| Interview mit Mike Schnoor

„Wer Facebook nutzt, ist nicht per se Social-Media-Manager“

"Es fehlt an attraktiven Ausbildungsangeboten für die digitale Herausforderung", sagt Mike Schnoor, Pressesprecher des BVDW.
Bild: Haufe Online Redaktion

Der digitalen Wirtschaft fehlen Fachkräfte. So lautet das Ergebnis einer Studie von BVDW und der Macromedia Hochschule. Lernpläne müssten modernisiert werden, sagt Mike Schnoor, Pressesprecher des BVDW. Und Unternehmen sollten mehr in die Qualifikation ihrer Mitarbeiter investieren.

acquisa: Herr Schnoor, Ihre Studie kommt zum Ergebnis, dass der digitalen Wirtschaft die Fachkräfte fehlen. Auch in den kommenden Jahren soll das nicht besser werden. Wer fehlt denn? Welche Kompetenzen werden gesucht?

Mike Schnoor: Die Studienergebnisse bestätigen durchaus hohe Anforderungen an potenzielle Kandidaten in puncto Qualifikationen und Kenntnissen. Projektmanagement, Business Development sowie Marketing und Vertrieb sind die aktuellen Zugpferde unter allen Fachbereichen, die von den Unternehmen mit Fachkräften besetzt werden müssen. Dabei wird nicht nach Kandidaten mit nur den üblichen Qualifikationen wie Führungskompetenz oder sozialer Kompetenz gesucht. Fast alle Unternehmen verstehen diese Soft Skills als Grundvoraussetzung für ihre künftigen Mitarbeiter. Die Digitalbranche sucht vielmehr nach Kandidaten mit ausgeprägten Kenntnissen in Mobile Marketing, E-Commerce und Social Media – also direkt auf qualifizierender Ebene.

Wer als Berufsanfänger oder Berufserfahrener künftig in der digitalen Wirtschaft arbeiten möchte, sollte darüber hinaus die Zusammenhänge am Markt verstehen und sich kontinuierlich weiterbilden. Hier zählt vornehmlich die Hands-on-Mentalität und die eigene Bereitschaft, sich vertieft mit den digitalen Geschäftsprozessen außerhalb der Arbeitsstätte auseinander zu setzen. Neben Networking-Events und dem großen Branchenevent dmexco helfen persönliche, intelligente Präsenzen im Social Web, um als Mitarbeiter für Arbeitgeber attraktiv zu sein. Dass Unternehmen ihre High-Potentials beobachten und als Experten auf ihrem Gebiet wahrnehmen sollten, ist der selbstverständliche Umkehrschluss.

acquisa: Digital ist hip, jeder surft im Social Web, hat eigene Blogs etc. Wie erklären Sie sich da den Fachkräftemangel? Bilden Unternehmen zu wenig aus? Versagen die Hochschulen? Wer ist schuld?

Schnoor: Wer viel fernsieht, konzipiert bei weitem nicht das bundesweite TV-Programm oder dreht sofort einen informativen Nachrichtenbeitrag. Demzufolge bedeutet digital zu leben leider noch lange nicht, die notwendige Expertise der digitalen Wertschöpfungskette vorweisen und diese im unternehmerischen Alltag anwenden zu können. In sozialen Netzwerken zu surfen und Blogs zu schreiben, qualifiziert also nicht sofort zum Social-Media-Manager.

Die Gründe für den Fachkräftemangel sind unter gänzlich anderen Maßstäben zu bewerten. Eine Schuldzuweisung einzelner Akteure führt aber zu keiner Lösung des Problems. Fest steht, dass manche Unternehmen nach dem Platzen der Dotcom-Blase eher wenig Interesse zeigten, ihre Mitarbeiter in Form eines Investments für die Wettbewerbsfähigkeit zu bewerten. Nach diesem bekannten wirtschaftlichen Tiefpunkt erfuhr der Markt wieder ein starkes, sehr dynamisches Wachstum. Als logische Folge wurden die Mitarbeiter aufgrund ihrer digitalen Expertise von anderen Wirtschaftsbereichen mit Erfolg umworben. Aus diesem rein natürlichen Prozess von Angebot und Nachfrage generierte sich unter anderem ein hoher Bedarf an Fachkräften.

Gleichbedeutend spielen die Grundvoraussetzungen der Curriculae eine wesentliche Rolle. Während die Menschen heute digital agieren, denken viele Lehrpläne noch in analogen Konzepten. Beispielsweise existieren Medien dort nur aus TV, Radio und Print – aber mit den über Jahrzehnte geprägten Mediengattungen wird „Digital“ nicht gleichgesetzt. Sowohl Unternehmen als auch dem Bildungssektor sei empfohlen, aus traditionellen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten ein attraktives Angebot zu entwickeln, das sowohl junge Menschen als auch berufserfahrene Arbeitskräfte in ihren Bann zieht. Einige gelungene Beispiele finden sich in dem Angebot der dda – die dialog akademie oder der Hochschule Fresenius wieder.

Unabhängig davon wird die Frage der beruflichen Weiterbildung auf dem internationalen Sektor gerne von den Arbeitgebern unterstützt. In Deutschland jedoch werden lernbereite Mitarbeiter oft in ganz klassischer Sicht als einfache Bittsteller identifiziert. Jedes Unternehmen sollte sich im Klaren sein, dass Wissen von Vorteil ist und eine Weiterbildung langfristig gesehen keine Nachteile mit sich bringen wird. Wenn Mitarbeitern die Weiterbildungsmöglichkeit nicht zugestanden wird, steigt ihre Wechselbereitschaft.

acquisa: Was müssen Unternehmen, Schulen, Politik tun, um sicherzustellen, dass Deutschlands Digitalwirtschaft international mithalten kann?

Bei der Frage nach dem Wunschberuf geben viele Kinder ganz emotional geprägte Berufsbilder an. Die Mehrheit wird wohl kaum „SEO-Manager“, „PR-Manager“ oder „Online-Marketing-Manager“ als Wunschberuf angeben, sondern „Polizist“, „Arzt“ oder „Tierpfleger“. Je näher ihr Schulabschluss rückt, desto konkreter werden diese Pläne. Die Nachwuchskräfte entscheiden sich für eine Ausbildung oder das Studium.

Laut unserer Umfrage unter den Unternehmen der digitalen Wirtschaft ist es zwar unerheblich, welchen Abschluss und wissenschaftlichen Grad die Berufsanfänger vorweisen. Aus unternehmensstrategischer Sicht sollte das Hochschulmarketing jedoch nicht außer Acht gelassen werden. Wer frühzeitig in Nachwuchskräfte investiert und sie dezent umgarnt, kann in seinem Unternehmen dem Fachkräftemangel gut vorbeugen. Gewiss hilft dies nicht im Sinn er Kurzfristigen Deckung des hohen Bedarfs an qualifizierten Mitarbeitern.

Für jüngere und ältere Arbeitnehmer wird heutzutage die Planungssicherheit immer wichtiger, um Familie und Beruf sinnvoll und zufriedenstellend miteinander zu vereinbaren. Der Lohn ist nicht allein entscheidend, sondern die Arbeitsbedingungen und das -klima spielen eine gewichtige Rolle. Qualifizierte und treue Mitarbeiter können über diesen Weg langfristig an die Unternehmen gebunden werden. Die stärkere Förderung von Familien ist dabei ein wirtschaftsübergreifendes Thema – schließlich bedeutet Familie wiederum ein lohnenswertes Investment in die Zukunft der gesamten Gesellschaft.

Schlagworte zum Thema:  Online, Web, Digital, Social Media

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