| Interview mit Lars Vollmer

"Planen ist völlig wertlos geworden"

"Big Data beleuchtet die Vergangenheit. Daraus die Zukunft ableiten zu wollen, ist kindlicher Optimismus."
Bild: Lars Vollmer

Unternehmen, die ihren Erfolg am Grad der Planausführung messen, sind führungslos – weil Pläne der komplexen Wirklichkeit nicht entsprechen. Das meint der Unternehmensberater Lars Vollmer im Gespräch mit acquisa. daran ändere auch Big Data nichts. 


Herr Vollmer, in Ihrem Buch "Wrong Turn" gehen Sie der Frage nach, "warum Führungskräfte in komplexen Situationen versagen". Kurz zusammengefasst: Wie lautet Ihre Antwort?

Die Crux ist, dass die meisten Führungskräfte die Realität mit den Modellen verwechseln, die sie sich von der Realität gemacht haben. Und dass sie Management als Planen und Ausführen verstehen.

Sie gehen davon aus, dass die Realität mit Modellen beschrieben werden kann und es lineare Kausalketten gibt. Modelle vereinfachen aber die Wirklichkeit und bilden nur einen Teil davon ab. In einer komplexen Welt sind Pläne auf Basis von solchen Modellen aber zum Scheitern verurteilt. Und Organisationen, die ihren Erfolg am Grad der Planausführung messen, sind schlicht verantwortungs- und führungslos. Die Folge: Eine unglaubliche Anhäufung von Fehlentscheidungen. Oder „Wrong Turns“, wie ich sie nenne.

Schon Bert Brecht wusste von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens ein Lied zu singen. Warum machen wir denn immer Pläne, wenn sie doch scheitern?

Zu Zeiten Frederick Taylors war das Planen ein probates Mittel, um erfolgreich zu sein. Unternehmen agierten in weiten, eher schwach kompetitiven Märkten, Innovationen waren langsam und vorhersehbar. In einer solchen Welt war Koordination auf Basis von Planung äußerst effizient. Und so wird es in Schulen und an Universitäten gelehrt.

Erfolgreich wirtschaften im 21. Jahrhundert ist viel komplexer als es zu Zeiten Taylors war. Täglich passieren Überraschungen, die in Plänen nicht vorhergesehen werden können, aber nach adäquater Reaktion verlangen. Planen ist damit völlig wertlos geworden. Es ist sogar toxisch, wenn Führungskräfte trotzig versuchen, den aufgestellten Plan einzuhalten, oder ihre Mitarbeiter daran messen!

Warum Unternehmen trotzdem Budgets definieren, Kosten- und Investitionspläne machen und ihre Ressourcen „managen“? Nicht weil es hilft. Sondern weil Planen das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung stillt.

Vor allem im Marketing gilt heute: Daten, Daten und noch mehr Daten sollen es richten. Ist Big Data, ist Data Driven Marketing ein Irrweg, der nur Verwirrung stiftet? Oder doch ein Weg, zu besseren Ergebnissen zu kommen?

Letztlich steckt hinter der Datensammelwut die Sehnsucht, die Realität besser zu verstehen. Daten sollen die Kausalität hinter all der Unübersichtlichkeit aufzeigen. Wer die Dinge erklären und diagnostizieren kann, der kann auch Prognosen aufstellen. Und das erlaubt dem Unternehmen, sich optimal nach der Entwicklung der Märkte auszurichten. Klingt eigentlich logisch.

Doch die Realität funktioniert nicht linear, sie fährt nicht auf Schienen. Die erhoffte Kausalität gibt es in den meisten Fällen nicht, höchstens Korrelationen. Genau das ist das Wesen von komplexen Systemen wie Märkten. Sie sind kontingent. Selbst bei identischen Anfangsbedingungen kann es immer auch anders kommen. Planen aufgrund von gesammelten Daten ist also sinnlos.

Auf den Punkt gebracht bedeutet das: Big Data beleuchtet die Vergangenheit. Daraus die Zukunft ableiten zu wollen, ist kindlicher Optimismus.


Das vollständige Interview mit Lars Vollmer lesen Sie in der Februarausgabe von acquisa.


Zur Person:

Dr. Lars Vollmer ist Ingenieur, Unternehmensberater, Blogger und Autor aus Hannover.

Er wird zum Thema Planung und Führung im Vertrieb auf der Vertriebstagung DVVK im April in München eine Keynote halten. 

Schlagworte zum Thema:  Planung, Steuerung, Big Data, Marketing

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