13.09.2016 | Serie Social Media Marketing

Was wir vom Pokémon Go-Hype lernen können

Serienelemente
Bild: Niantic Inc./ Screenshot: Haufe Online Redaktion

Pokémon Go war, das kann man jetzt schon sicher sagen, der Hype des Jahres. Zwar ist die ganz große Begeisterung mittlerweile erwartungsgemäß abgeflaut, aber nicht zuletzt Apples neue Apple Watch, die mit speziellen Pokémon Go-Funktionen ausgestattet wurde, zeigt, dass da noch einiges kommen wird.

Als Pokémon Go-Spieler sieht man sich jedoch häufig Spott oder zumindest Unverständnis ausgesetzt. Was eigentlich verwunderlich ist, wenn man sich überlegt, wie wichtig Videospiele in unserer Gesellschaft sind. Ein Multimilliarden-Euro-Geschäft, Millionen Deutsche spielen jeden Tag.
Der Unterschied ist: PC- und Konsolenspiele werden im stillen Kämmerlein zuhause gespielt, keiner sieht es, keiner bekommt es mit. Bei Pokémon Go geht man raus, begibt sich unter Menschen und wird so zwangsläufig sichtbar.
Man kann Pokémon Go jetzt mögen oder nicht. Man kann die Tatsache, dass Menschen ein Spiel in aller Öffentlichkeit spielen und dafür sogar in der Stadt rumlaufen, gut finden oder nicht. Aber wenn man mal eine andere Sichtweise einnimmt und unvoreingenommen an das Thema herangeht, wird klar, welche enorme Bedeutung Pokémon Go eigentlich hat. Vier dieser Betrachtungswinkel enthält dieser Artikel. 

Pokémon Go ist eine unternehmerische Erfolgstory

Allein die bloßen Zahlen machen einen sprachlos. Innerhalb einer Woche war die App auf fünf Prozent aller Android-Smartphones in den USA installiert. So schnell hat sich noch keine App jemals verbreitet, auch nicht Facebook oder Snapchat. Pokémon Go ist auf mehr Smartphones installiert als Tinder und hat mehr aktive Nutzer als Twitter. Die tägliche Nutzungsdauer ist höher als bei Instagram. 

Der Aktienkurs von Nintendo ist zwischenzeitlich um über 100 Prozent gestiegen und ist auch heute noch etwa 60 Prozent über dem Kurs von vor der Veröffentlichung des Spiels.
Und obwohl das Spiel kostenlos ist, hat die App bisher über 440 Millionen Euro Umsatz für Nintendo generiert.
Pokémon Go hat eine ganze Industrie um sich herum geschaffen. In New York gibt es Pokéwalker, die mit jeweils vier Handys auf jeden Arm geschnallt für ihre Kunden Pokémon fangen gehen (und dabei mehr verdienen als jeder Taxifahrer, Handwerker oder Briefträger). Die Umsätze von externen Akkus sind explodiert. Es gibt eine Drohne für Pokémon-Spieler und eine extra Versicherung, die durch Pokémon Go-Spielen entstandene Schäden absichert. Und das erste Zubehör für das Spiel geht gerade erst an den Start – zum Beispiel ein Ball, der via Bluetooth mit dem Smartphone verbunden real geworfen werden kann und so Pokémon fängt. Da dürfte noch einiges nachkommen…

Pokémon Go ist auch eine Story über langfristige Planung und Durchhaltevermögen

Pokémon Go war ein Erfolg über Nacht. Platz 1 im App Store von Apple war innerhalb von fünf Stunden erreicht. Innerhalb von sieben Tagen über 14 Millionen Euro Umsatz. 

Doch wie so oft steckt hinter dem Erfolg über Nacht eine ganze Menge Arbeit – in diesem Fall über 20 Jahre. Nachdem Pokémon 1996 auf den Markt kam und den ersten großen Hype auslöste, wurde es im Westen ruhiger. Verschiedene Spielenachfolger konnten nur noch eingefleischte Fans begeistern. Auch der Vorläufer von Pokémon Go, Ingress, hatte nur eine geringe Fanbase, die meisten hatten vor Pokémon Go noch nie von Ingress gehört. Insgesamt hat der Go-Erfinder sieben Spiele in 20 Jahren programmiert, bis endlich der große Erfolg von Pokémon Go eintraf.

