19.05.2015 | Top-Thema Willkommenskultur in der öffentlichen Verwaltung

Definition der Willkommenskultur

Kapitel
Die zuwandernde Bevölkerung soll durch regulatorische Maßnahmen davon überzeugt werden, "willkommen" zu sein.
Bild: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2011)

Einleitend wurde bereits von einer „sinnvollen Unschärfe“ des Begriffs Willkommenskultur gesprochen. Der 2. Teil des Top-Themas widmet sich der Frage, wie sich Willkommenskultur definieren lässt.

Es gestaltet sich in der Tat schwierig, den Begriff eindeutig zu definieren. Vielmehr ergeben sich die Ausprägung einer Willkommenskultur und die damit verbundenen Ebenen oftmals erst aus dem Kontext der Anwendung. Umfassend kann Willkommenskultur zunächst definiert werden als die Offenheit einer Gesellschaft, eines Unternehmens oder einer Institution gegenüber Migranten. Diese Definition birgt in sich bereits ein Element der „Offenheit“, spezieller der interkulturellen Offenheit, das im Weiteren eingehender betrachtet wird. Zunächst kann Willkommenskultur als eine Art der Begrüßung und des Aufnehmens verstanden werden, die zum Ausdruck bringt, dass die empfangenen Personen erwünscht sind.

Auf einer migrationspolitischen und aufenthaltsrechtlichen Ebene handelt es sich hierbei um eine Optimierung von Prozessen, Regelungen und Maßnahmen mit der Zielsetzung, Personen aufgrund der Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen oder aufgrund des Kontakts mit den Behörden nicht von einem Migrationsentscheid abzuhalten. Im Gegenteil: Die zuwandernde Bevölkerung soll durch regulatorische Maßnahmen davon überzeugt werden, „willkommen“ zu sein.

Willkommenskultur und Anerkennungskultur

In einer differenzierteren Betrachtung ist diese Definition zu erweitern. Denn zu einer gelebten Willkommenskultur i. S. d. Umgangs und der Wertschätzung kultureller Vielfalt ist nicht nur eine Kultur des Willkommen-Heißens, sondern auch des Anerkennens notwendig für die Etablierung und Integration in die Gesellschaft (vgl. Abb.). Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge differenziert dahingehend zwischen einer Willkommenskultur als „Neu-Zuwandernde anhand attraktiver Rahmenbedingungen ‚Willkommen’ heißen und anerkennend in die Gesellschaft aufnehmen. Willkommenskultur richtet sich an alle legalen Neu-Zuwandernden“ und einer Anerkennungskultur als „die Anerkennung aller in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund durch die Aufnahmegesellschaft, wobei die Wertschätzung der Potenziale im Mittelpunkt steht“.

Innerhalb dieses Modells lassen sich unterschiedliche Phasen der Zuwanderung identifizieren:

  1. Eine Phase der Vorintegration, in der sich der Zuwandernde bewusst für den Zuzug in ein Land entscheidet, und eine Phase des Ankommens, der ersten Orientierung. In der 1. Phase muss eine aktive Willkommenskultur primär Information bereitstellen, die der Entscheidungsfindung dient und das Zielland als aktives Einwanderungsland identifiziert.
  2. In der 2. Phase des Ankommens ist insbesondere die Unterstützung bei allen Fragen des alltäglichen Lebens, der Behördengänge, der Sicherung der familiären und beruflichen Situation vorrangig. Wichtig für den Erfolg der ersten 2 Phasen sind Ansprache und Bereitstellung von Information in der Herkunftssprache des Zuwanderers; dies erleichtert sowohl die Vorintegration als auch die Erstorientierung und vermittelt eine Atmosphäre der interkulturellen Wertschätzung.
  3. Während diese ersten beiden Phasen sich dem Willkommen-Sein widmen, ist die 3. Phase der Etablierung der Zugezogenen oftmals entscheidend und signalisiert eine Kultur der Anerkennung. Hierbei ist es von entscheidender Bedeutung, die Zugewanderten aktiv in das gesellschaftliche Leben zu integrieren und als Mitglieder der Gesellschaft zu verstehen. Für die öffentliche Verwaltung liegt der Schwerpunkt sicherlich auf der 2. Phase bei der Unterstützung der Erstorientierung durch ein Klima der freundlichen Aufnahme, die den Übergang zu einer Phase der Etablierung ebnet.

