09.05.2014 | Top-Thema Mindestlohn und Dialogmarketing: Was da noch kommt

Haushaltwerbung vor großen Herausforderungen

Kapitel
Bald mehr Platz im Briefkasten? Für die Haushaltwerbung hätte der Mindestlohn gravierende Folgen.
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Call-Center sind vielleicht die offensichtlichsten, aber nicht die einzigen Unternehmen aus dem Dialogmarketing, für die der Mindestlohn eine Rolle spielt. Das betrifft auch Verteil- und Zustellunternehmen, sprich Haushaltwerbung und kostenfreie Anzeigenblätter. 

Laut Gesetzentwurf soll der Mindestlohn für alle Menschen über 18 Jahren gelten. Tragen also in Zukunft nur noch Schüler Prospekte und Anzeigenblätter aus? "Schüler stellen eine große Gruppe unserer Zusteller", sagt Dr. Jörg Eggers, Geschäftsführer des Bundesverbands Anzeigenblätter (BVDA). "Für uns arbeiten aber auch viele Rentner, Studenten oder Personen, die den Haushalt führen. Und diese Gruppe wollen wir als Zusteller nicht verlieren", so Eggers weiter. Allerdings baue der Gesetzentwurf hier "unnötige und nicht tragbare bürokratische Hürden" auf.

Vom Stücklohn zum Stundenlohn

Die Herausforderung bei der Zustellung liegt darin, dass hier Stücklohn bezahlt wird. Und diesen in Stundenlohn umzurechnen, der dann auch noch die geforderten 8,50 Euro beträgt, ist schwierig. "Wir haben vor einigen Jahren bereits Algorithmen entwickelt, mit deren Hilfe diese Umrechnung möglich ist", erklärt Markus Engel, Vorstand der Engel AG, einer Agentur für Haushaltwerbung. Aber das Thema sei enorm komplex, nicht zuletzt deswegen, weil natürlich immer auch die Topographie eines Verteilgebiets eine Rolle spiele. "Ob jemand auf dem platten Land verteilt, vielleicht noch mit vielen Häusern in Hanglage, oder in einem Innenstadtbezirk voller Hochhäuser, das entscheidet wesentlich darüber, wie viele Prospekte und Anzeigenblätter der Mitarbeiter in der Stunde verteilen kann", führt Engel aus.

Haushaltwerbung mit Zeiterfassung?

Die Umrechnung von Stück- in Stundenlohn ist das eine, meint Jörg Eggers vom BVDA. Die andere Folge des Mindestlohns wäre, dass Verteilunternehmen ein System für die Zeiterfassung einführen müssten. Das aber sei wirtschaftlich nicht darstellbar, "denn die Arbeitszeit der Zusteller liegt bei nur wenigen Stunden pro Woche. Die benötigte Zeit für den Dokumentations- und Kontrollaufwand stünde in keinem Verhältnis zur geleisteten Arbeitszeit".

Das hätte vor allem eins zur Folge: "Die Verlage wären in der unangenehmen Situation, ihren Zustellern eine Zeitvorgabe für die Leistungserbringung zu machen." Anders wäre das Problem nicht zu lösen. Zeitvorgaben bedingten aber regelmäßige Kontrollen, ob die Mitarbeiter wirklich die angegebene Zeit brauchen. Und was wäre zu tun, wenn sie mehr Zeit als vorgegeben brauchen? Lohnkürzungen?

Konsolidierung in Sicht?

Einigermaßen gelassen sieht man das Thema Mindestlohn beim BdKEP, dem Bundesverband Kurier-, Express-, Postdienste, der Interessenvertretung kleinerer und mittlerer Zustellunternehmen. Viele mittelständische KEP-Unternehmen hätten bereits heute ein Lohngefüge, das die geplante Lohnuntergrenze überschreitet. Für diese Unternehmen habe das Gesetz keine Auswirkungen. "Wir sehen jedoch Schwierigkeiten in strukturschwachen, ländlichen Räumen", meint Verbandssprecher Andreas Schumann. Dort liege das Lohnniveau bei einigen Anbietern unter den geforderten 8,50 Euro. "Das betrifft nicht nur die vielgescholtenen Briefzusteller, sondern auch die Paketauslieferung und die Post-Shops", sowohl die der Deutschen Post als auch die von Wettbewerbern. "Postshops, der Shop im Shop, sind die wichtige Schnittstelle zum Verbraucher besonders in strukturschwachen Gebieten. Bei diesen Unternehmen sehen wir das Risiko, dass der Geschäftsbetrieb aufgrund der steigenden Lohnkosten ganz oder teilweise eingestellt werden muss."

Da drängt sich die Frage auf, ob die Dienstleister die höheren Kosten des Mindestlohns über höhere Preise bei den Auftraggebern wieder hereinholen können. Der BVDA kündigt an, dass im Falle des Mindestlohns die Möglichkeit geprüft werde, die Preise für Anzeigen und/oder Beilagen zu erhöhen. Allerdings ist Markus Engel in diesem Punkt skeptisch. Er könne sich nicht vorstellen, dass große Kunden wie Lebensmitteleinzelhandels-Ketten nur wegen des Mindestlohns höhere Preise akzeptieren werden. Insofern werde das Ganze „"onsequenzen für die Marge von Zustellunternehmen und Mediaagenturen" haben. Insofern werde der Mindestlohn negative Folgen zeitigen. Beim BVDA wiederum ist man guter Hoffnung, das Ganze regeln zu können. Schließlich seien Anzeigenblätter und Beilagen ein wirkungsvolles Werbemedium, auf das Unternehmen nicht verzichten könnten.

Schlagworte zum Thema:  Mindestlohn, Haushaltwerbung, Zustellung, Zeiterfassung, Dialogmarketing, Call-Center

Aktuell

Meistgelesen