| Interview mit Thomas Lucas-Nülle

"Ohne Product Information Management geht es nicht mehr"

"Je mehr Kanäle hinzukommen, desto redundanter wird die Datenpflege."
Bild: LNC Group

Vor acht Jahren hat Thomas Lucas-Nülle den Begriff Product Information Management (PIM) am Markt mit der ersten PIM-Studie etabliert. Im Interview erläutert der Chef des Göttinger Consulting-Dienstleisters LNC Group, warum PIM immer wichtiger wird.

acquisa: Herr Lucas-Nülle, welche Rolle spielt PIM heutzutage für Unternehmen?

Thomas Lucas-Nülle: Seit Jahren schwelt das Thema, es kam aber bis vor kurzem nie richtig in Fahrt. Der Grund ist, dass PIM nicht trivial ist. Man muss tief in die unternehmenseigenen Daten einsteigen, sich mit Produktdaten-Strukturen, granularem Content und Datenmodellen beschäftigen und darüberhinaus viel an Schnittstellen arbeiten. Das sind Dinge, mit denen sich Marketer, Produktmanager oder Einkäufer nur ungern beschäftigen. Aber seit etwa drei Jahren setzt ein Umdenken in den Unternehmen ein, man beschäftigt sich nun intensiver mit PIM und den dazugehörigen Prozessen.

acquisa: Was ist passiert?

Lucas-Nülle: Viele Unternehmen stellen fest, dass es ohne PIM nicht mehr geht. Das ist meist eine schmerzvolle Erkenntnis. In der Regel haben sie schon alles versucht, um ihre Produktdaten zu konsolidieren und handhabbar zu machen, mit Content-Management-Lösungen oder mit E-Business-Systemen. Wer für seinen Online-Shop die Daten pflegt, muss sie meist für Print extra aufbereiten oder umgekehrt. Je mehr Kanäle hinzukommen, desto redundanter wird die Datenpflege. Irgendwann kommen Unternehmen an den Punkt, an dem es sinnlos wird, immer mehr Aufwand in doppelte und dreifache Pflege der gleichen Daten zu stecken. Dann ist die sehr aufwendige PIM-Einführung das kleinere Übel.

acquisa: Das klingt, als würden Sie von einer SAP-Einführung sprechen …

Lucas-Nülle: Das ist vom Aufwand durchaus damit vergleichbar. Den wirklich größten Fehler, den Unternehmen machen können, ist es, die Komplexität eines PIM-Projektes zu unterschätzen. In großen Firmen dauert eine PIM-Einführung zwischen sechs und zwölf Monaten. In Konzernen kann es auch schon mal bis zu drei Jahren dauern, bis die letzte Ausbaustufe des PIM erreicht ist.

acquisa: Was macht es so komplex?

Lucas-Nülle: Technik und Schnittstellen sind nicht das Problem. Die längste Zeit wird dafür benötigt, Datenmodelle zu diskutieren. Eine Digitalkamera kann man zum Beispiel in einem Online-Shop mit 20 Attributen beschreiben. Tatsächlich hat eine solche Kamera aber zwischen 800 und 900 Attribute. Aus dieser Fülle gilt es, jene auszuwählen, mit denen man das Produkt über alle Kanäle darstellen kann. Dabei müssen zahlreiche kanalspezifische Anforderungen im Datenmodell unter einen Hut gebracht werden. Wenn man dies für tausende Produkte durchdeklinieren muss, wird die Komplexität schnell deutlich.

acquisa: Ihr Tipp für Unternehmen in Deutschland, die sich jetzt erstmals dem Thema widmen?

Lucas-Nülle: Viele Unternehmen wollen ihr Daten-Problem mit IT lösen. Das ist ein kapitaler Fehler. Denn ein PIM-System löst das Problem nicht automatisch. Unternehmen müssen sich Zeit nehmen, intern Know-how aufzubauen. Man muss evaluieren, wie die Datenmodelle in einem PIM aussehen und wie fein Daten abgelegt werden sollen. Die technische PIM-Einführung ist erst der zweite Schritt.

Schlagworte zum Thema:  Versandhandel, E-Commerce, Social Media, Online-Marketing

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