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Der stationäre Handel: Jammern ist auch eine Kunst

"Die Menschen lassen offenbar kein Geld in den Geschäften."
Bild: Haufe Online Redaktion

Der deutsche Einzelhandel hat seit Jahren Grund zur Klage: Die Umsätze im stationären Handel stagnieren, Wachstum kommt im Wesentlichen nur aus dem Online-Geschäft, Verbände wie der Börsenverein des deutschen Buchhandels bejubeln selbst minimale Umsatzzuwächse zulasten des E-Commerce als große Erfolge und Trendwende. Doch selbst, wenn die Wachstumsraten im E-Commerce sich verlang­samen, kann der stationäre Handel davon nicht wirklich profitieren.

Die Stagnation verwundert, denn jeder, der an einem normalen Samstag in einer mittelgroßen Stadt wie etwa Freiburg bummeln möchte, wird von den Menschenmassen, die sich durch die Fußgänger­zone drängen, mitgerissen. Schon ab 10 Uhr morgens sind die Parkhäuser belegt, Straßenbahnen quellen über. Dennoch lassen all die Menschen offenbar kein Geld in den Geschäften, zumindest nicht in den kleineren, inhabergeführten Läden.

Und die Händler haben die Gründe dafür gefunden, zumindest im Breisgau: Die Kommune ist schuld. Die Straßen seien verdreckt, Bettler und Obdachlose verschandelten das Stadtbild. Die Menschen hätten schlicht keine Lust mehr, in der Innenstadt einzukaufen. Und die Stadtverwaltung samt Gemeinderat schaue dem Ganzen tatenlos zu, ja, schlimmer noch: Sie seien noch nicht einmal bereit, die Missstände überhaupt zu sehen.

Dazu kommen dann immer die vermaledeiten Kunden, die für jede Ersparnis von fünf Euro bereit seien, in diesem Internet einzukaufen, statt in all den schönen Geschäften, die eine Stadt erst lebenswert machten.

Angesichts solch wehleidiger Analysen verwundert die schwierige Situation gerade kleiner Einzelhändler nicht. Statt zu überlegen, was sie besser machen könnten, damit all die Menschen, die sich da durch die verstopften Gassen winden, auch zu Kunden werden, betreibt man Publikumsbeschimpfung und erklärt, man sei jetzt auch politikverdrossen. Und während man noch jammert, verweist man den Kunden, der ein Oberhemd mit verkürzten Ärmeln sucht, mit dem Hinweis aus dem Laden, solche Spezialwünsche kleiner gewachsener Männer könne man bei aller Liebe nicht bedienen. Das lohne sich nicht. Der Kunde könne es ja mal nebenan versuchen. Oder gleich im Internet. So bleibt auch mehr Zeit zum Klagen.

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Haufe Online Redaktion/ Christoph Pause, acquisa

Handel, Versandhandel, Kundenbindung, E-Commerce