11.11.2016 | Serie Kolumne Alles digital

Same Day Delivery: Mehr als ein leeres Versprechen?

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Mittags bestellt, abends geliefert: So lautet das Versprechen bei Same Day Delivery. Aber können Händler das auch halten?
Bild: Haufe Online Redaktion

Same Day Delivery: Das Wort elektrisiert den E-Commerce im Moment.  Wer morgens im Internet etwas bestellt, soll abends beliefert werden. Doch funktioniert dieses vollmundige Versprechen von Same-Day-Delivery tatsächlich?

Die Lieferung am gleichen Tag der Bestellung war bis vor kurzer Zeit reine Utopie. Ein entfernter Punkt am Horizont des E-Commerce und sinnbildlicher Traum mancher E-Commerce-Experten. Durch den Einsatz einiger Pioniere, darunter gleichermaßen kleine Startups und die großen Versandfirmen, hat sich endlich eine reale Marktsituation entwickelt, die gewiefte Marketing- und Vertriebsspezialisten erfreuen dürfte. Bis 2020 soll nach einer McKinsey-Prognose der Durchbruch von Same Day Delivery mit einem Marktvolumen von rund drei Milliarden Euro erfolgen.

Jetzt! Haben! Will! Schnelle Lieferung perfekt für Spontankäufe

Kunden können ihre gewünschten Waren bereits am Vormittag bestellen, und noch am gleichen Abend erhalten die Käufer ihre Lieferung. Ganz früher wurden solche Bestellungen noch mit Taxi- und Kurierdiensten zum Endkunden gebracht, doch die großen Logistiker haben ihre Express-Lieferung stark optimiert. In der Regel kostet diese direkte Lieferung etwas mehr, wodurch ein Aufpreis bei den Versandkosten berechnet wird. Wer jedoch dringend ein bestimmtes Produkt benötigt, wird diesen Preis tragen.

Der "Jetzt! Haben! Will!"-Faktor überwiegt beim Same Day Delivery, denn Spontaneität beim Online-Einkauf zählt zu den Grundfesten der schnellen Lieferung. So sei etwa die Hälfte der Kunden bereit, für Same Day Delivery ein Plus an Versandkosten zu zahlen. Natürlich nur dann, wenn sich diese Kosten sich in einem gewissen Rahmen bewegen und nicht in Wucher umschlagen. Wenn die Preise bei fünf Euro pro Artikel oder mindestens zehn Euro pro Bestellung beginnen, dann aber in Abhängigkeit von Artikelanzahl, Paketgröße und der erforderlichen Liefergeschwindigkeit schnell in die Höhe schießen, werden potenzielle Käufer ebenso schnell abgeschreckt.

Logistik vor Herausforderungen bei taggleicher Zulieferung

Das grundlegende Prinzip von Same Day Delivery bedeutet jedoch, dass die Shop-Anbieter ihren Kunden nur einen ausgewählten Teil des Sortiments im taggleichen Express zuliefern. Nicht die vollständige Produktpalette, sondern nur für eine dedizierte Auswahl ist Same Day Delivery als Bestelloption verfügbar. Das hat natürlich Gründe. Gerade bei frischen Lebensmitteln oder Medikamenten entscheidet meist der Faktor Zeit über Verderb und Gedeih der Produkte. Zudem kommt es auf die Größe und auf die Verfügbarkeit an. Wenn Produkte nicht im nahegelegenen Logistikzentrum vorhanden sind, müssen diese erst von anderen Orten zum Empfängerstandort nach kommissioniert werden. Denn die Adaption von Same Day Delivery gilt für die Logistiker als Herausforderung. Was grundsätzlich in der Nähe ist, kann direkt vom Zusteller zum Kunden gebracht werden. Genau dafür müssen sie zusätzliche Kapazitäten aufwenden, um die individuellen Kundenwünsche im üblichen Lieferfenster zur Abendzeit erfüllen zu können. Damit stehen sie jedoch im Gegensatz zum normalen Tagesgeschäft und den damit verbundenen Fulfillment-Prozessen. Während ländliche Regionen außen vor bleiben, funktionieren die Lieferungen meist nur in deutschen Großstädten und Ballungsräumen.

Same Day Delivery: Zahlreiche Steine im Weg

Doch sobald die Logistik dem Vertrieb die Steine in den Weg legt, gerät die schöne Welt des Same Day Delivery ins Wanken. Wenn der Kunde von 18 bis 21 Uhr, also zur besten Zeit, zu Hause anwesend ist, kommen die Lieferungen im schlechtesten Fall gar nicht an ihr Ziel. Entweder werden schlanke Lieferungen in falsche Briefkästen gelegt und als zugestellt abgestempelt. Oder anstatt der richtigen Schelle wird die falsche Klingel betätigt, so dass der Kunde als nicht anwesend vermerkt wird. Multiples Drücken auf allen erdenklichen Klingeln führt trotz Belehrung der Boten schnell zur Überlastung von gängigen Gegensprechanlagen. Manchmal wird die Lieferadresse nicht gefunden oder der verstopfte Stadtverkehr führt dazu, dass das garantierte Lieferfenster nicht gehalten werden kann. Die Boten sind die restlos überforderten Leidtragenden von Same Day Delivery. Wenn dann die Benachrichtigungskarte am nächsten Tag vom Briefträger gebracht wird, führt dies das Same Day Delivery-Prinzip schnell ad absurdum.

Marketing-Tool im Kampf gegen den stationären Handel

Genau auf dem Rücken der Logistik-Partner trägt die vertriebliche Organisation ihr fadenscheiniges Versprechen von Same Day Delivery aus. Richtig gelesen, denn bei diesem schönen, neuen Bestell- und Logistikprozess darf nämlich alles nur als weitere Maßnahme im Marketing verstanden werden. Es geht den Online-Händlern gar nicht darum, dem Kunden einen weiteren Service an die Hand zu geben. Denn anstelle des Kunden steht an vorderster Front das Eigeninteresse, im Wettbewerb den Weg für das eigene Überleben zu sichern. Der Online-Handel möchte dem stationären Einzelhandel bei vielen Spontankäufen, die dem Same Day Delivery als Nährboden dienen, unverhohlen das Wasser abdrehen. Die taggleiche Lieferung wirkt somit nur als Lockmittel, damit die potenziellen Käufer ihr Geld nicht im Einzelhandel, sondern beim Shop-Betreiber lassen.

Gefällt mir, nehme ich gleich mit: Das große Asset des Einzelhandels

Der direkte und ebenso schnelle Bezug von Produkten aus dem stationären Einzelhandel ist somit eine traditionelle Gefahr für den Onlinehandel, der sonst innerhalb der nächsten ein bis drei Tage nach Bestellung die Produkte liefert. Wenn der Einzelhandel durch Same Day Delivery in die Enge getrieben und dazu gezwungen wird, seine Prozesse dem der Online-Händler anzupassen, dürften sich die großen Versandriesen auf das Muskelzucken ihrer Macht freuen. Die kleinen Marktakteure können bis auf wenige Ausnahmen bei großen Spiel von Same Day Delivery perspektivisch nicht gewinnen. Sollten die Preise online günstiger sein, werden vor allem Sparfüchse die Produkte lieber zur Lieferung am gleichen Tag bestellen, als sie im Geschäft direkt mitzunehmen. Genau daran sollen die Kunden mit Same Day Delivery gewöhnt werden.

Schlagworte zum Thema:  E-Commerce, Zustellung, Digital, Digitale Wirtschaft, Digitalisierung

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