"Es geht nicht nur um rund 50.000 Wählerstimmen aus einer immer noch kleinen Start-up-Gemeinde." Bild: Bildschön/Karin Müller

Für den Schwerpunkt "Digital Leadership" in acquisa haben wir uns mit Prof. Dr. Tobias Kollmann unterhalten, Inhaber des Lehrstuhls für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen und einer der Autoren von "Deutschland 4.0". Unter anderem ging es um digitale Köpfe und politische Notwendigkeiten.

acquisa: Wie sieht es denn in der Politik mit den Digital Leadern aus?

Tobias Kollmann: Da gibt es viel zu wenige digitale Köpfe. Das hängt genau mit dem gleichen Hintergrund wie in unseren Unternehmen zusammen. Wer in eine gewisse Führungsposition kommt, hat in der Regel einen längeren Weg durch die Strukturen hinter sich, was auch mit einem gewissen Lebensalter verbunden ist. Und so sehen wir auch in den politischen Führungsriegen kaum "Digital Natives", die mit dem Thema Digitalisierung groß geworden sind. Und dass dann das Kennzeichen des digitalen "Neulands" in und für die Politik entsteht, ist nicht verwunderlich. Im Ergebnis wird die Politik dann durch die Digitalisierung auch eher getrieben als dass diese das Thema aktiv gestaltet. Man hat zudem erkennen müssen, dass es aufgrund der globalen offenen Netzstrukturen eben kein deutsches Internet gibt, welches man mit den erlernten Regierungsmechanismen steuern oder regulieren kann. Deswegen kann man sich auch nicht auf irgendeine politische Scholle zurückziehen, der sich der Markt und der Kunde mit nur einem Mausklick entziehen kann. Dieser Mausklick betrifft dabei nicht nur den wirtschaftlichen, sondern auch den gesellschaftlichen Bereich, und genau aus diesem Grund brauchen wir nicht nur in der Politik ein grundsätzliches Verständnis für das Thema Digitalisierung, sondern auch eine Instanz, die es wirkungsvoll im Regierungsapparat vertritt. In unserem Buch "Deutschland 4.0" plädieren wir vor diesem Hintergrund ja auch für ein eigenständiges Digitalministerium auf Bundesebene.

Ist die Politik denn schon so weit?

Kollmann: Das wird eine politische Schicksalsfrage für Deutschland im nächsten Jahr sein. Wir können nicht immer nur sagen, wie wichtig und umfassend das Thema Digitalisierung für unsere Wirtschaft und Gesellschaft ist und gleichzeitig die notwendige politische Verankerung dafür unterlassen. Ich glaube, dass die Zeit im Bund längst reif ist, um den großen Schritt in Richtung Digitalministerium zu gehen und die bisherige unzureichende Splittung des Themas auf drei Ressorts zu korrigieren. Wir brauchen kein Kompetenzgerangel zwischen verschiedenen Ministerien und wir brauchen zudem eine absolut starke Stimme im Hinblick auf Brüssel, wo relevante Entscheidungen für den notwendigen digitalen Binnenmarkt in Europa getroffen werden. Das ist insofern wichtig, weil wir schon längst im digitalen Datenraum erkennbare digitale Wirtschaftsterritorien haben, die nicht Deutschland, Frankreich oder Schweden heißen, sondern Amerika, Asien und eben Europa als eine digitale Einheit.

Eine politische Schicksalsfrage für Deutschland im nächsten Jahr

Aber hat man es denn schon grundsätzlich erkannt? Neulich hat Angela Merkel auf den Medientagen das Thema Algorithmen angesprochen, wo ich dachte: Ok, sie ist einen Schritt weiter. Gleichzeitig gibt es diesen Web-of-Trust-Skandal, wo viele Kommentatoren sagen: Leute, dass da Daten gesammelt und gehandelt werden, ist keine Neuigkeit. Wo ich denke: Wo leben die Politiker eigentlich? Wie ist da die Stimmungslage Ihrer Meinung nach?

