der politischen Rhetorik sowie an gesellschaftlicher Aufmerksamkeit.

Dabei kommt der Begriff doch nicht ohne eine ‚sinnvolle Unschärfe’ aus, die eine mannigfache und milieugerechte Auslegung und Anwendung erlaubt.

Ökonomische Motivation

Der Begriff Willkommenskultur – ebenso wie die Forderung nach selbiger – entstand aus einer primär ökonomischen Motivation heraus. Mit der offenen Kommunikation der Herausforderung des Fachkräftebedarfs und der Prognose eines zu erwartenden Fachkräftemangels durch das Bundesministerium für Arbeit im Jahr 2011 hielt der Begriff Einzug in die politische und wirtschaftliche Debatte. Die demografische Entwicklung in Deutschland führt zu einer generell überalternden Bevölkerung und insbesondere einem erheblichen Rückgang der Erwerbsbevölkerung. Daraus resultiert die Erkenntnis: Ohne die Gewinnung und Ansiedlung ausländischer Fachkräfte lässt sich eine gesunde Wirtschaftslage nicht aufrechterhalten. Jedoch steht Deutschland im globalen Wettbewerb um den Zuzug qualifizierter Erwerbsbevölkerung und zeitweise schwache Einwanderungsraten verdeutlichten die Herausforderungen, die mit Neuansiedlung von Erwerbsbevölkerung einhergehen. Im Zuge des internationalen Wettbewerbs um qualifizierte Arbeitskräfte bemüht sich Deutschland daher um eine neue Attraktivität; der Ruf nach Willkommenskultur bezieht sich somit in seinen Ursprüngen auf einen Ruf nach neuen Arbeitskräften.

Skeptischer Realismus vs. gelebte Willkommenskultur

Im Dezember des Jahres 2012 kommt eine repräsentative Studie der Bertelsmann Stiftung zu einem ernüchternden Ergebnis: Statt einer gelebten Willkommenskultur dominiert ein skeptischer Realismus. Zwar unterstützen über 70 % der Befragten die Wichtigkeit der Zuwanderung zur Ansiedlung neuer Unternehmen, Ausgleich des Fachkräftemangels und Verlangsamung der Überalterung – jedoch gehen gleichzeitig etwa 2/3 der Befragten von teils massiven Problemen als Folge einer erhöhten Zuwanderung aus. Die Studie stellt Deutschland ein schlechtes Zeugnis aus und skizziert einen deutlichen Handlungsbedarf hinsichtlich der Verankerung von Willkommenskultur in der Gesellschaft. Damit war nun endgültig die Diskussion um Willkommenskultur für die Folgejahre entbrannt.

OECD-Studie: Deutschland ist Einwanderungsland

Im Jahr 2014 konnten sodann 2 Untersuchungsergebnisse in die Debatte einbezogen werden. Im Mai kommt eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) überraschend zu dem Ergebnis, Deutschland sei nach den USA das zweitbeliebteste Einwanderungsland der Welt und es kam in den Jahren nach 2012 zu einem regelrechten Boom der Zuwanderung nach Deutschland. Deutschland konnte sich trotz fehlender Willkommenskultur einen internationalen Spitzenplatz der Attraktivität sichern. Ende 2014 bestätigt darüber hinaus eine grundlegende und belastbare Studie des Bundesministerium für Wirtschaft und Energie den Mehrwert durch internationale Fachkräfte und die Wichtigkeit des dadurch geleisteten Beitrags zur Fachkräftesicherung in Deutschland in den Bereichen Gesundheit/Pflege sowie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT). Das Ministerium ruft sodann dazu auf, Zuwanderung aktiv zu gestalten und „eine offenere Willkommenskultur zu entwickeln – auch für zugewanderte Fachkräfte – ist ein wichtiger Schritt zur Zukunftssicherung unseres Landes. Um weltweit Fachkräfte für eine Karriere in Deutschland zu begeistern, benötigen wir in Politik, Gesellschaft, Verwaltung und in Unternehmen eine Willkommenskultur, die zum Bleiben einlädt.“

Herausforderung für die Verwaltung: Willkommenskultur mit Leben füllen

Man könnte nun gewillt sein anzunehmen, die Zahlen der OECD belegten, dass man im internationalen Wettbewerb auch ohne Willkommenskultur erfolgreich Zuwanderer anwerben könne. Doch während Deutschland gerade durch die schlechte Wirtschaftslage im europäischen Ausland profitiert und an Attraktivität gewinnt, belegt ein Vergleich der Zuwanderungen versus Abwanderungen, dass nur etwa 35–45 % der qualifizierten Zuwanderer länger als ein Jahr in Deutschland bleiben, d. h., die Integration der umworbenen Fachkräfte scheitert in der Praxis. Gerade der öffentlichen Verwaltung kommt hierbei eine Schlüsselrolle zu, ist sie doch oftmals das erste „Gesicht" von Deutschland für qualifizierte Zuwanderer. Gerade hochausgebildete Akademiker, die von Politik und Unternehmen massiv umworben werden, erleben hier ein ernüchterndes Erwachen. Eine Untersuchung aus Bayreuth bestätigt, dass die Erfahrungen von Akademikern mit Ausländerbehörden die Tatsache untermauern, dass zugewanderte Akademiker bei Behördengängen alles andere als Willkommenskultur erleben. Stattdessen berichten die Befragten, dass sie sich nach Behördengängen frustriert und unerwünscht fühlten und dass diese negativen Eindrücke ihr Bild von einem Aufenthalt in Deutschland maßgeblich negativ prägten.

Angesichts der deutlichen wirtschaftlichen Bedrohung durch die demografische Entwicklung ist eine systematische Zuwanderung qualifizierter ausländischer Fachkräfte nicht mehr Option, sondern hinlängliche Notwendigkeit. Der öffentlichen Verwaltung kommt hier eine besondere Rolle als Aushängeschild der Attraktivität einer Gesellschaft zu, dessen Eindruck bisher deutliches Verbesserungspotential aufzeigt.

Schlagworte zum Thema:  Öffentliche Verwaltung, Interkulturelle Kompetenz, Kommunen

Aktuell

Meistgelesen