| Interview mit Michaela Zinke

"Verkehrsdaten sind tabu"

"Aktuell gibt es keine Rechtsgrundlage für den Handel mit Bewegungsdaten."
Bild: Verbraucherzentrale Bundesverband

In den USA und Großbritannien experimentieren Unternehmen derzeit mit dem Handel anonymisierter Verkehrs- oder Bewegungsdaten. Dafür gibt es im deutschen Telekommunikationsrecht keine Grundlage, sagt Michaela Zinke, Referentin für Verbraucherrechte in der digitalen Welt beim Verbraucherzentrale Bundesverband (Vzbv).

acquisa: Für sein neues Programm „Mastercard Audiences“ wirbt Mastercard bei potenziellen Interessenten mit spitzen Zielgruppen und effizienten Werbemöglichkeiten. Das Unternehmen versichert, dass die Daten anonymisiert und keine personenbezogenen Informationen weitergegeben werden. Sind die Daten damit ausreichend geschützt?

Michaela Zinke: Wir leben in einer stark digitalisierten Welt, sprich wir geben immer mehr Daten von uns preis. In diesem Zusammenhang wird es auch immer schwieriger, Daten tatsächlich zu anonymisieren. Denn wenn ausreichend personenbezogene Daten gesammelt und mit Zusatzdaten – Alter, Beruf, Geschlecht – versehen werden, ist es relativ einfach, den Daten wieder einzelnen Personen zuzuordnen. Der Handel mit anonymisierten Daten ist also keineswegs unproblematisch.

acquisa: Die Befürworter der detaillierten Auswertung und Nutzung von Kundendaten argumentieren, dass letztlich auch der Kunde von individuell passenden Angeboten profitiere - durch konkretere Angebote, die seine Interessen berücksichtigen. Halten Sie dieses Argument für stichhaltig?

Zinke: In jedem Fall ist es in der Flut an Informationen, der ein Nutzer täglich ausgesetzt ist, von Vorteil, wenn er aufgrund seines Profils nur Angebote erhält, die ihn wirklich interessieren. Andererseits läuft der Nutzer aber auch Gefahr, dass er fälschlicherweise Profilkategorien zugeordnet wird, die mit seinen wirklichen Interessen nicht viel gemein haben. So wird eine 20-jährige Frau mit voller Haarpracht, die versehentlich eine Werbung zur Glatzenpflege angeklickt hat, wenig Interesse daran haben, künftig mit solchen Produkten beworben zu werden. Der größte Nachteil ist, dass der Nutzer oft nicht informiert, geschweige denn um seine Einwilligung dafür gebeten wird, dass seine Daten zur digitalen Profilbildung zusammengetragen werden. Das Problem bei der digitalen Profilbildung ist, dass die Nutzer oft nicht erkennen oder gar verhindern können, dass Informationen gesammelt werden. Das ist ein klarer Eingriff in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung.

acquisa: Das deutsche Tochterunternehmen von Telefonica, O2, hat bereits eine Klausel für Neukunden eingeführt, mit der diese der Nutzung von Bestands- und Verkehrsdaten für die Vermarktung und Marktforschung zustimmen müssen. Ist das mit dem deutschen Datenschutz vereinbar?

Zinke: In erster Linie muss ganz klar zwischen Bestand- und Verkehrsdaten unterschieden werden. Bestandsdaten sind alle Daten, die rund um die Vertragsabwicklung nötig sind, also etwa Name, Anschrift etc. Bestandsdaten dürfen in Deutschland in erheblich größerem Umfang genutzt werden als Verkehrsdaten, mit Einwilligung der Kunden auch für Werbung und Marktforschung. Anders sieht das bei den Verkehrsdaten aus. Das sind alle Daten, die rund um das Telefonieren selbst anfallen. Im Falle von Telefonica beziehungsweise O2 geht es insbesondere um den Weiterverkauf von Bewegungsdaten. Solche Daten sind Verkehrs- oder Bewegungsdaten, für deren Weiterverkauf es im deutschen Telekommunikationsrecht keine gesetzliche Grundlage gibt. Die Bewegungsdaten dürfen nur anonymisiert und mit Einwilligung der Kunden für die Vermarktung der eigenen Dienste verwendet, aber nicht weiterverkauft werden.

acquisa: Mastercard und Telefonica beschränken Ihre Programme bisher auf den amerikanischen beziehungsweise britischen Markt. Halten Sie grundsätzlich eine Einführung solcher Programme auch in Deutschland für möglich?

Zinke: Da es aktuell für TK-Unternehmen in Deutschland keine Rechtsgrundlage für den Handel mit Bewegungsdaten gibt, ist das in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Trotzdem werden ähnliche Programme, die rechtlich möglich sind, sicher auch in Deutschland Einzug finden. Schließlich lässt sich mit Kundenprofilen viel Geld verdienen.

Schlagworte zum Thema:  CRM, Data Mining, Datenschutz

Aktuell

Meistgelesen