12.06.2012 | Interview mit Martin Szugat

"Facebooks Zukunft ist nicht Facebook.com"

"Ein Online-Shop auf Facebook ist kein Social Commerce."
Bild: Martin Szugat

Für viele Unternehmen, die auf Facebook aktiv sind, ist die Zahl der Fans das Maß der Dinge. Eine inkonsequente Betrachtung, meint Martin Szugat, Geschäftsführer der Snipclip GmbH. Künftig gehe es darum, Fans in Kunden zu verwandeln. Das Netzwerk selbst werde das Web weiter durchdringen.

acquisa: Herr Szugat, alles redet von Facebook – wie viel Substanz hat der Hype aus Marketersicht?

Martin Szugat: Facebook ist in erster Linie keine Marketingplattform. Vielmehr ist Facebook eine Plattform, auf der sich komplette Online-Geschäftsmodelle umsetzen lassen. Die Entwicklung ist ähnlich jener im klassischen Web Ende der 90er Jahre. Damals präsentierten sich Firmen mit Webvisitenkarten und Händler stellten PDF-Kataloge online. Nur wenige dachten weiter, setzten auch auf Empfehlungen und Foren. Stand heute sind die Potenziale von Facebook längst nicht gehoben. Einen Online-Shop auf Facebook anzubieten ist kein Hexenwerk und schon gar kein Social Commerce. Wir werden daher noch viele neue Geschäftsmodelle und User-Interfaces sehen.

acquisa: Woran danken Sie dabei?

Szugat: Ein interessanter Ansatz ist beispielsweise, im E-Commerce die Nutzer nicht wie bisher über Kategorien zu den Angeboten zu navigieren, sondern Angebote in die Inhalte zu integrieren und diese dem jeweiligen Nutzer auf seiner Community-Startseite anzuzeigen – automatisch sortiert nach Relevanz und Aktualität. Relevante Angebote in Echtzeit in einen Nachrichtenfeed zu aggregieren und zu personalisieren – dahin geht der Trend.

acquisa: Facebook-Marketer rücken gern die Anzahl der Fans in den Mittelpunkt. Wie aussagekräftig ist diese Zahl wirklich?

Szugat: Aus Marketingsicht erlaubt die Anzahl der Fans zwar Rückschlüsse auf die Bekanntheit einer Marke. Aber die Anzahl der Fans ist völlig irrelevant, wenn es darum geht, mit Facebook Geld zu verdienen. Über Facebook lediglich Reichweite zu generieren, um sie auf die klassische Website zu leiten und dort zu konvertieren, ist der falsche Weg. In diesem Fall schrumpft selbst eine Gemeinde von 1 Millionen Fans auf wenige Tausend Website-Besucher, von denen nur ein Bruchteil konvertiert. Ziel muss es vielmehr sein, das komplette Business auf Facebook zu etablieren, dort Kunden und nicht nur Fans zu gewinnen. Die Fan-Anzahl ist immer nur der erste Schritt in einer Customer Journey. Über die Open Graph Schnittstelle können Applikationen auf Daten des sozialen Netzwerkes zugreifen und personalisierte Angebote ausspielen. Daher sollte man die Kaufentscheidungsprozesse konsequent zu Ende denken – also, wie werden Fans auf Facebook zu Open-Graph-Nutzern und letztlich zu Kunden.

acquisa: Welche Kennzahlen können noch zur Erfolgsmessung auf Facebook herangezogen werden?

Szugat: Um Customer Journeys zu optimieren, sind beispielsweise die Engagement- und Klickrate wichtig. Die Engagementrate beschreibt sie Anzahl der Likes, Comments und Shares pro Fan. Wenn man inhaltliche Fans zu aktiven Fans machen möchte, müssen an dieser Stelle Optimierungen ansetzen.

acquisa: Bietet Facebook diese Tools oder muss man auf externe Instrumente zurückgreifen?

Szugat: Für die Facebook-Page und die App bietet das Netzwerk ausreichend Analyse-Tools. Aber um Customer Journeys zu optimieren, reicht dies nicht aus. Dann müssen externe Lösungen hinzugenommen werden.

acquisa: Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung von Facebook ein?

Szugat: Die Zukunft von Facebook wird sich nicht auf facebook.com abspielen, sondern überall im Web. Schon heute ist das Netzwerk über seine offenen Schnittstellen tief im Internet integriert. In fünf Jahren wird eine Open-Graph-Anbindung auf einer Website ebenso selbstverständlich sein, wie heutzutage eine Suchmaschinenoptimierung. Im Zuge dessen werden sich auch die Online-Businessmodelle ändern. Bisher gehen die Geschäftsmodelle stets von einem Nutzer aus. In Zukunft wird auch dessen soziale Vernetzung in diese Betrachtung mit einbezogen werden.

Schlagworte zum Thema:  Social Media, Online-Marketing

Aktuell

Meistgelesen