06.11.2014 | Interview mit Matthias Ehrlich

"In Zukunft ist mobil das Synonym für digital"

"Vorsprung durch Daten, Digitalisierung und Technik – das muss Made in Germany ausmachen."
Bild: BVDW e.V.

Der Digitalen Wirtschaft in Deutschland gehe es gut, sagt Matthias Ehrlich, Präsident des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW). Insgesamt müssten Wirtschaft und Politik die Digitalisierung aber offensiver angehen. 

acquisa: Herr Ehrlich, das Jahr 2014 geht zu Ende. Wo steht Deutschland in Sachen Digitalisierung? Und wie geht es der digitalen Wirtschaft?

Matthias Ehrlich: Schauen wir zuerst auf die Digitale Wirtschaft. 2014 war ein sehr gutes und erfolgreiches Jahr. Wir werden mit Jahresende erneut ein zweistelliges Wachstum verzeichnen können und bauen unseren Anteil am Bruttoinlandsprodukt und der gewerblichen Wert-schöpfung Deutschlands weiter aus. Auch die Beschäftigung steigt weiter, wobei hier in vielen Bereichen unverändert ein Fachkräftemangel herrscht, der dieses Wachstum bremst. Anders sieht es in Sachen Infrastruktur aus: Beim flächendeckenden Breitband hinken wir in punkto Versorgungsbandbreite – gerade auch für die Industrie – wie auch beim Zeithorizont und einer sichergestellten Finanzierung hinterher. Beim Datenschutz treten wir bei einheitlichen regulatorischen Regeln – Stichwort "level playing field" – weiter auf der Stelle. Im Bereich digitale Sicherheit baut die Politik Bürokratie- und Kostenmonster auf, während die Frage, wie man die Übergriffe von Geheimdiensten auf kritische Infrastrukturen, Unternehmen und Bürger in Zukunft wirksam verhindern will, unbeantwortet bleibt. Für Start-ups gibt es nach wie vor keinen abgestimmten Ordnungsrahmen, der eine nachhaltige, systematische Förderung junger innovativer Unternehmen ermöglichen würde – da braucht es sicher mehr als ein neues Börsensegment. Aber auch die deutsche Wirtschaft selbst, insbesondere die Industrie, treibt in Teilen die Digitalisierung nicht konsequent genug voran, um hier weiterhin und langfristig im industriellen driver’s seat zu sein und bleiben.

Vor kurzem sorgte eine Studie für Aufsehen. Deren Ergebnis: Dem deutschen Mittelstand ist Digitalisierung mehr oder weniger egal. Wird das Thema zu sehr gehypt? Oder verschlafen wir die entscheidende Revolution?

Die Ergebnisse der Studie sind schon alarmierend. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Digitalisierung häufig mit Disruptionen einhergeht, die Produkte und Dienstleistungen, ja ganze Märkte von heute auf morgen teilweise oder auch komplett umkrempeln und ablösen können. Die Musikindustrie ist das beste Beispiel dafür. Digitalisierung muss Teil der Unternehmensstrategie sein. Wer Digitalisierung nicht frühzeitig als grundlegenden erfolgskritischen Wettbewerbsfaktor begreift und die Chancen darin nicht sieht – und zwar nicht nur im originären Wertschöpfungsprozesse, sondern über alle Unternehmensbereiche und -prozesse hinweg –, setzt die Zukunftsfähigkeit seines Unternehmens aufs Spiel. Das gilt für Großkonzerne genauso wie für mittlere und kleine Unternehmen. Jahrzehntelang haben Deutschlands hoher Industrialisierungsgrads und unsere Spitzentechnologien in vielen Branchen uns als Industrienation im globalen Wettbewerb weltweit in der Spitze gehalten. Jetzt ändern sich die Spielregeln – mit der digitalen Transformation werden Daten z.B. auch für die industrielle Wertschöpfung essenziell und zu einem kritischen Erfolgsfaktor. Gerade Entwicklungen wie die automatisierte digitale Kommunikation zwischen Maschinen bergen ein enormes Innovations- und auch Wachstumspotenzial und haben massive Auswirkungen auf Fertigungs- und Logistikprozesse. Aus dem klassischen Slogan "Vorsprung durch Technik" muss "Vorsprung durch Daten, Digitalisierung und Technik" als Markenzeichen für Made in Germany werden.

Das Internet wird mobil, das hat nicht zuletzt die dmexco 2014 gezeigt. Was bedeutet das für Unternehmen? Gilt der Satz: Wer nicht mobilfähig ist, ist nicht überlebensfähig?

