Zehntausende Flüchtlinge wechseln nach der Klärung ihres Aufenthaltsstatus sukzessive in ein Normalmietverhältnis. Die Neumieter aus dem Orient sollen sich an deutsche Wohngepflogenheiten anpassen. Doch wo verläuft die Grenze zwischen Verhaltensweisen, die das Wohnungsunternehmen "ertragen" muss, und solchen, deren Änderung der Vermieter mit Fug und Recht verlangen kann? Erste Erfahrungen aus einer Workshop-Reihe zeigen Möglichkeiten und Grenzen.

Die Wohnungsunternehmen leisten laut einer Umfrage des GdW Bundesverbands Deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen bei der Integration von anerkannten Flüchtlingen in den Wohnquartieren bereits gute Arbeit. Für 75 Prozent der dazu vom GdW befragten Mitgliedsunternehmen ist die Integration und Unterbringung von Flüchtlingen in den Wohnquartieren inzwischen ein Thema. Doch im Alltag gibt es Probleme: Männer geben Mitarbeiterinnen nicht die Hand, vollverschleierte Mietinteressentinnen verweigern die Überprüfung ihrer Identität, Reparaturtermine in den Wohnungen platzen wiederholt. Das sind nur einige Beispiele von Wohnungsunternehmen und ihren Mitarbeitern. Ein eigens entwickelter Workshop greift einige dieser Herausforderungen für die Mitarbeiter auf.

Kulturelle Unterschiede: Ein Perspektivwechsel hilft

Die Hausmeister, Servicekräfte von Counter und Telefonzentrale sowie die Vermieter, die die Gespräche mit den Mietinteressenten führen, stellen zu Beginn der Workshops immer wieder die gleichen Fragen: „Warum müssen wir das alles machen? Warum sind die so anders? Wie sollen wir damit umgehen?“ Während die grundsätzliche politische Frage nach Umfang, Grenzen und rechtlicher Ausgestaltung von Zuwanderung nicht Teil eines wohnungswirtschaftlichen Workshops sein kann, hat es sich gleichwohl als wichtig erwiesen, Gründe für ein Anderssein aufzuzeigen. Schon allein zu wissen, warum sich mein Gegenüber so verhält, macht vieles – aber nicht alles – einfacher.

Ehe man sich zu schnell in den Details der interkulturellen Kommunikation verliert, lohnt ein kritisch-distanzierter Blick auf sich selbst. Dazu eignet sich besonders der Perspektivwechsel. Wie blicken Deutsche auf die Flüchtlinge aus dem Orient und wie ist es umgekehrt? Beim Blick aus der deutschen Perspektive dominieren Defizite: Flüchtlingsmieter halten Hausordnungen nicht ein, wissen mit der deutschen Mülltrennung nichts anzufangen, haben Probleme mit Frauen in Entscheidungspositionen und leben mit zu vielen Menschen in zu kleinen Wohnungen.

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In deutschen Metropolen begegnen sie Extremen. Für Menschen aus ländlichen Gegenden Afghanistans oder Syriens sind z. B. Homosexualität, Geschlechtsumwandlungen, Tätowierungen und gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften Ungeheuerlichkeiten, die gegen alle islamischen Normen in geradezu gotteslästerlicher Weise verstoßen.

Fernsehbilder verzerren die Realität

Hinzu kommt, dass das Bild vom Westen in den arabischen Fernsehsendern von Marokko bis Dubai meist völlig verzerrt ist und entweder die wirtschaftliche Stärke oder die militärische Gewalt der USA und ihrer Verbündeten gegen islamische Staaten in den Vordergrund stellt. Reportagen über die gesellschaftliche Realität Europas sind sehr selten. Der so erzeugte „Vielfaltsstress“ vieler Zuwanderer erfordert schließlich eine sehr anstrengende Neudefinition ihrer eigenen Identität in einer Umgebung, die mittlerweile mehr atheistisch denn christlich geprägt ist. Scheitert diese Neudefinition des eigenen Ich an den erlebten Widersprüchen in der deutschen Gesellschaft, drohen muslimische Zuwanderer mitunter in den Extremismus abzurutschen.

„Wir haben die Bedeutung von Religion unterschätzt.“ So umschrieb Bundesinnenminister Thomas de Maizière im September 2016 eine der tieferen Ursachen für die besonderen integrativen Probleme und Herausforderungen mit diesem Personenkreis.

