13.02.2015 | Top-Thema Internet der Dinge und Industrie 4.0

"Breitband wird der einzige Standortfaktor"

Kapitel
"Mit dem Internet der Dinge ist vor allem die Botschaft "All-IP" verbunden."
Bild: westaflex gruppe

Mit dem Internet der Dinge wird es möglich, ganze Fertigungsstraßen bei Bedarf zu mieten, eigene Produktionsstätten könnten obsolet werden. Breitband wird zum einzigen wirklich relevanten Standortfaktor. Und deshalb ist es höchste zeit, sich intensiv mit dem Internet der Dinge zu beschäftigen.


Die Schlagworte "Industrie 4.0" und "Internet der Dinge" lösen ältere Hype-Begriffe wie Social Web und Big Data langsam ab. Was bedeuten die beiden Begriffe in Ihrem Bereich, Herr Westerbarkey?

Natürlich klingt Industrie 4.0 griffiger, als ein Wortungetüm, wie "Fühler-Aktions-Regelsystem auf Basis digitaler Information". Wir leben mit den Sinnbildern, etwa "vernetztes Auto“ und „vernetztes Haus“, und übertragen diese Eigenschaften auf die Produktion. Dementsprechend gibt es eine Vielzahl an Assistenz-Monitoren und "mitdenkenden Maschinen", die eventuell ihre nächste Inspektion anmelden.

Und hier beginnt für mich auch die unbedingte Notwendigkeit einer solchen Vernetzung der Dinge, so wie im EDV-Bereich eine gute Anleitung wichtiger wird, wenn niemand sich mehr in Zusammenhänge hineindenken und tiefgreifende Parametrisierung machen möchte. Plug and play bedeutet immer mehr Software-Logik und Regelkreise, wenn der Mensch im Auto, im Haus, bei der Arbeit nur noch nutzen und nicht mehr verstehen möchte. Das ist nicht anklagend gemeint, sondern selbstverständlich.

Ohnehin sollten wir Neuerungen begrüßen, statt diese zu beklagen (Das Internet der Dinge ist für die meisten Unternehmen noch weit weg). Wir haben nur dann ein Gestaltungsrecht, in Datenschutz und Usability, wenn wir uns dazu aufraffen, politisch, sozial und in der Ausbildung den Ball aufzugreifen. So werden wir entweder Generation Gamer (Nutzer) oder Generation Gestalter (Versteher) der Digitalisierung in verteilter Computerleistung (Cloud).

Für mich persönlich bedeuten die neuen Begriffe eine nie gekannte Freizügigkeit in Arbeitsort und Zeit. Ganz neue Arbeitsformen sind möglich, bis hin zur Maker-Bewegung und der vollständigen Individualisierung von Produkten durch 3D-Druck. Wenn man demnächst Software nur noch mietet und nicht mehr kauft (Microsoft, Autodesk), so werden wir uns Fertigungsstraßen auf Bedarf und Zuruf mieten, für Überkapazitäten und Projektgeschäft, weltweit verteilt und Datensatz-normiert. Das ist für mich die vollständige Vernetzung, Digitalisierung und Industrie 4.0 (Industrie 4.0 wird zu einem Top-Thema). Was eben auch bedeutet, dass als einziges Kriterium Breitband als Standortfaktor übrig bleibt. Parkplätze, Lohn- und Steuerniveau et cetera verblassen.

Beim Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) werden immer mehr immer "intelligentere" Produkte oder Produktkomponenten miteinander verknüpft, um immer mehr Daten zu erhalten. Was soll damit erreicht werden?

Es ist stets die Frage, was im Haus, im Auto oder der Fertigung eigentlich smart ist. So kann dies Sprach- oder Gesten-Steuerung sein oder auch der vermehrte Einsatz und die Verkettung von Einplatinen-Rechnern, wie dem Rasberry Pi. Tatsächlich verbinde ich mit IoT die pauschalierte Aussage nach weiterer De-Industrialisierung zumindest in Deutschland und der dringenden Notwendigkeit für neue Werkzeuge zur Arbeitszeit-Flexibilisierung. Neben Kurzarbeit sollte nachhaltig über Lebensarbeitszeit-Konten und offene Tarifsysteme gesprochen werden(New Work Award 2015 Sieger).

Die Bedeutung der Vorsilbe Selbst wird steigen: Selbst-Steuerung und Mitdenken, ähnlich dem Förderprojekt „KapaflexCy“ des Fraunhofer IAO in dem es um die Selbst-Organisation mittels Angebots-Nachfrage-Prinzip über das Smartphone geschieht. Das Internet der Dinge meint gleichzeitig die Reduktion von Schnittstellen und Protokoll-Vielfalt. So etwa im Bereich von speicherprogrammierbaren Steuerungen auf wenige weltweite Anbieter. Es muss unser Ziel sein, zu den Gewinnern der Digitalisierung zu zählen, nicht nur als Zaungast zuzuschauen.

Mit dem Internet der Dinge ist vor allem die Botschaft "All-IP" verbunden. Und zwar in jeder Maschine, Vermittlungs- und Schaltstelle. Über Browser-Ansicht lassen sich virtuelle Zuschaltungen und Vorhersagen betreiben. Immer mehr interessiert nicht nur das Heute, sondern auch das Morgen in gefühlt schnelllebiger Zeit. Möglicherweise bekommt Hardware "Schüttgut-Charakter" und Software sowie Open Source eine herausragende Stellung.

Die Produktionskosten werden nicht nur durch Beliebigkeit von Standort und Personalflexibilität sinken, sondern auch durch Full-Service-Flatrates. Schon heute wird kaum repariert, sondern gleich die Baugruppe getauscht. Spätestens, wenn der eigene Nachwuchs die erste LAN-Party feiert, erkennt jedes Elternteil die unendlichen Weiten der Digitalisierung. Nicht überall hat deshalb Digitalisierung Sinn, sofern die Digital-Anzeige am Staubsauger keine anderen Erkenntnisse liefert, als der altbackene analoge Leistungsbalken. Nur dass dieser weit weniger störanfällig war.

Schlagworte zum Thema:  Internet der Dinge, Digitalisierung, Internet, Daten, Vernetzung, Automatisierung

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