Die Frage ist: Was ist mobil? Es ist nicht zu übersehen, dass wir an einem besonderen Punkt angekommen sind. Das Internet selbst, wie wir es bis dato kennen und nutzen, wird schon bald ein völlig anderes werden – man könnte sagen: Das Internet verlässt das Internet. Vor ein, zwei Jahren haben wir unter Online noch alles verstanden, was mit PC & Co., und unter Mobile, was mit Smartphones zu tun hat. In Zukunft wird mobil das Synonym für digital sein. Aber nicht mehr nur das Smartphone: Entwicklungen wie das Internet der Dinge mit Wearables, d.h. internetfähigen Geräten wie Brillen, Armbanduhren, Kontaktlinsen etc., die direkt am Körper getragen werden, werden das Internet immer und überall verfügbar machen. Moderne Mähdrescher fahren heute mit der Rechnerleistung von acht Hochleistungscomputern an Bord und mobil vernetzt über die Felder. Mit dieser Ubiquität des Internets müssen Unternehmen lernen umzugehen. Dabei liegen die Schwierigkeiten weniger im Bereich der technologischen Vernetzung selbst. Viele Unternehmen stehen vor der Herausforderung, dass die mit der Vernetzung und Automatisierung verbundenen neuen Abläufe häufig Abteilungs- und Unternehmensgrenzen überschreiten sowie unterschiedliche Datenquellen nutzen, was so gut wie immer Prozessanpassungen und Weiterentwicklungen der Unternehmensstrukturen erfordert. Auch die Arbeit an notwendigen Standardschnittstellen wird noch einige Anstrengungen erfordern. Grundsätzlich würde ich also eher sagen: Wer nicht digitalfähig ist, ist nicht überlebensfähig.

Sichtbarer Treiber der Digitalisierung ist der E-Commerce. Gerade in Deutschland scheint sich eine Gegenbewegung zu etablieren. Der Eindruck entsteht: Wer online kauft, ist schuld am Veröden deutscher Innenstädte. Was ist da los?

Das klingt nach der alten Klage der Weber beim Aufkommen der mechanischen Webstühle. Technisch basierte Evolution bringt Neues, nimmt Altes. Dieser Tausch findet statt. Bewahren heißt, das Neue so zu gestalten, dass wir uns dort immer noch wohl fühlen. Richtig ist, dass der E-Commerce in den vergangenen Jahren eine rasante Entwicklung genommen hat, in Teilen sicher auch zu Lasten des stationären Handels. Das ist übrigens ein weiteres gutes Beispiel für die disruptive Kraft der Digitalisierung. Die Folgen daraus für den stationären Handel jetzt aber nur den Konsumenten anzulasten, ist zu kurz gesprungen. Hier hat es bei vielen Anbietern sicher auch an der rechtzeitigen Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der Digitalisierung und entsprechenden Anpassungen in der eigenen Geschäftsstrategie gefehlt. Inzwischen lässt sich beobachten, dass die verschiedenen Kanäle – insbesondere Online- und Offline – immer mehr zusammenwachsen. Mit der Ubiquität des Internets erwartet der Konsument, dass er über jedes Endgerät zu jeder Zeit alles kaufen kann. Die Technologie dafür ist in Form von Location Based Services, Beacons & Co. etc. auch vorhanden. Im entstehenden Connected Commerce der Zukunft wird es darauf ankommen, die einzelnen Kanäle intelligent miteinander zu verknüpfen – und genau darin liegt eine große Chance für den Einzelhandel und intelligente Innenstadt-Konzepte. Gut gemacht, wird der stationäre Kanal seine unbestrittenen Vorteile wie z.B. Service und "Anfassbarkeit" ausspielen und gleichzeitig die digitalen Kanäle nutzen können. Diese Chance muss der stationäre Handel allerdings auch konsequent und engagiert ergreifen. Also, das Neue mitgestalten, statt zu klagen!

Ein Kritikpunkt in Sachen E-Commerce ist die Datennutzung. Studien zeigen, dass Verbraucher Angst haben, die Kontrolle über ihre Daten zu verlieren. Was können, was müssen Unternehmen tun, um Vertrauen zurückzugewinnen?

