| Interview mit Nils Fischer

"Die letzte Meile nicht unterschätzen"

"Die taggleiche Zustellung steht und fällt mit der Warenverfügbarkeit vor Ort."
Bild: Liefery

Das in Frankfurt am Main ansässige Unternehmen Lieferfactory betreibt mit Liefery eine Online-Plattform für "Same Day Delivery Services". Angeboten werden Direktfahrten und Tourenabwicklungen. acquisa spricht mit Geschäftsführer Nils Fischer über die logistischen Herausforderungen einer taggleichen Lieferung, aktuelle Entwicklungen und die wachsende Nachfrage nach einer Zustellung in Zeitfenstern.

Herr Fischer, Paket-Zustellung ist Knochenarbeit. Wie kann eine Online-Plattform hier helfen?

Nils Fischer: Immer mehr Kunden wünschen eine Zustellung am gleichen Tag oder innerhalb eines bestimmten Zeitfensters. Um das zu ermöglichen, müssen die Prozesse hocheffizient ablaufen. Mit unserer Plattform ist genau dies möglich. Händler können automatisiert via Schnittstelle  oder per Online-Eingabe ihre Lieferaufträge erteilen. Unser System verteilt die Aufträge an unsere eigenen Zusteller, freiberuflichen Kuriere oder Kurierunternehmen, die an unser Portal angeschlossen sind. Wir sind dabei nicht nur Vermittler, sondern auch Frachtführer. Wir übernehmen die Verantwortung, dass die Sendungen korrekt und pünktlich zugestellt werden. Über unser Customer-Service-Team in Frankfurt koordinieren wir den Zustellprozess und steuern bei Bedarf nach.

Die Dienstleistung ist nur für ausgewählte Großstädte und dort auch nur in bestimmten Gebieten verfügbar. Warum ist Same Day Delivery nicht flächendeckend möglich?

Fischer: Die taggleiche Zustellung steht und fällt mit der Warenverfügbarkeit vor Ort. Hier ist momentan viel Dynamik im Markt. Immer mehr Unternehmen errichten kleine Läger in den Innenstädten, aus denen die Ware verschickt werden kann. Die andere Möglichkeit ist es, aus den Filialen heraus zu kommissionieren. Aber wichtig ist, dass die Ware sich bereits in der Nähe des Kunden befindet. In 70 deutschen Städten sind wir bereits aktiv.

Same Day Delivery: Filialisten in der Pole Position

Bedeutet dies, dass ein Multichannel-Händler, der neben seinem Onlineshop auch über Filialen in den Innenstädten verfügt, in Bezug auf Same Day Delivery gegenüber reinen Online-Pure-Playern im Vorteil ist?

Fischer: Das ist richtig. Als Filialist ist man in Bezug auf Same Day Delivery in der Pole Position, weil die Ware schon dort ist, wo sie nachgefragt wird. Für einen reinen Onlineshop mit Zentrallager ist die Herausforderung größer. Der Online-Pure-Player müsste zusätzliche Läger in Innenstädten errichten, oder sich Handelspartner vor Ort suchen, um eine taggleiche Zustellung umzusetzen. Der Einzelhändler ist in den Innenstädten bereits präsent. Das macht es leichter.

Aber Kritiker behaupten, die taggleiche Lieferung soll Online-Händlern nur als Lockmittel dienen, damit potenzielle Käufer ihr Geld nicht im Einzelhandel, sondern beim Onlineshop-Betreiber lassen. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Fischer: Unserer Erfahrung nach passiert eher das Gegenteil: Die Same Day Delivery belebt sowohl den Offline- als auch den Online-Handel. Vor allem Einzelhändler locken mit Same Day Delivery Kunden wieder in ihre Filialen. Bestes Beispiel von unserer Seite ist hier der Händler Depot. Von Möbeln über Wohnaccessoires bis hin zu Deko-Artikeln stellt Depot mit unserem gemeinsamen Service "Shop & Delivery" Waren taggleich zu. Auf ihrer Einkaufstour durch ihre lokale Depot-Filiale entscheiden Kunden flexibel und spontan über ihren Kauf – ohne dass sie sich über den Heimtransport der Einkäufe Gedanken machen müssen.

Worauf müssen Multichannel-Händler achten, wenn sie direkt aus ihren Filialen versenden möchte?

Fischer: Zunächst sollten sich die Umsätze klar zuordnen lassen. Das kann ein Problem sein, wenn beispielsweise das Online-Geschäft und das stationäre Geschäft von unterschiedlichen Gesellschaften betrieben werden. Auch die Warentransparenz ist eine Herausforderung. Es muss quasi in Echtzeit bekannt sein, welcher Bestand in welcher Filiale verfügbar ist. Das ist eine Aufgabe, die durch die IT gelöst werden kann. Ebenfalls sollte das Picking in den Filialen sichergestellt sein. Das bedeutet, das sowohl eine entsprechende Fläche als auch genug Personal zur Verfügung stehen muss, um die Waren für die Zustellung vorzubereiten.

Und wie steht es um die Warenverfügbarkeit? In einem Laden werden typischerweise nicht viele Produkte einer Sorte vorgehalten …

Fischer: Das ist richtig. Je nach Branche, können die Warenbestände schnell an ihrer Grenzen kommen, zum Beispiel wenn ein Bekleidungsstück in einer bestimmten Farbe und Größe stark nachgefragt wird. Ein dichtes Filialnetz kann solche Engpässe abfedern. Wir beobachten jedoch den Trend, dass auch immer mehr Einzelhändler in den Städten zusätzliche Läger errichten, um schneller ausliefern zu können.

Schlagworte zum Thema:  Zustellung, E-Commerce, Versandhandel

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