21.11.2014 | Serie Kolumne Alles digital

Was ist wirklich dran an den Arbeitswelten in der digitalen Wirtschaft?

Serienelemente
"Die Unternehmen der digitalen Wirtschaft müssen die Sprache sprechen, die die Kandidaten hören wollen."
Bild: Mike Schnoor

Weiter geht es mit der Diskussion um digitale Arbeitswelten und fehlende Fachkräfte. Die meisten Unternehmen müssten endlich verstehen, dass das Rad sich weiterdreht und dass sie Arbeitsorganisation und Recruiting neu denken müssen, meint unser Kolumnist Mike Schnoor. Sonst werde es schnell einsam im Maschinenraum der digitalen Transformation. 


Der Fachkräftemangel, das drohende Damoklesschwert der ITK- und Digitalbranche, erhitzt die Gemüter und lädt zum Schlagabtausch der Diskutanten ein ("Der Mythos Fachkräftemangel ist Realität"). Fachkräfte fehlen nicht. Nein, Fachkräfte gibt es wie Sand am Meer ("Digitale Arbeitgeber: Was ist wirklich dran am Fachkräftemangel"). Natürlich sind die einen schlechter, die anderen besser. Aber die Mehrheit von ihnen wird nicht in die digitalen Arbeitswelten vermittelt. Schließlich kommt es nicht allein auf die Executives und das C-Level an, sondern auf die Vielzahl der Mitarbeiter, die als Wasserträger ihre Stärken als Fachkräfte unter Beweis stellen möchten. Unternehmen müssen zuerst verstehen, dass sich die digitalen Arbeitswelten gewandelt haben und dass sie sich in einem Teufelskreis befinden, aus dem es auszubrechen lohnt.

Gesucht: Eierlegende Wollmilchsau für 35.000 Euro im Jahr (brutto)

Wichtig wird bei der Diskussion um den Fachkräftemangel – egal ob Mythos oder Realität – die grundlegende Entscheidung, was die Unternehmen wirklich suchen, was sie brauchen und welche Mitarbeiter sie sich denn nun wirklich ins Boot holen möchten. Typischer Weise suchen Unternehmen den digitalen Alleskönner, die eierlegende Wollmilchsau. Diese soll es für ein kleines Gehalt, vielleicht nur 35.000 Euro im Jahr, bereits geben.

Diese Grundhaltung gegenüber dem Wert der Arbeit einer Fachkraft ist fern jeglicher Realität. Solche Gehälter gibt es natürlich in manch anderen Branchen, aber gerade der Wachstumsmotor der Digitalen Wirtschaft sollte auf Unternehmensseite zur Verantwortung gezogen werden. Natürlich krebsen viele auf Werbeerlösen oder dem Portalgeschäft basierenden Unternehmen und manche Agenturen herum, weil sie als Dienstleister immer vom Gutdünken ihrer Auftraggeber abhängig sind. Doch bei der Arbeitskraft und damit an der Leistung und Kreativität zu sparen, hilft wohl kaum, den Stellenwert der Digitalbranche bei den potenziellen Mitarbeitern zu festigen ("Nur 13 Prozent der Jugendlichen streben in die digitale Wirtschaft"). Der Teufelskreis beginnt sich an dieser Stelle zu drehen.

Sparen am Humankapital führt in die Irre

Die guten Arbeitskräfte, die gesuchten Fachkräfte, verlangen deutlich mehr Gehalt – zu Recht. Viele digitale Unternehmen haben nur eine Ahnung von Gehältern und möchten gerade am Humankapital sparen. Jedoch entscheiden gerade die monetär gut dotierten Fachkräfte über den Erfolg des Unternehmens und seiner Projekte. Die vermeintlich günstige Fachkraft wird über kurz oder lang nicht das hochpreisige Leistungsniveau erreichen, das die digitalen Dienstleister ihren Kunden verkaufen möchten. Der Teufelskreis dreht sich erst langsam, dann aber schneller. Vielleicht ahnen die digitalen Unternehmen in Deutschland noch nicht, dass ihr strategisches Handeln in puncto der eigenen Arbeitswelt nicht von Erfolg gekrönt sein wird.

Aber noch einmal zurück zu den Alleskönnern. Diese preislich günstigen Wollmilchsäue arbeiten im Idealfall rund 40 Stunden pro Woche, werden niemals krank und gehen angeschlagen ins Büro, um eine Epidemie unter der gesamten Belegschaft zu verursachen. Sie machen unbezahlte Überstunden, ertragen Kernarbeitszeiten und können nur ein paar Tage im Jahr ihren Urlaub genießen. Familie haben sie bitte keine, ein Privatleben braucht der Mensch nur zum Schlafen, denn schließlich leben sie für die Unternehmen. Ja, dies kann eine rosige Welt sein, wirkt aber etwas rückständig wirkt. Leider bieten viele kleinere digitale Unternehmen, die große Masse der vom Fachkräftemangel betroffenen Firmen, genau die traurige Alltagstristesse des Arbeitsmarktes und sehen ihre Kandidaten und Mitarbeiter nicht als die Zukunftsträger für den unternehmerischen Fortbestand. Der Teufelskreis dreht sich weiter, denn auf die Arbeitswelt des letzten Jahrtausends wollen sich die vielen junge Menschen und digitalen Denker nicht mehr einlassen. 

