17.04.2014 | Interview mit Patrick Tapp

"Ein flächendeckender Mindestlohn ist nicht marktgerecht"

"Zusteller von Prospekten müssen in jedem Fall vom Mindestlohngesetz ausgenommen werden."
Bild: DDV

Mindestlohn an sich: Ja. So wie von der Arbeitsministerin geplant: Nein. So lautet die Haltung des deutschen Dialogmarketing Verbands. Im Interview erklärt DDV-Präsident Patrick Tapp, woran es mangelt. 

acquisa: Wie steht der DDV ganz allgemein zum geplanten gesetzlichen Mindestlohn?

Patrick Tapp: Ein gesetzlicher Mindestlohn muss der Realität in den unterschiedlichen Branchen gerecht werden. Ein flächendeckender Mindestlohn tut dies aus unserer Sicht nicht in jedem Segment des Dialogmarketing. Vernünftige, an der Lebenswirklichkeit orientierte Ausnahmeregelungen sind für uns eine Notwendigkeit, damit Mindestlohn der richtige Weg sein kann, Arbeit und den Wert der Arbeit gerechter zu entlohnen. Das Zugeständnis der Arbeitsministerin Andrea Nahles, die Untergrenze bei 18 Jahren zu ziehen, reicht allerdings nicht aus.

acquisa: Vor allem zwei Branchen, die auch der DDV vertritt, sind von dem Thema betroffen – Call-Center und Zustelldienste. Wie bringt sich der DDV in die laufende politische Diskussion ein? Mit welcher Zielsetzung?

Tapp: Der DDV steht zum Thema Mindestlohn seit Beginn der Diskussion in einer ganzen Reihe von politischen Gesprächen mit Abgeordneten und dem Bundesarbeitsministerium. Zudem hat der Verband mit einer Stellungnahme zum Gesetzesentwurf und in mehreren Fachgesprächen und Anhörungen gegenüber dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales seine sachlich und fachlich fundierten Vorschläge, insbesondere für den Bereich Zustellung, vorgetragen. Wir fordern die ausdrückliche Herausnahme der Zusteller aus dem Mindestlohngesetz und die Heraufsetzung der Grenze für den Mindestlohn von 18 auf 25 Jahre. Dieser Vorschlag ist marktgerecht und erforderlich.

acquisa: Stichwort Call-Center: Sehen Sie im Mindestlohn einen Weg, den Preiskampf im Customer Care zu beenden? 

Tapp: Im Call-Center-Bereich bildet der Mindestlohn schon längst die Wirklichkeit der Unternehmen ab, die als Customer-Service-Center ein Qualitätsangebot umsetzen, das Verbrauchern nützt. Der Mindestlohn ist auch ein Anstoß, im Gespräch zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer endlich überein zu kommen, dass Qualität und Kompetenz von Mitarbeitern nicht in einer nach unten offenen Scala diskutiert werden dürfen. Die Call-Center-Welt hat sich verändert, und eine leistungsgerechte Mitarbeitervergütung fängt bei lebenswirklichen Ausschreibungsparametern an. Hier sind die Auftraggeber gefordert. 

acquisa: Kann der Mindestlohn dabei helfen, den Fachkräftemangel in Call-Centern zu beenden? Wird Call-Center-Agent dank Mindestlohn zu einem begehrten Beruf? 

Tapp: Ja, wenn eine leistungsgerechte Vergütung deutlich macht, dass in Customer-Service-Centern eine ganze Bandbreite an Kundenservice abgebildet wird, wird der Beraterberuf ein wichtiger und angesehener sein. Aus- und Fortbildung, Aufstiegsmöglichkeiten sind weitere Faktoren. 

acquisa: Führt der Mindestlohn dazu, dass Serviceleistungen teurer werden beziehungsweise, dass sie erstmals deutlich ausgewiesen und bepreist werden? Welche Folgen hätte das für die Branche?

Tapp: Die Branche leidet seit Jahren darunter, dass der Kunde ständig nur den Preis im Fokus hat und nicht bereit ist, für die Qualität von Serviceleistungen gerecht zu zahlen. Hier ist dringend eine Bewusstseinsänderung notwendig. Gute Leistung für gutes Geld! Der Mindestlohn hat dahingehend Einfluss auf diese Diskussion, dass der Wert der Dienstleistung durch leistungsgerecht bezahlte Mitarbeiter ein Diskussionselement sein kann in einer unsäglichen "Geiz ist geil"-Diskussion, die im Servicebereich nicht funktioniert. Ganz im Gegenteil, wer im Servicebereich Qualität erwartet, kann nicht davon ausgehen, dass diese deshalb kostenfrei geliefert wird. Denn das bedeutete, dass ein Mitarbeiter nicht mehr als 3,50 Euro in der Stunde verdienen darf, damit solch ein Angebot zu halten wäre. 

acquisa: Der Mindestlohn tangiert über die Zustellunternehmen auch die Haushaltwerbung. Welche Folgen sehen Sie hier am Horizont? Tragen zukünftig nur noch Schüler unter 18 Jahren Prospekte aus?

Tapp: Wenn unsere Forderungen nach Ausnahmen keinen Erfolg hätten, wäre das möglicherweise so.

acquisa: Bringt der Mindestlohn für Zusteller, so er kommen sollte, einen Rückgang bei Prospekten, Flyern et cetera? Was bedeutet das für das Dialogmarketing von Unternehmen?

Tapp: Die Entscheidung von Prospekten als Werbemittel wird ja von den Werbungtreibenden getroffen und nicht von den Zustellern. Für viele Branchen ist der Prospekt ein sehr wichtiger Kanal. Die Branche der Zustellung ist sehr speziell organisiert. Daher fordern wir hier marktgerechte Ausnahmen im Bereich der Mitarbeiter, die sich durch Zustellung ausschließlich etwas dazu verdienen wollen. Es geht hier nicht um vollzeitbeschäftigte Mitarbeiter. Gibt es hier keine vernünftige Regelung, wird es problematisch.

Schlagworte zum Thema:  Dialogmarketing, Call-Center, Zustellung, Haushaltwerbung, Mindestlohn

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