Kollmann: Das Kernproblem ist die immer noch zu geringe Bedeutung des Themas Digitalisierung für die politische Agenda. Neben der allgemeinen Unkenntnis zu digitalen Zusammenhängen spielt dabei noch ein anderes Thema eine zentrale Rolle. Kann ich mit dem Thema Digitalisierung auch Wahlen gewinnen? Viele meinen Nein, ich aber sage Ja! Es geht eben nicht nur um rund 50.000 Wählerstimmen aus einer immer noch kleinen Start-up-Gemeinde, sondern es geht um mehr oder weniger 60 Millionen Wählerstimmen, da die Digitalisierung ein Thema für die gesamte Gesellschaft ist. Es betrifft neben der Wirtschaft auch die Themen Bildung, Arbeit, Sicherheit und viele andere Bereiche. Wie sieht überhaupt unser digitales Leben in der Zukunft aus? Wie stellen wir eine digitale Gerechtigkeit im Netz sicher? Wie wird sich die digitale Arbeitswelt verändern und welchen Einfluss haben digitale Technologien wie Roboter & Co. auf unsere Sozialsysteme? Gegeben der Schnelligkeit dieser Veränderungen müssen wir jetzt die politischen Leitplanken setzen, um auch der Gesellschaft eine Möglichkeit der digitalen Orientierung zu geben. Insbesondere bei jungen Nichtwählern spielt dieses Thema eine große Rolle und ich bin fest davon überzeugt, dass die richtigen Antworten schon bei den Wahlen im nächsten Jahr einen Unterschied von drei bis fünf Prozent für oder gegen eine Partei ausmachen können. 

Die FDP versucht sich ja für dieses Thema zu positionieren. Wie sieht es in den anderen Parteien aus?

Kollmann: Alle Parteien haben das Thema Digitalisierung in den jeweiligen Programmen, aber das Herausstellen als Wahlkampfthema ist noch vollkommen unklar. Das liegt auch daran, weil viele handelnde Akteure meinen, dass man sich in diesem Thema nicht mit dem politischen Gegner reiben könnte um sich zu differenzieren. Schließlich finden alle Parteien das Thema irgendwie wichtig und wollen es vorantreiben. Was dabei aber vergessen wird, ist die Tatsache, dass es bei der Digitalisierung nicht nur um die politische Erkenntnis geht, sondern um die Glaubwürdigkeit, die zugehörigen Maßnahmen schnell und konsequent mit dem richtigen Personal umzusetzen. Genauso, wie ein Venture-Capital-Geber nicht nur in die Idee, sondern vor allem auch in das Gründerteam investiert, wird der Wähler seine Stimme nicht nur einem Digitalprogramm, sondern insbesondere dem damit verbundenen digitalen Politik-Kopf geben, der es am glaubwürdigsten umsetzen kann. Im Mittelpunkt steht also die Frage: Wer wird uns politisch glaubwürdig ins digitale Zeitalter führen?

Also nicht nur eine Frage von 50 Mbit oder nicht?

Kollmann: Genau. Mal abgesehen davon, dass wir schon längst in der Gigabit-Gesellschaft leben und das Ziel der 50 Mbit sowieso schon längst überholt ist, brauchen wir vielmehr eine digitale Vision für unser Land. Wir haben neben den notwendigen wissenschaftlichen Erkenntnissen und den wirtschaftlichen Kompetenzen auch einen gesellschaftlichen Gestaltungsauftrag für das digitale Zeitalter. Und hier gibt es noch viel zu tun. Wir brauchen hier den Mut, dieses Thema politisch wirklich anzugehen und zwar nicht nur über externe Beiräte und Ausschüsse, sondern aus dem politischen System selbst heraus. Die Zeit der politischen Agenden ist dabei definitiv vorbei und das politische Handeln mit den zugehörigen digitalen Köpfen steht nun auf der Tagesordnung.

Probelesen: Das ausführliche Interview mit Tobias Kollmann zu Digitalisierung und Digital Leadership finden Sie in der neuen acquisa

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Schlagworte zum Thema:  Digitalisierung, Big Data, Digital Leadership

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