19.05.2015 | Top-Thema Willkommenskultur in der öffentlichen Verwaltung

Messbarkeit und Auditierung von Willkommenskultur

Kapitel
Idealer Soll-Zustand einer interkulturelle offenen Institution.
Bild: Prof. Dr. Christopher Stehr, Benjamin E. Jakob

Kultur als abstrakter Sammelbegriff menschlichen Verhaltens entzieht sich oftmals der direkten Messbarkeit und lässt sich nur über die sinnvolle Messung und Interpretation von Ausprägungen beschreiben und erfassen. Der letzte Teil des Top-Themas geht auf die Möglichkeiten der Messbarkeit und Auditierung von Willkommenskultur ein.

Messung von interkultureller Offenheit

Hierzu ist es notwendig, die Grundlage von Willkommenskultur, die interkulturelle Offenheit einer Institution, zu erfassen und zu messen.Die sog. Auditierung der interkulturellen Offenheit (AIKO) wurde in intensiver Forschungsarbeit und Zusammenarbeit mit Unternehmen und Verwaltungseinrichtungen an der German Graduate School of Management and Law in Heilbronn entwickelt. Seit 2011 widmet sich hier ein Forschungsteam der Verfeinerung der Messung interkultureller Offenheit, parallel zur politischen Diskussion um Willkommenskultur. Die Messbarmachung und Messung von interkultureller Offenheit bieten sich insbesondere an, da in der bestehenden Forschungsliteratur zu interkultureller Kompetenz die Offenheit in praktisch allen Forschungsansätzen als wesentliche Schlüsselfähigkeit identifiziert wurde.

Prozess in der Organisationsentwicklung

Die interkulturelle Offenheit oder die interkulturelle Öffnung als der Offenheit zugrunde liegender Prozess erlaubt dahingehend eine entsprechende Beschreibung als „ein bewusst gestalteter Prozess, der (selbst-)reflexive Lern- und Veränderungsprozesse von und zwischen unterschiedlichen Menschen, Lebensweisen und Organisationsformen ermöglicht, wodurch Zugangsbarrieren und Abgrenzungsmechanismen in den öffentlichen Organisationen abgebaut werden und Anerkennung möglich wird.

Die interkulturelle Öffnung kann somit als ein Prozess der Organisationsentwicklung verstanden werden, der die Zugangsbarrieren für Migranten zu Bildung, Kultur und sozialen Diensten beseitigt. Es bedarf Einzelner oder Gruppen, die als Pioniere den Impuls geben. Die Organisationsentwicklung erfolgt sowohl in Top-down- als auch in Bottom-up-Richtung. Sie erfasst die Organisation als Ganze und basiert auf einem Gesamtkonzept, das bestimmten Qualitätsstandards entspricht. Der Prozess der Organisationsentwicklung soll dazu beitragen, dass alle Dienste und Angebote einer Organisation für jeden, unabhängig von seiner Herkunft, Religion, Weltanschauung und Lebensweise, offenstehen. Basierend auf diesem Prozessgedanken, der zu einer interkulturellen Offenheit führt, war es möglich, einen entsprechenden Mess- und Auditierungsprozess zu gestalten. Anspruch ist es, für Unternehmen und Institutionen der öffentlichen Verwaltung konkrete Handlungsempfehlungen für die Auditierung der interkulturellen Offenheit zu bieten.

Idealbild als Ausgangspunkt

Die Basis von Auditverfahren bildet die langjährige Diskussion zu den Themenfeldern Qualitätsmodelle, Qualitätsmanagement bzw. Qualitätsmanagementsysteme (QM-Systeme). Audit wird definiert als „systematischer, unabhängiger und dokumentierter Prozess zur Erlangung von Auditnachweisen und zu deren objektiven Auswertung, um zu ermitteln, inwieweit Auditkriterien erfüllt sind.“

Die ideale interkulturell kompetente Institution analysiert und überprüft stets ihre interkulturelle Entwicklung in Bezug auf die Bereiche Struktur, Personal, Unternehmenskultur und Prozesse. Es findet also ein permanenter Abgleich mit der Vision bzw. dem Idealbild statt. Gegengesteuert oder optimiert wird mittels Indikatoren und Kennzahlen, anhand derer die Entwicklung sichtbar und kontrollierbar wird.

