27.10.2015 | Interview mit Tim Cole

"Es bleibt leider allzu oft bei digitalem Stückwerk"

"Ich bin in tiefer Sorge um den Wirtschaftsstandort Deutschland."
Bild: Tim Cole

Digitalisierung? Die deutschen Führungsetagen schlafen tief und fest. Das sagt der Publizist und Internet-Experte Tim Cole. Weshalb er sich um die deutsche Wirtschaft sorgt und weshalb ihm immerhin der Standort Berlin Hoffnung macht, erklärt er im Interview.

acquisa: Sie warnen in Ihrem neuen Buch eindringlich davor, dass die deutsche Wirtschaft die digitale Transformation verschläft. Und Sie sind bei weitem nicht der einzige Experte mit einem kritischen Blick auf die Unternehmen. Wo steht die deutsche Wirtschaft aktuell und wo sollte sie bereits stehen?

Tim Cole: Viele deutsche Unternehmen und Unternehmer haben Angst davor, den letzten Schritt zu gehen und die digitale Vernetzung zu Ende zu führen. So bleibt es leider allzu oft beim digitalen Stückwerk: Systeme und Prozesse, die nicht miteinander kommunizieren können oder wo der Informationsaustausch an Formathürden und Medienbrüchen scheitert. Der Deutsche liebt eben seine Prozesse; sie haben ihm immer gute Dienste geleistet, und da wird bitteschön nix daran geändert! Dieses Zögern macht sich aber auch auf breiter Ebene bemerkbar, etwa in der Anzahl der Breitbandanschlüsse, wo Deutschland in der Glasfasertechnik unter allen OECD-Ländern an drittletzter Stelle steht. Andere Länder sind schneller und mutiger, insbesondere solche, die wir gerne überheblich "Entwicklungsländer" nennen und die in Wahrheit dabei sind, uns zu überholen – und uns dabei die Butter vom Brot nehmen. Ich bin in tiefer Sorge um den Wirtschaftsstandort Deutschland.

acquisa: Gerade die Führungsetagen scheinen sich den Veränderungen zu verschließen. Schlafen die deutschen Vorstandsetagen?

Cole: Tief und fest. Nehmen Sie nur die Arbeitsorganisation. Es ist doch längst klar, dass der Wissensarbeiter – und das sind heute drei Viertel aller Arbeitnehmer – im Grunde arbeiten könnte, wann und wo er will. Dank mobiler Endgeräte und – zumindest in den Ballungsgebieten – funktionierender Wireless-Technik, wäre es kein Problem, die Leute zu Hause, unterwegs, im nächsten Starbucks-Cafe oder von mir aus im Englischen Garten arbeiten zu lassen. Stattdessen verlangen einer Bitkom-Studie aus dem Frühjahr 2015 zufolge Chefs von ihren Mitarbeitern unbedingte Präsenzpflicht!  Und wenn man die Chefs fragt, warum sie das tun, offenbart sich ein abgrundtiefes Führungsproblem: Vorgesetzte glauben, ihre Leute würden ohne Aufsicht nicht richtig arbeiten. In Wahrheit wissen solche Vorgesetzte nicht, wie man Leute zielorientiert führt und wie man Teams motiviert und managt. Da stecken viele Unternehmen in Deutschland noch tief in der digitalen Steinzeit.

acquisa: Der angelsächsische Raum, insbesondere die USA, sind in Sachen Digitalisierung schon viele Schritte weiter. Woran liegt das? Ist es die viel beschworene German Angst vor allem Neuen? Liegt es an der deutschen Unternehmenskultur, dass Firmen wie Apple, Facebook oder Amazon nicht hierzulande gegründet wurden?

Cole: Irgendeinen Grund wird es ja wohl geben, weshalb kein deutsches Unternehmen in der Liga der "Big Four" – Google, Apple, Facebook und Amazon – mitkegeln kann. Ja, die schon fast sprichwörtliche "deutsche Angst" ist ein Hauptgrund: Bevor ein deutscher Manager etwas falsch macht, macht er lieber gar nichts. Was in Deutschland fehlt, ist eine vernünftige Kultur des Scheiterns. Ein Amerikaner fällt hin, steht wieder auf, schüttelt sich und gründet seine nächste Firma. Übrigens beobachte ich in Berlin gerade genau diesen Kulturwandel. Berlin gilt inzwischen als die "Hauptstadt des Scheiterns", aber das ist dort keine Blamage. Es macht sehr viel Spaß, heute mit jungen Gründern und Startups in Berlin zu reden und zu sehen, wie sie die digitale Transformation in ihren Unternehmen vorantreiben.

acquisa: Der digitale Wandel geschieht schneller als vielfach angenommen. Wie viel Zeit bleibt den Unternehmen, um aufzuholen? Womit müssen sie umgehend starten, um Verpasstes nachzuholen? Und sehen Sie bestimmte Unternehmensbereiche, Abteilungen oder Positionen in der Pflicht, die Kollegen zu pushen?

Cole: Digitalisierung bedeutet automatisch Beschleunigung, das lässt sich nicht stoppen. Wer das Tempo nicht mitgehen kann, der fällt halt zurück. Die Bremser sitzen viel zu oft in den Chefetagen, und der Druck auf sie muss von unten kommen. Aber es ist schwer, so einen Tanker auf neuen Kurs zu bringen. Deutsche Unternehmen machen ja offenbar etwas richtig, sonst wären sie ja nicht so erfolgreich. Aber die Zeit drängt: In ein paar Jahren wird es für den Kurswechsel zu spät sein, weil uns andere Länder den Rang abgelaufen haben. Eine Idee ist es, wenn der Tanker kleine, flinke Beiboote zu Wasser lässt: Abteilungen oder einzelne Mitarbeiter dazu ermutigen, sich selbständig zu machen und neue Ideen in kleinen Unternehmenseinheiten auszuprobieren, die aber immer noch mit dem Mutterschiff verbunden bleiben. Die Robert Bosch GmbH probiert das gerade sehr erfolgreich mit ihrem konzerneigenen Inkubator, der jungen Mitarbeitern mit Kapital, aber auch mit Business-Know-how und Mentoring geradezu ermutigt, sozusagen unter Aufsicht  neue Wege zu gehen. Davon würde ich mir in Deutschland mehr Beispiele wünschen.

Tim Cole ist Keynote Speaker auf dem CRM Summit von BARC und acquisa am 10. und 11. November 2015 in Würzburg. Sein Thema: "Digitale Transformation - Was Unternehmen heute tun müssen, um zu den Gewinnern zu zählen." Weitere Informationen finden Sie hier.

Schlagworte zum Thema:  Digitalisierung, Online-Marketing, Internet der Dinge

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