25.02.2013 | Interview mit Dr. Andrej Busch

"Im Online-Versandhandel steckt noch viel Potenzial"

"Die informatorische Selbstbestimmung wird sich auch auf die Logistik auswirken."
Bild: DHL Paket Deutschland

Dr. Andrej Busch, CEO von DHL Paket Deutschland, hält die erwartete Verdopplung des Versandhandelsvolumens in den kommenden zehn Jahren für eine eher konservative Einschätzung. Für acquisa hat er sich zur Zustellung der Zukunft geäußert.

acquisa: Welche Trends treiben derzeit die vom E-Commerce enorm beflügelte Paketzustellung?

Andrej Busch: Im Online-Versandhandel steckt noch viel Potenzial. Heute werden erst etwa acht Prozent des gesamten Einzelhandels über Versand abgewickelt. Das ist noch ziemlich wenig. Trotzdem sind wir in der Sendungsmenge im vergangenen Jahr als Marktführer um zehn Prozent gewachsen, das ist gigantisch. Das gab es nie zuvor in 500 Jahren Postgeschichte. Und es wird so weitergehen: Experten sagen voraus, dass sich der Anteil des über den Versand abgewickelten Einzelhandels in den nächsten zehn Jahren auf 16 Prozent verdoppeln wird. Das ist meiner Ansicht nach noch sehr konservativ gedacht – der Anteil wird sich in Zukunft eher potenzieren. Der Schlüssel hierzu sind die entsprechenden Technologien, die physische Abwicklung des Einkaufs und die Befriedigung der individuellen Lebensbedürfnisse der Verbraucher.

Wir machen mit unserer flächendeckenden Infrastruktur und unseren Zusatzleistungen den Online-Handel in dieser Form überhaupt erst möglich. Bestehende Angebote, wie Online-Nachverfolgung von Paketsendungen und die Zustellung am Wunschtag, erhöhen bei den Kunden spürbar die Freude und die Zufriedenheit beim Kaufen im Internet. Aber wir wollen noch besser werden. Erstens sollen Pakete zukünftig so schnell wie ein Brief beim Empfänger sein. Zweitens machen wir neue Angebote möglich – zum Beispiel den flächendeckenden Versand von Lebensmitteln oder Medikamenten. Drittens bieten wir mehr Transparenz. Das heißt, der Kunde kann in der Zukunft viel einfacher noch als heute in Echtzeit seine Sendung verfolgen. Wir sorgen dafür, dass Online-Handel auch wirklich so ist, wie er sein soll: bequem, schnell und – vor allem – sicher.

acquisa: Welche Erfolgschancen hat Same-Day-Delivery und wie reagiert DHL auf die ständig wachsenden Ansprüche der Kunden?

Busch: Die taggleiche Lieferung könnte ein neuer Servicebereich in der Branche werden, insbesondere wenn wir über den Online-Handel mit Lebensmitteln oder anderen verderblichen Gütern sprechen. Um einen solchen Service flächendeckend anbieten zu können, müssen aber Lager- und Transportkapazitäten sehr genau aufeinander abstimmt sein, da zusätzliche Abholungen und Lieferungen am Nachmittag oder Abend auch zusätzliche Kapazitäten und damit Zusatzkosten bedeuten. Kosten, die letztendlich der Kunde zu tragen hat. Aber Online-Einkauf – gerade von Gütern des täglichen Bedarfs – darf kein Premiumprodukt sein. Es darf nicht dauerhaft mehr kosten. Natürlich macht es keinen Sinn, einzelne Zahnpastatuben zu verschicken – weder für den Händler noch für den Kunden. Es macht für beide aber dann Sinn, wenn der Wocheneinkauf über den Online-Shop abgewickelt wird. Dann muss der Kunde auch keine Versandkosten zahlen, weil es sich für den Händler rechnet.

acquisa: Welche Alternativen zur Zustellung an Privatadressen funktionieren gut und sind Ihrer Überzeugung nach ausbaufähig?

Busch: Über unser Internet-Portal Paket.de bieten wir unsere Kunden seit letztem Jahr mehr Transparenz, Flexibilität und Einfluss. Nach einmaliger Registrierung können die Kunden nicht nur alle ein- und ausgehenden Pakete verfolgen, sondern haben auch die Möglichkeit, den Paket-Empfang selbst zu steuern. Sie können sich einen Wunschtag und eine Wunschzeit für die Zustellung aussuchen oder online bestimmen, dass die Lieferung in eine bestimmte Filiale, Packstation oder an einen Nachbarn erfolgen soll, bei dem sie ihre Sendungen abholen wollen – oder einen bestimmten Platz auf ihrem Grundstück.

In der Zukunft wird sich die Paketzustellung aber noch erheblich gegenüber dem heute Gewohnten weiterentwickeln. Die informatorische Selbstbestimmung, die wir durch das Internet erleben, wird sich auch auf die Logistik auswirken. Die neue Flexibilität der Verbraucher wird auch zu mehr Optionen bei der Geschwindigkeit der Lieferungen führen. Bestimmte Produkte wie Lebensmittel werden sofort geliefert werden, andere, weniger dringende, in der normalen Lieferzeit. Den Zeitpunkt der Lieferung wird der Konsument selbst bestimmen können. Es wird eine echte Transparenz in Bezug auf den Sendungsfluss geben, in den Verbraucher eingreifen können, um die Sendungen zeitlich und räumlich zu steuern. Auch automatisierte Empfangsanlagen werden in Zukunft eine große Rolle spielen. Wir testen zum Beispiel gerade kleine Packstationen für das eigene Haus.

acquisa: A.T. Kearney hat unlängst in einer Studie der Zustellung von Privatkundensendungen an deren Arbeitsplatz eine große Zukunft (und eine hohe Ersparnis für die Zusteller) vorausgesagt. Wie stehen Sie dazu?

Busch: Ja, natürlich ist die Büroadresse eine mögliche Lieferadresse. Aber nicht jeder Arbeitgeber erlaubt den Empfang von privaten Sendungen am Arbeitsplatz und nicht jeder Arbeitnehmer sitzt täglich an einem festen Arbeitsplatz. Denken Sie an die Vielzahl von Vertriebs- oder Servicemitarbeitern. Deshalb setzen wir auf ein variationsreiches Angebot für den privaten Paketempfang – maßgeschneidert für unterschiedliche Zielgruppen: Packstationen und Wunschfilialen in den Städten; Paketkästen sowie Wunschorte und -nachbarn in den eher ländlichen Gebieten, um nur einige Beispiele zu nennen.

Schlagworte zum Thema:  E-Commerce, Direktmarketing, Versandhandel

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