Für eine gelebte Willkommenskultur und gerade im Hinblick auf die Herausforderung, neue zugezogene Fachkräfte dauerhaft in der Gesellschaft zu etablieren, ist ein umfassendes Verständnis von Willkommenskultur notwendig. Willkommenskultur i. S. d. Arbeitsdefinition dieses Beitrags versteht sich als aktive Wertschätzung einer Gesellschaft gegenüber qualifizierten ausländischen Fachkräften, um den Umgang mit Vielfalt in der Gesellschaft und damit die Teilnahme der Bevölkerung an der Gesellschaft zu verbessern, und nicht um bloßes „Anlocken“ von Fachkräften.

Praxis-Beispiel: Stadt Basel
Als gutes Praxis-Beispiel, wie auch und gerade Einheiten der öffentlichen Verwaltung eine gelebte und wertschätzende Willkommenskultur darstellen können, gilt die Stadt Basel: Hier werden Zugezogene aktiv in mehrsprachigen Stadtrundgängen in das tägliche Leben der Stadt Basel eingeführt und im gemeinsamen Erleben wird die kulturelle Bindung gestärkt. Darüber hinaus wird auf Quartiersebene (Stadtteilebene) durch regelmäßige Veranstaltungen den Zugezogenen die Möglichkeit des Austauschs und der Begegnung am neuen Wohnort geschaffen.

Praxis-Beispiel: Welcome Center in Deutschland
In Nordamerika gelten die von der öffentlichen Verwaltung getragenen Welcome Center als Best-practice-Beispiele. Diese regionalen Welcome Center stehen als einheitliche Anlaufstelle für alle Informationen und Behördenangelegenheiten zur Verfügung und bieten den Zugezogenen und Zuziehenden eine umfassende Beratung und Unterstützung bei der Ansiedlung.

Interkulturelle Offenheit und Kompetenz als Grundlage

Aus dem Verständnis der Willkommenskultur als Wertschätzung von zuwandernder Erwerbsbevölkerung ergibt sich auch die Verbindung von Willkommenskultur zu interkultureller Offenheit. So bildet der Grad einer interkulturellen Offenheit einer Gesellschaft oder Organisation die Grundlage für die Anerkennung und Wertschätzung. Interkulturelle Kompetenz ist allgemein die Fähigkeit, mit Individuen und Gruppen anderer, fremder Kulturen erfolgreich angemessen zu interagieren und somit einen beidseitig zufriedenstellenden Umgang zu ermöglichen. Hierfür ist eine Haltung der Offenheit und des Lernens im interkulturellen Kontakt erforderlich.

Inzwischen gibt es sogar erste gesetzliche Definitionen der interkulturellen Kompetenz. So wird im Bundesland Nordrhein-Westfalen gesetzlich definiert:

„Kulturelle Kompetenz im Sinne dieses Gesetzes umfasst 1. die Fähigkeit, insbesondere in beruflichen Situationen mit Menschen mit und ohne Migrationshintergrund erfolgreich und zur gegenseitigen Zufriedenheit agieren zu können, 2. die Fähigkeit, bei Vorhaben, Maßnahmen, Programmen etc. die verschiedenen Auswirkungen auf Menschen mit und ohne Migrationshintergrund beurteilen und entsprechend handeln zu können, sowie 3. die Fähigkeit, die durch Diskriminierung und Ausgrenzung entstehenden integrationshemmenden Auswirkungen zu erkennen und zu überwinden.“

Auch in diesem gesetzlichen Rahmen werden interkulturelle Offenheit und Öffnung als Grundlage interkultureller Interaktion betrachtet. So legt das Gesetz die interkulturelle Öffnung der Landesverwaltung als Zielsetzung fest. Es bietet sich somit an, bei allen Überlegungen zur Etablierung von Willkommenskultur das Element der interkulturellen Offenheit gerade in der öffentlichen Verwaltung zu berücksichtigen.

Hier geht's zur Bilderserie "Willkommens- und Anerkennungskultur"

Schlagworte zum Thema:  Interkulturelle Kompetenz, Öffentliche Verwaltung, Kommunen

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