Nine-to-five und Anwesenheitspflicht sind anachronistisch

Warum also nicht anders agieren und mehr Flexibilität anbieten, mit Arbeitszeitmodellen, die echte Anreize bieten? Drei Tage fest im Büro arbeiten, zwei Tage im Homeoffice. Oder statt Vollzeit in Teilzeit auf den eigenen Beinen als Startup-Gründer. Alternativ mehr Freiräume für die jungen Familien schaffen, damit die Mitarbeiter ein ausgeglichenes Leben führen und E-Mails nach Feierabend auch ruhen lassen können. Rituale bestimmen das Leben, aber eine Nine-to-five-Mentalität ist veraltet. Schließlich gehen Kinder schon um 7.30 Uhr in die Kita oder müssen um 8.00 Uhr in der Schule sein. Als Mitarbeiter möchte man verständlicherweise nicht erst um 9.30 Uhr arbeiten, sondern möglichst schnell im Anschluss an die Arbeitszeit die Kinder am frühen Nachmittag wieder abholen. Denn bis 19 Uhr hat keine Kita, geschweige denn eine Schule geöffnet. 

Arbeitswelten und Arbeitsräume verändern sich, sie werden individueller und persönlicher. Anstatt im Büro zu sitzen, möchten viele Menschen in entspannter Atmosphäre aus dem Café im Mobile Internet kollaborativ arbeiten und sich nicht an den Schreibtischjob mit Stift-fallen-lassen-Effekt binden. Doch liegt es an den Bewerbern, die mit Elan und Engagement ja eigentlich die Digitalisierung vorantreiben wollen? Nein, diese willensstarken Fachkräfte können zwar die grundsolide Basis für den unternehmerischen Erfolg bilden, aber für die Mehrheit der Unternehmen ist eine Abkehr von alten Wertevorstellungen nicht umsetzbar. Der Teufelskreis wird davon noch stärker angetrieben, denn sie wollen ihren Unternehmensalltag nicht verändern. Einzelne Vorreiter zeigen Bereitschaft zum Kulturwandel, aber nicht die Masse der Unternehmen.

Lieblinge und Außenseiter

Denken wir zurück an den Pausenhof aus Schulzeiten: Es gab die beliebten Schulkameraden und die wahren Außenseiter, mit denen niemand abhängen wollte. Bei den Arbeitgebern verhält sich das nicht anders, sobald man die potenziellen Mitarbeiter nach ihren wahren Lieblingen fragt. Wer nicht in der Gunst der Bewerber liegt, wird es als Unternehmen schwer haben. Unter den abschlussnahen Studierenden der Wirtschaftswissenschaften, die in vielerlei Hinsicht zu den digitalen Aufsteigern unserer gesellschaftlichen Zukunft zählen, liegen eigentlich keine originär im Digital Business originär verankerten Unternehmen vorne. 

In keiner Favoritenliste tauchen sie auf, all die Agenturen, Adtechs, SEOs, Mobile- und Online-Vermarkter, Mediaplaner, Social-Media-Buden und Digitalmarketing-Beratungen. Nein, die zehn beliebtesten Arbeitgeber in Deutschland heißen BMW, Audi, Volkswagen, Lufthansa, Porsche, Daimler, Google, Bosch, Adidas, Siemens. Die nächsten zehn Plätze teilen sich Pwc, EY, das Auswärtige Amt, BASF, KPMG, Deutsche Bank, Apple, Mc Kinsey, Unilever und BCG.

Der Teufelskreis dreht sich immer schneller, denn trotz der Wunschkonstellation eines durch die digitale Transformation und die digitale Geschäftsmodelle angetriebenen Wettbewerbs verlieren hier die digitalen Unternehmen hochgradig gegen die nicht-originär im digitalen angesiedelten Wirtschaftsbranchen.

Mit einer Stimme sprechen

Die Unternehmen der digitalen Wirtschaft sind bislang Einzelkämpfer, auch wenn sie sich in Interessenvertretungen organisieren. Sie können sich trotz des jahrelangen Gejammers nicht auf einen Konsens für das digitale Personalmarketing einigen. Schade, denn dann würden sie dauerhaft mit einer kräftigen Stimme zu sprechen lernen und gemeinsam die Nachwuchskräfte und erfahrenen Experten zu begeistern – und sich nicht auf Executives und C-Level-Managementpositionen beschränken. Wenn Unternehmen der digitalen Wirtschaft es schaffen, die breite Masse der Fach- und Nachwuchskräfte nicht zu verschrecken, wird der Schwung des Teufelskreises nachhaltig gebremst.

Eins ist klar: Digitale Wirtschaft sollte für innovatives Personalmarketing und führende Arbeitgebermarken stehen. Doch die Mehrheit der Unternehmen spricht leider nicht mit der Stimme, welche die Kandidaten hören wollen. Der Fachkräftemangel in der digitalen Wirtschaft ist nur ein Mythos. Viele Unternehmen stimmen in diesen Singsang ein. Sie trauen sich nicht mehr zu und hören nicht auf Kopf, Herz und Bauch, die allesamt sagen, dass sich die Unternehmen und deren Erwartungen ändern müssen, damit die Fachkräfte zu ihnen finden. Damit die digitale Wirtschaft in den Köpfen der Bevölkerung und der Arbeitskräfte noch stärker wahrgenommen wird. 

Autor:

Mike Schnoor, Jahrgang 1979, ist Kommunikator, Autor, Berater und Impulsgeber für Digital Communication, Marketing, Public Relations und Social Media. Als Herausgeber von #DigiBuzz - Das Magazin für das Digital Business analysiert er aktuelle Trends, neue Ideen und Geschäftsmodelle der digitalen Wirtschaft. Folgen Sie@MikeSchnoor bei Twitter und lesen Sie sein Blog.

Schlagworte zum Thema:  Digitale Wirtschaft, Arbeitswelt, Social Media, Recruiting, Fachkräftemangel, Digital, Digitalisierung

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