14.11.2014 | Digitalwirtschaft

Der Mythos Fachkräftemangel ist Realität

"Mehr und mehr Menschen müssen digitale Kompetenzen mitbringen."
Bild: Fortmann, by Raimar von Wienskowski

In letzter Zeit häufen sich die Beiträge zum Thema "Fachkräftemangel – Mythos oder Realität?". Hier wird anscheinend das Thema zum Hype und Halb- und Unwahrheiten wenig reflektiert veröffentlicht, meint Harald R. Fortmann, Partner und Director Executive Search bei der Cribb  Personalberatung sowie BVDW-Vizepräsident, in seiner Entgegnung auf unseren Kolumnisten Mike Schnoor.

Der Fachkräftemangel ist kein Mythos. Er ist da. Und das schon seit 2003. Dabei fehlen nicht nur in der Digitalwirtschaft, sondern auch in anderen Branchen die digitalen Köpfe.

Im Zuge des Internetbooms der 90er Jahre wuchs der Bedarf an Personal in der  Digitalwirtschaft massiv, mehr und mehr Menschen fanden hier eine Beschäftigung. Das Platzen der Blase überlebten dann jedoch nur einige von ihnen. Sie bilden heute den Pool der Digitalexperten der ersten Stunde. Mitte der 2000er, als es wieder aufwärts ging mit der Internetwirtschaft, wurden erneut neue Mitarbeiter benötigt – zwar langsam, aber stetig. Quereinsteiger und Enthusiasten erkannten die Chancen der Branche und sind heute immer noch die so genannten First Mover. Denn: Erst gegen Ende (!) der 2000er kamen erste Weiterbildungsangebote auf den Markt und langsam begannen auch einige Hochschulen Bildungsangebote anzubieten. Selbst heute, im Jahr 2014, gibt es nur eine überschaubare Anzahl von Bachelor- oder Masterstudiengängen, die sich mit der digitalen Branche, den Themen und Trends sowie ihren Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft beschäftigen.

Dabei hat sich die Digitalisierung, die zunächst im Nukleus der Digitalwirtschaft stattfand, in den letzten 18 Monaten rasant auf die gesamte Industrie ausgeweitet. Die mittlerweile auch von der Kanzlerin propagierte "Industrie 4.0" hat nicht nur dazu geführt, dass gesamte Prozesse in Unternehmen überdacht wurden. Sie führt auch dazu, dass es der Einstellung von Digital-Experten in klassischen Unternehmen bedarf, damit diese keinen Wettbewerbsnachteil erleiden.

Die Folge dieses steigenden Bedarfs: Mehr und mehr Menschen müssen digitale Kompetenzen mitbringen oder zu digitalen Köpfen ausgebildet werden. Ferner benötigen Unternehmen zunehmend nicht nur im Unter- und Mittelbau Digitalkompetenz, sondern vor allem auf Führungsebene. Einige haben bereits die Weichen gestellt und beispielsweise einen Chief Digital Officer berufen, aber es bleibt dabei: Fach-, geschweige denn Führungskräfte mit einem ausgeprägtem Background in der Digitalwirtschaft sind rar gesät. Die Branche ist nun mal nicht Jahrzehnte oder -hunderte alt und hat – wie oben beschrieben – in ihrer kurzen Zeit einige Hochs und Tiefs erlebt. Kurzum: Der Fachkräftemangel ist real.

Das zeigt sich nicht zuletzt auf der Gehaltsebene: Anders als Mike Schnoor es in seinem Artikel schreibt, sind in der Digitalbranche überdurchschnittliche Gehälter durchaus die Regel. Nicht nur auf Führungsebene, wo der Mangel an digital kompetenten Managern dazu geführt hat, dass die Gehälter über dem Niveau von Mitarbeitern mit ähnlicher Berufserfahrung liegen. Auch Berufsanfänger – beispielsweise im E-Commerce – können im Schnitt mit einem Einstiegsgehalt von 40.000 Euro rechnen, und nach wenigen Jahren Berufserfahrung ergeben sich bereits Potenziale im sechsstelligen Bereich – bedingt durch das Prinzip von Angebot und Nachfrage.

Recht hat Mike Schnoor sicherlich in dem Punkt, dass auch in den Unternehmen ein Umdenken stattfinden muss, um gute, digitale Mitarbeiter zu gewinnen. Sie sollten ihre Gehaltsgefüge aufbrechen, starre Positionsprofile aufgeben und Talente einstellen, um deren Kompetenzen herum sie die Aufgaben schnüren. Da der Bedarf in der Digitalen Wirtschaft und der Industrie nach wie vor größer ist als die Anzahl der Kandidaten, die mit einer adäquaten Ausbildung auf den Markt kommen, müssen auch die Unternehmen in eine qualifizierte Aus- und Weiterbildung investieren. Und hier sind überdies die HR-Abteilungen in der Pflicht, sich neu aufzustellen, Arbeitsbedingungen zu adaptieren und vor allem offen für die neue Kultur der Digitalen zu sein. 

Nicht zuletzt ist auch die Politik gefragt: Es gilt, die öffentlichen Hochschulen zu unterstützen, schneller junge Menschen im Hinblick auf die neuen Möglichkeiten auszubilden. Die Hochschulen könnten beispielsweise mehr Praktiker als Lehrbeauftragte an Bord holen. So gebe ich meinen Studenten zum Beispiel zu jedem Semesterbeginn mit auf den Weg, dass alles, was sie in den kommenden Wochen von mir hören werden, am Ende des Semesters schon wieder überholt sein kann. Keine Branche verändert sich so schnell wie die Digitale und der Begriff des "lebenslangen Lernens" hat hierdurch eine neue Bedeutung gewonnen. Ohne den Einsatz von Praktikern ist diese Phase, in der wir uns derzeit befinden, nicht zu meistern – und ohne die entsprechenden Fach- und Führungskräfte erst recht nicht.

Über den Autor

Harald R. Fortmann ist Partner und Director Executive Search bei der Cribb  Personalberatung. Dort verantwortet er die Beratung von Konzernen und marktführenden mittelständischen Unternehmen bei der Neubesetzung von Führungsgremien. Fortmann ist bereits seit 1996 in der digitalen Wirtschaft aktiv und gilt als einer der bestvernetzten Manager der Branche. So ist er unter anderem im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V. engagiert und dort seit 2005 als Vizepräsident für die Ressorts Performance Marketing, Marktforschung, Events sowie Bildung und Personalentwicklung tätig.

Schlagworte zum Thema:  Recruiting, Online-Marketing, Employer Branding

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