08.02.2016 | Serie Kolumne Alles digital

#RIPTwitter: Schaufelt Twitter jetzt sein eigenes Grab?

Serienelemente
Twitter muss die passenden Werbeumfelder schaffen.
Bild: Mike Schnoor

Die heile Welt von digitalen Puristen scheint zu wanken. Mit Überraschung und Unverständnis reagieren weltweit die Nutzer auf die bloße Ankündigung, dass Twitter seine Timeline umstellen wird. Im Netz entfachte dazu am Wochenende bereits eine heiße Diskussion über die Relevanz des Social-Media-Urgesteins. Hört man auf die Unkenrufe, richtet sich Twitter durch seine unpopulären Entscheidungen jetzt schneller zu Grunde als bislang erwartet.

Denkt man an Social Media und digitale Kommunikation, kommt kaum ein Unternehmen an Twitter vorbei. Zwar kann das Social Network deutlich weniger Nutzer als Facebook vorzeigen, aber dafür besitzt es eine eingefleischte Community, die dem Dienst seit langer Zeit treu ist. Im Kern steht Twitter nämlich für einfache, verständliche Informationen und Kommunikation, die chronologisch in Echtzeit in einer "Timeline" aufeinanderfolgend aufgelistet werden. Natürlich fließt etwas Werbung ein, aber bislang in einer weniger störenden Form. Nach Informationen des Techblog BuzzFeed möchte der knapp zehn Jahre alte Kurznachrichtendienst Twitter.com an der Grundfeste seiner Timeline rütteln. Geht es nach den Plänen von Mitgründer Jack Dorsey, sollen Nutzer demnächst eine Mischung aus chronologisch sortierten Tweets und dem von Facebook bekannten Prinzip der populären und empfohlenen Inhalte erhalten. Künftig könnten die zusammengestellten Inhalte sogar mit "verwandten Tweets" kombiniert werden, wenn der Algorithmus die Inhalte passend aufbereitet. Dann könnte es schnell vorbei mit der bisherigen Nutzung sein, die den eigentlichen Charme des Social Networks ausmachen.

Abkehr vom Grundprinzip der Twitter-Timeline

Die Bekanntgabe dieser möglichen Veränderung des gesamten Prozesses, der die Timeline bei Twitter genau zu einem solchen algorithmisch bestimmten Content-Geflecht anpassen soll, schmeckt vielen Nutzern nicht. Ihr Unmut entzündet sich derzeit offen und unbändig unter dem Hashtag #RIPTwitter. Sie wollen nicht, dass ein Algorithmus entscheidet, welche Tweets für sie interessant sind. Die Befürchtung ist gewiss berechtigt, dass ähnlich wie auch bei Facebook die Nachrichten nach einer vordefinierten Prozedur geordnet sind. Die zentralen Anwendungsszenarien zur Versorgung mit aktuellen Nachrichten aus aller Welt, die Live-Kommunikation zu TV-Ereignissen oder der Service- und Informationscharakter zwischen Unternehmen und ihren Kunden könnten damit in den Hintergrund treten.

Natürlich soll eine Veränderung von Twitter in erster Linie das Nutzererlebnis optimieren. Wenn aber wie bisher die passenden Umfelder für Werbung fehlen, müssen diese geschaffen werden, um sich für zahlungskräftige Kunden attraktiver zu positionieren. Im Ergebnis könnte die Veränderung dem bereits vor längerer Zeit eingeführten "While you were away"-Algorithmus ähneln: Sollten Nutzer Twitter für eine bestimmte Zeit nicht verwendet haben, werden ihnen bei dieser Rückblick-Funktion möglichst relevante Inhalte auf dem Silbertablett präsentiert. Für eingefleischte Twitter-Nutzer war dieser extra Service jedoch meist lästig. Immerhin konnten Nutzer entscheiden, diese technisch kuratierten Inhalte durch einen Klick auf das berühmte "X" zu schließen. Das war gut so und sorgte dafür, dass die Nutzer immer noch Herr über die Anwendungsszenarien von Twitter blieben.

Nach den intensiven Protesten der Nutzer ruderte Twitter-CEO Jack Dorsey wieder zurück und beteuerte, dass er den Nutzern zuhören und niemals die Timeline nächste Woche neu zu ordnen würde. Darin liegt offenbar der eigentliche Stein des Anstoßes, denn nächste Woche heißt nicht nächsten Monat. Die Neuordnung der Timeline wird also in absehbarer Zeit erfolgen.

Twitter in der Sinn- und Refinanzierungskrise

Twitter scheint in einer Sinnkrise zu stecken. Die Aktienkurse fallen und die Quartalszahlen lassen kaum einen Anleger frohlocken. Twitter muss unbedingt seine Einnahmen steigern, aber im direkten Vergleich zu Facebook scheint Twitter aus diesem überlagernden Schatten nicht entfliehen zu können. Ein Stellenabbau, das Schwinden des bisherigen Managements und unbeliebte Einschnitte in das Nutzererlebnis lassen die Zukunft von Twitter noch düsterer erscheinen als bisher.

Im Internet ist bekanntlich nichts umsonst. Der Betrieb von Twitter vernichtet die Dollars, als würde das Geld mit einem Staubsauger aufgesogen werden. Auf Dauer konnte die Finanzierung über Investoren und Anleger nicht mehr funktionieren, also wird der Weg zur Monetarisierung über Werbung führen und Veränderungen für die Nutzer mit sich bringen. Die Nutzer und gerade die Fans der ersten Stunde sollte Twitter dabei nicht verprellen, denn ohne sie wird der Service nicht überleben können. Die Ankündigung dieser Veränderungen könnte tatsächlich der traurige Schritt sein, im Sinne der notwendigen Monetarisierung das Portal zu Grabe zu tragen. Wenn die Nutzer ausbleiben, folgt Twitter auf Myspace und Friendster – und landet in der Versenkung.

Autor:

Mike Schnoor ist Senior Partner von Guts & Glory, der Manufaktur für die Digitalisierung von Marken, Unternehmen und Institutionen. In dieser Funktion sorgt er dafür, dass Unternehmen sich im digitalen Wettbewerb richtig positionieren. Seine Erfahrungen aus über 15 Jahren in der Digitalbranche teilt er regelmäßig in Gastbeiträgen für tonangebende Branchendienste und analysiert als Herausgeber von #DigiBuzz - Das Magazin für das Digital Business aktuelle Trends, neue Ideen und Geschäftsmodelle der digitalen Wirtschaft. Folgen Sie @MikeSchnoor bei Twitter und lesen Sie sein Blog.

Haufe Online Redaktion/Mike Schnoor

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