Bisher bekannte und bereits entwickelte Audit- und Zertifizierungsverfahren können somit auch für die Auditierung der interkulturellen Kompetenz von Institutionen der öffentlichen Verwaltung herangezogen werden. Hierzu erfolgte ein Adaptionsprozess, um ein übliches Audit- und Zertifizierungsverfahren auf ein mögliches interkulturelles Prüfverfahren zu übertragen. Hierzu können in der Praxis Expertenworkshops und leitfadengestützte Expertenworkshops durchgeführt werden, um ein Idealbild einer interkulturell kompetenten Institution als Soll-Zustand zu skizzieren.

Gem. der Expertenmeinung umfasst ein Soll-Zustand der interkulturellen Offenheit qualitative und quantitative Indikatoren in den Kategorien

  • Unternehmenskultur,
  • Personal,
  • Prozesse,
  • Ressourcen und
  • Struktur.

Bei der Überprüfung dieser Bereiche kann im Zuge der Auditierung auf ggf. bereits durchgeführte Qualitätszertifizierungen zurückgegriffen und Informationen über die Teilbereiche übernommen werden, wie beispielsweise Zertifizierungen nach ISO-Standards oder dem EFQM-Modell. Abb. 1 der Bilderserie zeigt den idealen Soll-Zustand einer interkulturell offenen Institution.

Checkliste zur Selbstanalyse

Basierend auf diesem Idealmodell als Soll-Zustand der interkulturell offenen Institution ist es möglich die interkulturelle Kompetenz von Institutionen sowohl zu messen als auch zu zertifizieren. Hierzu wurden durch Experteninterviews und Expertenworkshops Kategorien mit zu prüfenden Indikatoren herausgearbeitet. Basierend auf den entwickelten Indikatoren ist es sodann möglich, eine Checkliste zu erstellen, die als Leitfaden für eine Auditierung der interkulturellen Offenheit dient (vgl. Abb. 2 der Bilderserie). Basierend auf diesen Leitfragen konnten bereits wiederholt Unternehmen und öffentliche Einrichtungen erfolgreich auditiert werden. Durch die Auditierung anhand der Checkliste ist es möglich, die wesentlichen Handlungsfelder für Maßnahmen zur Entwicklung der interkulturellen Offenheit zu identifizieren. Durch die Einführung von interkultureller Offenheit als institutioneller Prozess ist es möglich, Willkommenskultur in Einrichtungen der öffentlichen Verwaltung zu entwickeln und zu optimieren.

Basierend auf der Checkliste zur Auditierung der interkulturellen Offenheit ist es möglich, mit einfachen Ja-/Nein-Feststellungen eine erste Selbstanalyse durchzuführen. Ja-Antworten sind Indikatoren für eine hohe interkulturelle Offenheit, Nein-Antworten für eine niedrige Offenheit. Aus dem Abgleich der Ergebnisse ist es möglich, die notwendigen Entwicklungsfelder der jeweiligen Verwaltungseinheit zu identifizieren und durch eine entsprechende Gap-Analyse den Soll- und Ist-Zustand konstant abzugleichen. Dies erlaubt sowohl die kontinuierliche Verbesserung und Analyse der internen Prozesse als auch die Vorbereitung auf eine Zertifizierung durch externe Beteiligte. Durch die Anwendung der Bestandteile der Auditierung der interkulturellen Offenheit (AIKO) ist es somit möglich, Aussagen über den Grad der Willkommenskultur in der öffentlichen Verwaltung zu treffen.

Hier geht's zur Bilderserie "Messbarkeit und Auditierung von Willkommenskultur"

Schlagworte zum Thema:  Interkulturelle Kompetenz, Öffentliche Verwaltung, Kommunen

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