Pokémon Go ist eine Story über cleveres Marketing

Als klar war, dass Pokémon Go einen Hype auslöst, haben sich schnell viele lokale Geschäfte an den Hype angehängt. Aktivierte Lockmodule in der Nähe der Geschäfte, besondere Angebote für Pokémon-Go-Jäger oder sogar Pokémon-Brötchen und Pickachu-Pfannkuchen sorgen für gute Umsätze und volle Geschäfte.
Viele Unternehmen boten, als der Hype auf dem Höhepunkt war, zum Beispiel Rabatte für Pokémon-Spieler an. Entweder war der Rabatt höher, je höher das Spielelevel der Kunden war. Oder es wurden spezielle Pakete für die drei Teams geschnürt, die anderweitig nicht zu bekommen waren. Einige Beispiele habe ich kurz nach der Veröffentlichung des Spiels hier zusammengetragen.
In jedem Fall hätte sich ein genauer Blick auf die Möglichkeiten, den Hype für das eigene Business zu nutzen, gelohnt – zumindest mehr, als über die Spinner mit ihren Smartphones zu lästern ;-).
Tatsächlich habe ich im Urlaub selbst erlebt, wie eine eingeschränkte Sichtweise Chancen kaputt macht. Ich wurde von einem Crêpebuden-Besitzer gefragt „Suchste nach’m Weg?“, als ich mit dem Handy vor seiner Bude stand. Meine Antwort „Nein, Pokémon. Dass Ihre Bude ein Pokéstop ist, wissen Sie oder?“ wurde mit einem angesäuerten „Ja, leider“ kommentiert. Auf meine Frage, was daran denn „leider“ sei, meinte er: „Den ganzen Tag stehen die Leute hier mit ihren Handys rum, furchtbar ist das.“ Auf meine ungläubige Nachfrage, was daran denn schlimm sei und warum ich keinerlei Hinweis auf zum Beispiel einen Pickachu-Crêpe oder ein Sonderangebot für die Spieler sehe, winkte er nur ab „Davon versteh ich nix…“. Kann man so sehen. Ist halt schade.

Pokémon Go ist ein Fenster in die Zukunft

Wir haben mit dem Spiel die Zukunft live erlebt. Wir erleben sprichwörtlich, wie Geschichte geschrieben wird. Nicht weil Pokémon Go so ein tolles Spiel ist. Nein, Pokémon Go ist die erste, flächendeckend genutzte Augmented Reality-Anwendung. Das erste Mal, dass die virtuelle Welt und die echte Welt in diesem Ausmaß zusammengebracht werden. Das erste Mal, dass Leute, die an High-Tech-Zeug keinerlei Interesse haben, eine Augmented-Reality-App nutzen. Ganz nebenbei, spielerisch. Zehnjährige, ihre Eltern und sogar Großeltern haben, ohne es zu merken, eine zukunftsweisende Technologie in ihren Alltag integriert, sich schnell daran gewöhnt und jegliche Hemmschwellen abgebaut. 

Die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, sind endlos. Sowohl im Business als auch in Bereichen wie Urlaub, Weiterbildung, Partnersuche, Einkaufen und und und … In 30 Jahren werden wir an diese Zeit zurückdenken, so wie unsere Großeltern an die ersten Grammophone oder die ersten Radiogeräte zurückdenken. Und wir waren live dabei, wie die ersten Gehversuche dieser Technologie endlich im Alltag ankamen und massentauglich wurden. Ich finde, diese Perspektive macht Pokémon Go extrem spannend, egal ob man nun selbst spielt oder nicht.

Schlagworte zum Thema:  Smartphone, Social Media, Social Media Marketing, Online-Marketing

Aktuell

Meistgelesen