Was wir brauchen, ist ein starkes Signal an die Menschen, dass die Digitale Wirtschaft ihre Ängste und Bedenken Ernst nimmt. Das gilt insbesondere auch für Unternehmen, die aus einer historisch anders geprägten Datenkultur kommen und mit einem anderen Datenschutzverständnis arbeiten als wir hier in Deutschland. Sie müssen sich mit ihren Angeboten an unser Verständnis von Datenschutz und unser hohes rechtliches Schutzniveau anpassen. Dazu zählen dann insbesondere auch Transparenz im Hinblick auf die Nutzung von und den Umgang mit Daten, eine offene und umfassende Aufklärung, sowie eine einfache Steuerung und Kontrolle der Nutzung der Daten durch den Nutzer. Mit dem OBA Framework des IAB Europe für nutzungsbasierte Online-Werbung und dem Deutschen Datenschutzrat Online-Werbung (DDOW) als freiwilliger Selbstkontrolleinrichtung der digitalen Werbewirtschaft in Deutschland haben wir das für den Bereich Online-Werbung bereits bestens umgesetzt. Das kann als Blaupause für weitere Bereiche der Digitalen Wirtschaft wie den E- Commerce dienen. Aber, und das halte ich an dieser Stelle auch ganz entschieden fest: Es kann nicht sein, dass von der Digitalen Wirtschaft umfassender Datenschutz gefordert, die Politik dann aber tatenlos zusieht, wie diese Bemühungen seitens staatlicher Geheimdienste systematisch unterlaufen und ausgehebelt werden. Hier erwartet die Digitale Wirtschaft klare Kante von den politisch Verantwortlichen.

Google-Bashing, Kulturkritik, Nostalgie: Sind die Deutschen, ist die deutsche Wirtschaft bereit für die digitale Revolution?

Ohne Digitalverweigerern, Kulturpessimisten oder Analog-Nostalgikern das Wort reden zu wollen: Ich finde die deutsche Mentalität, nicht reflexartig auf jeden Hype mit aufzuspringen, der im Zuge der Digitalisierung daherkommt, grundsätzlich erst einmal vernünftig. In Europa mit solch erhaltenswerter Balance wie z.B. der Sozialen Marktwirtschaft gibt es gesellschaftlich und sozialwirtschaftlich oft mehr zu verlieren als in den USA. Wir werden noch viele Digital-Hypes erleben, von denen nur ein Bruchteil belastbare und dauer- hafte, dann aber entscheidende Veränderungen mit sich bringen werden. Entscheidend wird sein, die relevanten Entwicklungen frühzeitig zu erspüren und zu erkennen und sie dann behutsam, fundiert und mit der gebotenen Nachhaltigkeit aufzugreifen und zu bearbeiten. Gleichzeitig wünsche ich mir aber, gerade in der mittelständischen Unternehmerschaft, die ja eigentlich unsere Volkswirtschaft trägt, mehr Pragmatismus und einen stärkeren Fokus auf die Chancen und Potenziale aus dem digitalen Wandel als auf die möglichen Bedrohungen. Generell müssen wir die Debatte um den digitalen Wandel aus den derzeitigen Diskussions-Silos herausbrechen und als einen breiten, gesamtgesellschaftlichen Diskurs aufstellen. Die Digitalisierung betrifft uns alle in unterschiedlichsten Rollen – als Privatmenschen und Bürger, als Arbeitnehmer und Unternehmer, als Produzenten und Konsumenten etc. Hier geht es um soziale, wirtschaftliche und politische Teilhabe. Wenn wir es schaffen, hier einen ausgewogenen Wertekonsens zu schaffen, werden wir sicher auch für den digitalen Wandel und seine Folgen bereit sein. Im Übrigen halte ich es da mit Konfuzius: Beklage Dich nicht über die Dunkelheit – zünde eine Kerze an.

Internet der Dinge, Industrie 4.0 – Was wird im kommenden Jahr den größten Impact für die Unternehmen haben?

Ganz basic: die Digitalisierung an sich und die mit ihr einhergehende Automatisierung. Sie werden vor allem für die klassischen Industrien von großer Bedeutung sein und einen massiven Umbruch mit sich bringen, gerade auch volkswirtschaftlich. 80 Prozent aller Innovationen in der Produktionstechnologie, so eine Zahl des BMBF, greifen bereits heute auf die Integration von ITK-Technologien mit dem Maschinenbau zurück. Über die serielle Produktion bzw. standardisierte Prozessabwicklung bieten Bereiche mit systematisch wiederkehrenden Tätigkeiten bzw. Prozessen ein hohes Automatisierungspotenzial. Gerade Entwicklungen wie die digitalbasierte automatisierte Maschine-zu-Maschine Kommunikation bergen ein enormes Innovations- und auch Wachstumspotenzial und haben massive Auswirkungen auf Fertigungs- und Logistikprozesse und darüber hinaus. Und mit der neuen Formulierung der Schnittstelle Wirtschaftsgut und Mensch im Internet wird das jetzt im Alltag sichtbar. 

Schlagworte zum Thema:  Digitalisierung, Mobiles Internet, Mobile, Big Data, Datenschutz

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