21.12.2012 | Interview mit Rex Jung

"Social Media sind eine Modeerscheinung"

Social Media sind nicht der Königsweg, sagt der Hirnforscher Rex Jung.
Bild: LWL GmbH

Der US-amerikanische Neuropsychologe und Hirnforscher Rex Jung ist skeptisch, was die tatsächliche Langzeitwirkung von Social Media betrifft. Es gebe keinen Ersatz für reale menschliche Beziehungen.

acquisa: Wie lautet die wichtigste Erkenntnis der Forschung  Konsumentenforschung?

Rex Jung: Kreativität schafft Produkte, die sich schnell wie ein Buschfeuer verbreiten können. Facebook, das Wiederaufleben von Apple oder andere sozial getriebene Produkte sind Beispiele. Das ist ein anscheinend vom Herdentrieb beschleunigter Vorgang, basierend auf Feedback-Schleifen, angetrieben durch ein Gruppenbedürfnis. Es ist, als ob der Markt als kollektives Gehirn handelt und die Konsumenten als individuelle Neuronen funktionieren. In diesem Zusammenhang wäre es interessant zu sehen, ob Crowdsourcing auch dazu eingesetzt werden könnte, um zunehmend komplexere technologische Probleme der Umwelt zu lösen (z.B. die Energienutzung).

acquisa: Inwieweit beeinflussen Emotionen Entscheidungsprozesse? Wie lassen sich diese in der Marketingpraxis valide messen?

Jung: Emotionen sind äußerst wichtig in der Logik der Entscheidungsfindung. Ich bin mir allerdings keines verlässlichen Messweges bewusst, der etwas darüber aussagt, wie diese mit der Entscheidungsfindung im täglichen Marketing interagieren. Daher wären solche Messungen nicht valide. Eventuell könnte die Neuro-Bildgebung (Neuroimaging) eine Rolle spielen, wenn auch die meisten der Neuroimaging-Methoden an Verlässlichkeit zu wünschen übrig lassen.

acquisa: Welche Rolle werden Social Media in Zukunft spielen? Inwieweit beeinflusst „Social Media“ uns heute schon?

Jung: Ich halte dies für eine Modeerscheinung, die in etwa in den nächsten fünf Jahren abflauen wird. Wir sind und waren immer Gemeinschaftstiere und Social Media sind ein Weg, aber nicht der einzige Weg für uns, um miteinander zu interagieren. Es gibt keinen wirklichen Ersatz für realen menschlichen Kontakt. Sie werden bemerken, dass es einen Abschwung von Facebook im Verlauf dieses Trends geben wird.

acquisa: Stimmen Sie dem Satz Terence Conrans „Die Leute wissen nicht, was sie wollen, bis man es ihnen anbietet“ aus neuropsychologischer Sicht zu?

Jung: Ich denke, dass die Leute nicht wissen, was sie wollen, bis ihnen die (von ihnen zu treffende) Möglichkeit der Wahl gegeben wird: Ohne Wahlmöglichkeit wird man immer das wählen, was einem vorgehalten wird.

Schlagworte zum Thema:  Neuromarketing, Social Media

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