24.03.2016 | Serie Kolumne Alles digital

Macht keine Faxen: Schämt euch, Ihr Digitalexperten!

Serienelemente
Mike Schnoor hat keine Lust mehr auf das Gegacker selbsternannter Digitalexperten
Bild: Mike Schnoor

Die deutsche Digitalbranche hat kürzlich einen herrlichen Aufreger gefunden. Das Fax wird laut einer Studie des Bitkom in rund 80 Prozent der deutschen Unternehmen genutzt. Diese Zahl passte punktgenau zum Start der Digitalmesse Cebit. Viele Digitalexperten und Berater-Berater schäumten über diesen hohen Anteil des Faxgeräts in der Kommunikation. Jedoch sollte gerade diese Tatsache zum Nachdenken anregen.

Natürlich berichteten acquisa (Unternehmen bevorzgen Fax gegenüber Social Media) und zahlreiche weitere Medien über die Ergebnisse, was zu einem hohen Engagement der Nutzer mit dem Thema in den sozialen Netzwerken führte. Doch was war passiert? Sofort nach Veröffentlichung der Fax-Statistik skandierten bereits einige Koryphäen der digitalen Transformation, die befragten Firmen hätten mal wieder die Digitale Transformation verschlafen.

Wie hängt das Fax jedoch mit den Stand der Digitalisierung deutscher Unternehmen zusammen? Warum wird die alte Technologie nicht im Zuge der Digitalen Transformation verabschiedet? Warum ist das Faxgerät für viele Firmen trotz Mails und digitaler Tools immer noch relevant? Ja, diese Fragen hat sich keiner von ihnen gestellt. Stattdessen wurde kritisiert und belustigend in Kauf genommen, dass die deutschen Unternehmen offenbar weit hinterher hinken. Telefon und E-Mails nutzt irgendwie jeder, doch warum bitteschön wird das Fax nicht endlich ausgestöpselt?

Auch beim Fax gilt: Hirn einschalten

Von vorn herein sollte jeder Digitalisierungs-Berater, der die Meldung frohlockend in seinem eigenen Dunstkreis teilte, sich immer wieder verinnerlichen, das bei jeder Studie und Befragung gilt: zuerst das Hirn einschalten, dann kommentieren und ganz zuletzt noch Handlungen empfehlen. Bevor der Wirtschaftsstandort Deutschland als hinterwäldlerisch dargestellt wird, muss das Bitkom-Ergebnis hinterfragt werden. Dort werden Faxgeräte von Unternehmen als Werkzeug für die interne oder externe Kommunikation benannt, die regelmäßig genutzt werden. Die Fragestellung lässt jedwede Antworten zu, also intern, extern oder beides. Sie differenziert also nicht explizit zwischen interner Kommunikation und externer Kommunikation.

Nun darf sich Verwunderung breit machen. Überraschung: Das Fax dient vielen Unternehmen selbst in Zeiten der digitalen Transformation. Also bitte nicht so negativ eingestellt sein, liebe Digitalexperten! Ging der Bitkom bei seiner Untersuchung etwa der Frage nach, ob das Fax von den Unternehmen bevorzugt wurde oder ob es sogar ein notwendiges Übel ist? Nein, nichts davon wurde erfragt. Doch darauf kommt es schon an, wenn die Bedeutung der alten Technologie in Korrelationen zur Digitalisierung gebracht werden will. Jedoch wurde dieser Auszug der gesamten Befragung des Bitkom einfach nur plakativ als Aufreger aufbereitet, damit es durch die Medien geht. Die Digitalexperten voran liefen der PR ins offene Messer.

Aufträge kommen halt immer noch per Fax

Natürlich ist es hanebüchener Schwachsinn, dass die Unternehmen in solch großer Anzahl das Fax nutzen. Sie würden es wohl am liebsten abschaffen, können das jedoch nicht bewerkstelligen. Das Fax hilft ihnen nämlich. Die KMU-Betriebe bekommen Aufträge noch auf der alten Technologie. Abschaffen heißt hier einen wirtschaftlichen Nachteil zu provozieren. Viele Auftragsbestätigungen werden eben per Fax mit Unterschrift eingereicht und besitzen damit rechtliche Verbindlichkeit. Trotz Mails und zertifizierter Signaturen. Gerade viele kleinere Betriebe, die als Gewerke und Dienstleister anhängen, kommen um ein Fax und dessen Sendebestätigung nicht herum. Wer einen Anwalt befragt, was die Kanzlei ohne Fax oder eine Fax-Digitalisierungs-Versand-Software machen würden, wird schnell aufgeklärt: Per Fax gilt es Fristen zu wahren. Gleiches vollzieht sich in jeder Rechtsabteilung von Unternehmen. Bei Ärzten, Krankenkassen und Kliniken, die formell als Unternehmen gelten, kommt das Fax gerade besonders aufgrund des Datenschutzes der Patientendaten zum Einsatz. In Callcentern und im Kundendienst ist das Fax nach wie vor das Mittel der Wahl seitens der Kunden, um noch einmal schnell vor Vertragsablauf zu kündigen. Denn hier heißt es oft, dass nur per Brief oder per Fax die Kündigung verbindlich sei, aber aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen eben nicht per E-Mail.

Bitte kein Gegacker

Natürlich - vollkommen zu Recht darf kritisiert werden, dass digitale Instrumente für den Arbeitsalltag noch gering ausgeprägt sind. So darf das Fazit der Bitkom-Analyse gedeutet werden. Das Faxgerät kurbelt jedoch in vielen Fällen die Wirtschaft an. Das Engagement bei Twitter oder Corporate Blogs nutzt laut der Untersuchung sagenhafte null Prozent der deutschen Unternehmen. Hat sich darüber jemand aufgeregt, haben die Digitalexperten und Social Media Manager aufbegehrt und diese Umfrage kritisiert? Nein, es war das Fax, was der Stein des Anstoßes der Diskussionen war. Wenn die alte Technologie als rückständig erachtet wird, sollte vielleicht sogar die Deutsche Post als nächstes um die Existenz bangen. Der Brief zählt doch wirklich zum alten Eisen, oder? Digitalisierung erfordert den Mut zum Nachdenken und eben nicht wildes Gegacker, wenn ein Huhn ein Ei legt.

Autor: 

Mike Schnoor ist Senior Partner von Guts & Glory, der Manufaktur für die Digitalisierung von Marken, Unternehmen und Institutionen. In dieser Funktion sorgt er dafür, dass Unternehmen sich im digitalen Wettbewerb richtig positionieren. Seine Erfahrungen aus über 15 Jahren in der Digitalbranche teilt er regelmäßig in Gastbeiträgen für tonangebende Branchendienste und analysiert als Herausgeber von #DigiBuzz - Das Magazin für das Digital Business aktuelle Trends, neue Ideen und Geschäftsmodelle der digitalen Wirtschaft. Folgen Sie @MikeSchnoor bei Twitter und lesen Sie sein Blog.

Schlagworte zum Thema:  Fax, Digital, Digitale Wirtschaft, Digitalisierung

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