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Unternehmen warnen vor zu viel Regulierung im Netz

Politik hin, Wirtschaft her - am Ende geht es um den Kunden.
Bild: Haufe Online Redaktion

Während viele Firmen befürchten, durch zu viel Regulierung im Web ausgebremst zu werden, will die Politik klare Rahmenbedingungen für die Bürger schaffen. Dies lässt sich einer Studie des DIVSI entnehmen. Auf Augenhöhe wird dabei selten diskutiert. Dennoch ist man sich in einem Punkt einig: Das Netz ist ein wirtschaftlicher Treiber.

Das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) hat die qualitative Meinungsführer-Studie "Wer gestaltet das Internet?" vorgelegt. Vom Sinus-Institut Heidelberg interviewt wurden dafür Führungskräfte und Verantwortungsträger aus Politik/Verwaltung bzw. Wirtschaft, aber auch aus den Medien, der Wissenschaft sowie der Zivilgesellschaft.

Politik sieht sich unter Zugzwang

Die politischen Meinungsführer richten ihr Hauptaugenmerk demnach einerseits auf das Geschäftsgebaren der vier großen Player im Internet (Google, Apple, Facebook, Amazon), andererseits aber auch auf den Schutz der Internetnutzer, denen nur geringes Wissen über Sicherheit im Netz attestiert wird (sei es aus Arglosigkeit oder der Unfähigkeit bzw. Unmöglichkeit, die Zusammenhänge im Web zu durchschauen). In diesen Fällen sollten gesetzliche Rahmenbedingungen die Nutzer vor Täuschungen und Manipulationen durch Anbieter schützen, ihnen einen rechtlichen Erwartungsrahmen aufzeigen und gleichzeitig dazu dienen, die Anbieter bei Schäden stärker in Haftung nehmen zu können. Aus Sicht der Politiker investieren die Unternehmen generell nicht genug in die Sicherheit. Es gebe zu viele "Schlupflöcher" für Kriminelle, die beispielsweise sicheres Bezahlen im Netz oder die Gewährleistung von vertraulicher Behandlung von Daten von vornherein in Frage stellten. Und dies, obwohl das Internet mittlerweile für immer größere Bereiche des täglichen Lebens eine unabdingbare Voraussetzung sei.

Der klassische Regulierungsweg durch die Instanzen wird als zu langsam angesehen, um mit den Entwicklungen im Netz adäquat umzugehen. Der politische Prozess hinke der Entwicklung von Online-Diensten und -Strukturen notwendigerweise deutlich hinterher. In der Zwischenzeit würden Tatsachen geschaffen und Wertekodexe forciert, die dann schwer in den Griff zu bekommen seien. Gleichzeitig soll die Innovationskraft des Internet jedoch möglichst wenig beeinträchtigt werden. Man möchte Vorreiter in der Informationsgesellschaft sein und den Wirtschaftsstandort Deutschland sichern; keinesfalls möchte man als wirtschaftsfeindlich gelten.

Unternehmen als Gestalter

Für die befragten Unternehmen hingegen ist das Internet zu einer selbstverständlichen Rahmenbedingung ihres Handelns geworden. Das Netz erleichtert nicht nur die Abwicklung der Geschäfte, indem es neue Vertriebskanäle eröffnet und durch das Agieren in globalen Zusammenhängen einen effektiveren Kundenkontakt sowie eine intensivere Kundenbindung ermöglicht – es ist auch Inspirationsquelle für innovative Ideen, Produkte und Dienstleistungen. Für viele neu gegründete Unternehmen ist das Internet sogar die einzige und zentrale Grundlage ihres Geschäftsmodells.

Die Risiken des Internets werden deshalb von den Akteuren aus dem Wirtschaftssektor nur selten thematisiert, so die Studie, obwohl sie ihnen durchaus bewusst sind. Vielmehr werden sie als systemimmanent betrachtet und führen deshalb nicht zu einer Abwertung der Chancen des Internet. Die Einstellung der Unternehmensvertreter ist von einem umfassenden Machbarkeitsdenken und
einem selbstbewussten Fortschrittsoptimismus geprägt, der beinhaltet, dass die Risiken – insbesondere technisch – in den Griff zu bekommen sind. Hinter das Erreichte möchte man nicht mehr zurück, es gibt aus ihrer Sicht einen "Kollektivzwang Digitalisierung". Dass es noch eine ganze Reihe digitaler Verweigerer gibt, sehen die Befragten meist als ein Phänomen des Übergangs.

Da verwundert es nicht, dass sich die Firmen als digitale Avantgarde sehen, die den Kurs des Internet entscheidend mitbestimmt. Im Gegensatz zur Politik, die der Entwicklung auch aus Sicht der Unternehmen häufig hinterherhinkt. Mit der Politik lasse sich deshalb nicht auf Augenhöhe diskutieren. Der IT-Standort Deutschland solle nicht unnötig ausgebremst und gestört werden durch andere Akteure. Regulierungsbestrebungen und die Forcierung von Angstdebatten werden verstärkt wahrgenommen und teilweise dezidiert abgelehnt. Gerade in Deutschland Geschäftspraktiken von Internet-Unternehmen in der Öffentlichkeit übertrieben kritisch betrachtet. Für ein Unternehmen, das der Profitabilität verpflichtet sei, ergäben sich bestimmte Vorgehensweisen zwingend aus dem Geschäftsmodell, zum Beispiel sei die Zurverfügungstellung kostenloser Dienstleistungen nicht ohne eine entsprechende Gegenleistung der Nutzer ökonomisch sinnvoll darzustellen. Es sei daher eine wichtige Aufgabe, den Kunden klar zu machen, dass sie viele Dinge auch im realen Leben gar nicht überblicken könnten und trotzdem diversen Anbietern ihr Vertrauen schenkten.

Das Verhältnis zum Kunden

Sicherheitsaspekte werden für Unternehmen erst dann relevant, wenn durch ein Vertrauensdefizit der eigene Geschäftserfolg gefährdet wird. Dies betrifft auch das Verhältnis zum Kunden: Gerade in der virtuellen Welt des Internets gilt es, die Befürchtungen und Bedenken des Kunden ernst zu nehmen, für ihn tatsächlich greifbar und bei Problemen konkret ansprechbar zu sein. Investitionen in Internet-Sicherheit sind bei den Akteuren der Wirtschaft also immer von einem Kosten-Nutzen-Kalkül getragen: Je größer das Unternehmen und je größer der befürchtete Image-Schaden, desto eher und umfangreicher wird in Sicherheitsmaßnahmen investiert. Es geht somit weniger um eine Maximierung von Risikofreiheit für den Nutzer, sondern um eine Minimierung des Reputationsverlustes und des entsprechenden Geschäftsschadens.

Die vorgelegte, sehr umfangreiche Untersuchung (die hier heruntergeladen werden kann) wird derzeit durch das Sinus-Institut zu einer bundesweit repräsentativen Studie ausgebaut. Deren Ergebnisse will das DIVSI zur Cebit 2013 präsentieren.

Schlagworte zum Thema:  Online-Marketing, Social Media, E-Commerce, Medien, Datenschutz

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