03.05.2016 | re:publica 2016

"Der Kirchentag des Internets"

Die re:publica TEN in Berlin bietet Inspiration, Kommunikation und Netzfolklore für die Branche.
Bild: re:publica TEN

Das Digitalfestival re:publica vereint die Digitalszene in Berlin. Die Veranstalter rechnen mit 8.000 Besuchern, die drei Tage lang bei bestem Wetter über die vernetzte Gesellschaft mitdiskutieren wollen. Die re:publica präsentiert sich dafür als kommunikativer Schmelztiegel für die unterschiedlichsten Köpfe. Doch was treibt sie alle zum alljährlichen Schaulaufen im frühsommerlichen Berlin? 

Natürlich möchte die Mehrheit der Besucher erfahren, wohin sie die digitale Zukunft führen wird. Das liegt in der Natur der einstigen Bloggerkonferenz, die jetzt die digitale Avantgarde beherbergt. Aber einen richtigen Plan für den Weg in die digitale Zukunft scheint es nicht zu geben. Die re:publica hat das Potenzial, über die Themen der Digitalisierung zu sprechen, aber eine konkrete Ausarbeitung und Umsetzung darf man hier nicht erwarten. Klar erkennbare Marketingthemen sucht man auf der re:publica nahezu vergebens. Im Programm lässt nur ein kleiner Teil der Vorträge erahnen, dass es die Branche überhaupt gibt. Doch die eigentlichen Inhalte finden für viele Menschen aus der Marketing- und Kommunikationsbranche gar nicht auf den Bühnen statt.

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"Die re:publica gehört für mich seit Jahren zum festen Programm. Nirgendwo sonst kann man die Vielfalt der digitalen Gesellschaft und die Themen, die sie aktuell beschäftigt, besser erfahren – und das auch noch nach zehn Jahren“, sagt Arne Klempert, Head of Digital bei FleishmanHillard. "Außerdem ist die re:publica ein toller Rahmen, um alte Kontakte zu pflegen und neue zu knüpfen. Tolle Mischung aus Inspiration, Kommunikation und Netzfolklore."

re:publica: Zivilgesellschaft erlebbar gemacht

Wer trotzdem für die Vorträge gekommen ist, wird von dem Programm mit rund 20 gleichzeitig stattfindenden Tracks förmlich erschlagen. Kein Besucher wird jemals allen der fast 900 Redner zuhören können, denn durch die enge Zeitplanung, das gewaltige Areal und die vielen Räume verliert selbst ein erfahrener Konferenzbesucher hier schnell den Überblick. Manche Tracks können dem Andrang der Besucher nicht mehr standhalten, weil sie in zu kleinen Räumen eingepfercht sind und ein höheres Interesse erzeugen als geplant. Immerhin bieten die Veranstalter die komplette Dokumentation der Vorträge als Videos an, damit Interessierte auch an den Tagen danach bei den verpassten Vorträgen zuhören können.

"Die re:publica ist für mich ein Ort, an dem die Zivilgesellschaft erlebbar wird - inspirierend, widersprüchlich, zuversichtlich", erklärt Sascha Stoltenow, Kommunikationsberater bei Script Communications in Frankfurt. Die Vertreter der Marketingwelt behaupten zu Recht, dass für sie das Netzwerken im Vordergrund steht. Kaum jemand diskutiert über eigentliche Themen wie Influencer Marketing, Programmatic Advertising oder Marketing Automation. Einen neuen Deal oder seine Anbahnung darf man nicht wie im Sinne einer dmexco oder CeBIT erwarten. 

Kaum jemand diskutiert über Marketing Automation oder Influencer Marketing

"Die re:publica ist der Kirchentag des Internets. Das hat nichts mit Akquise zu tun, weil ich nicht die Erwartung habe potenzielle Kunden zu treffen", erklärt Marc Frey, Business Activist und Co-Founder von S1mplify. "Ich bekomme hier ein Gefühl dafür und ein Barometer für eine digitalisierte Welt: Kulturen, Emotionen, Freunde. Die re:publica ist wie Weihnachten und heute ist Heilig Abend." Trotzdem zeigt das Wacken der digitalen Nerds, dass die Kombination von Festival und Business funktionieren kann.

Letzteres findet nämlich einfach nebenbei statt, also im persönlichen Netzwerk der kontaktfreudigen Besucher auf dem großzügigen Gelände der Veranstaltung. "Wer in der Kommunikation tätig ist, wird bei dem erstklassigen Networking ein authentisches Gespür bekommen für die digital gesellschaftlichen Trends, die abseits der politischen Diskussionen stattfinden", betont Carsten Wiezorek, Social Media Consultant bei Palmer Hargreaves. Dem pflichtet auch Stefan Mies, Manager Marketing und Partnerships bei Artegic, bei: "Die re:publica bedeutet, den Spiegel vor das Gesicht gehalten zu bekommen und daran zu erkennen, was wirklich in der Gesellschaft digital ist. Nur hier treffen sich Freunde und Geschäftsleute, um eine gemeinsame digitale Perspektive für Gesellschaft und Wirtschaft zu entwickeln."

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Insgesamt profitieren die Branchenvertreter von ihrer persönlichen Präsenz auf der Veranstaltung. Zwar mögen die Veranstalter nicht mehr von einem Klassentreffen sprechen. "Die re:publica ist erwachsen geworden", erklärt Sascha Lobo in seiner heiß ersehnten Rede zur Lage der Nation und betont: "Ich auch, durch eine zweite Pubertät durch die man musste." Trotzdem besitzt das Digitalfestival für die meisten Teilnehmer immer noch genau diesen Charme, der einen Besuch erst lohnenswert macht. Wer die Chance ergreifen kann, sollte definitiv vorbei schauen, um einfach dabei zu sein und zu verstehen, warum die digitale Gesellschaft anders funktioniert als es das bekannte Zielgruppendenken einem weis machen möchte. Lassen Sie sich inspirieren!

Schlagworte zum Thema:  Internet, Digitalisierung

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