09.04.2013 | Interview mit Jens Drubel

"Der Lebensmittelhandel hat zu viel zu verlieren"

"Die Innovatoren werden komplett neue Player sein."
Bild: bvlo

Der Internethandel mit Lebensmitteln hat es weiterhin schwer in Deutschland. Jens Drubel, kommissarischer Sprecher des Bundesverbands Lebensmittel-Onlinehandel (Bvlo), spricht im Interview mit acquisa über die Zukunftsaussichten in diesem Segment.

acquisa: Man könnte glauben, Händler und Kunden sind mittlerweile umfassend mit Online-Shopping-Erfahrungen gesegnet. Ist hier zu Lande die Durststrecke im zähen E-Food-Segment endlich überwunden?

Jens Drubel: Der E-Commerce der ersten Welle ging von Menschen vor Desktop-PCs aus, die dazu gezwungen waren, Produkte ganz konventionell in einen Warenkorb zu legen. Doch leider kann das pro Produkt schon mal bis zu 30 Minuten dauern. Bei Amazon ist dieses Prozedere gerechtfertigt, weil man ein Buch, ein Handy oder einen Fernseher aussucht. Aber im Lebensmittelhandel? Da legen Sie ja nicht ein, sondern bis zu 50 Produkte in den Warenkorb. Und das würde dann garantiert länger dauern als der Gang zum Supermarkt. Warum sollte irgendjemand, der in der Lage ist, das Haus zu verlassen, so etwas tun?

acquisa: Das schreit förmlich nach der zweiten Welle: Welche innovative Systematik aus Kundensicht würde für Abhilfe sorgen?

Drubel: Mit Hilfe mobiler Lösungen sprechen Sie die Produkte, die Sie einkaufen wollen, fix mal in ihr Smartphone. Die Waren landen dann automatisch in Ihrem Warenkorb und Sie müssen, wenn überhaupt, nur noch am Laptop Ihre Bestellung prüfen und sich auschecken – eine Sache von maximal fünf Minuten. Wenn zu Weihnachten auch auch noch vier Millionen Google-Tablets unter dem Christbaum liegen und 2013 noch attraktivere Flatrate-Datentarife auf den Markt kommen, wird das auch die Kategorie Lebensmittel beeinflussen und verändern.

acquisa: Das führt zu einem Strategiewechsel bei den bekannten Playern, weg vom klassischen Discounter hin zu ausgeklügelten Prozessen rund um Dark Stores, In-time-Lieferlogistik mit Kühlkette und und und?

Drubel: Ich will nicht sagen, dass das in sechs Monaten zu einem kompletten Strategiewechsel führen wird; ich will aber auch nicht ausschließen, dass etwas passieren wird in der deutschen Lebensmittelhandelslandschaft. Etwas, das wir uns heute noch nicht vorstellen können. Ich bin mir sicher, dass die größten Innovationen und Wachstumsschübe nicht von den bisherigen Marktteilnehmern kommen werden. Die haben zu viel zu verlieren. Die Innovatoren werden komplett neue Player sein, die den hiesigen Markt dahingehend verändern werden, dass Lebensmittelhandel künftig eher an Convenience als an der nationalen Verfügbarkeit von Produkten gemessen wird.

Schlagworte zum Thema:  E-Commerce, Online-Marketing, Versandhandel

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