Viele Konfliktpotenziale sind vorhanden

Auch für die meisten Teilnehmer an den Workshops ist es nur schwer nachvollziehbar, dass Gott bei anderen Menschen eine so große Rolle in ihrem Alltagsleben spielt: Gottes Gebote und Regeln, islamische Feste und Speisevorschriften, die arabische Sprache, die bald in jedem zweiten Satz Aussagen und Sinnsprüche mit Bezug auf Allah bekräftigt. Spätestens hier ahnen die Teilnehmer, dass an dieser Stelle viele Konfliktpotenziale schlummern, die auch für das nachbarschaftliche Zusammenleben oder den Kontakt zwischen den Beschäftigten des Wohnungsunternehmens und seinen Neumietern relevant sind.

"Schimmel" gibt es in heißen Ländern nicht

Ziel des Workshops ist es nicht zuletzt, Ursachen für das als schwierig und irrational empfundene Verhalten der neuen Mieter aus dem Orient zu benennen. Einige typische Beispiele: Der Begriff „Schimmel“ gehört nicht zum passiven Wortschatz in der arabischen Alltagssprache, weil es das Phänomen in den überwiegend trockenen und heißen Ländern nicht gibt. Obst verdorrt, Brot vertrocknet, verschimmelt aber nicht. Infolgedessen sollten arabische Übersetzungen in „Bedienungsanleitungen fürs Wohnen“ dieses Phänomen umschreiben und nicht bloß den Lexikonbegriff der arabischen Hochsprache verwenden.

Fließendes Wasser ist religiös enorm positiv aufgeladen und in den Herkunftsländern ein knappes und teures Gut, zumal warmes Wasser häufig mit Propangasflaschen erzeugt wird, die auch zum Kochen genutzt werden. Wenn – wie bei uns – warmes Wasser in unbegrenzter Menge zur Verfügung steht und die Kosten dafür erst mehr als ein Jahr später auf der Betriebskostenabrechnung aufgelistet werden, müssen sich Wohnungsunternehmen nicht wundern, wenn die Verbräuche schnell das Dreifache des Durchschnitts erreichen.

Der häufig wenig pflegliche Umgang mit dem halböffentlichen Raum (Treppenhaus, Grünflächen, Gemeinschaftsbereiche) ist Usus in den Heimatländern.

Alles außerhalb der Wohnungstür genießt wenig Wertschätzung. Das beginnt schon bei der Projektentwicklung. Sind in den Planungsunterlagen meist noch Grünflächen, Wege und Bepflanzungen eingezeichnet, fährt man auch nach 15 Jahren immer noch über Schotterwege und weder Baum noch Strauch, geschweige denn ein Spielplatz sind zu sehen. Der Grund? Die Gelder der Bauträger, die für den kommunalen Investitionsanteil bestimmt waren, versacken häufig in den Taschen korrupter Honoratioren. Entsprechend verwahrlost und „unfertig“ wirken die öffentlichen Räume außerhalb der staatlichen Repräsentationsbereiche. Das prägt das ästhetische Empfinden der Bevölkerung nachhaltig: Pfleglicher Umgang wird schlichtweg nicht gelernt.

Konfliktvermeidende Kommunikation: selbstbewusst, aber nicht arrogant

Ein relativ häufiges Missverständnis ist, konfliktvermeidende Kommunikation mit Unterwürfigkeit zu verwechseln.

Mietinteressenten und Mietern aus dem Orient sollte man selbstbewusst, aber nicht arrogant begegnen. Das gilt insbesondere für Frauen und bedeutet: Blicke aushalten, aufrechte Körperhaltung, feste Stimme, klare Ansagen.

Werden Männer übergriffig, starren einem während des Bewerbergesprächs ins Gesicht (was in den Herkunftskulturen als extrem unhöflich gilt) oder drohen durch Stimmlage und Körperhaltung, sollte man Grenzen setzen und ggf. auch mal ein Gespräch vorzeitig beenden.

Trotzdem sollte nicht vergessen werden, dass Menschen mit Flüchtlingshintergrund häufig sehr unter Druck stehen: Spracherwerb und berufliche Integration geschehen oft viel langsamer als erwartet oder scheitern. Gleichzeitig existiert die Erwartungshaltung der Daheimgebliebenen nach finanzieller Unterstützung und Familiennachzug. Manchmal müssen auch noch Schulden bei Schleusern bezahlt werden. Der Appell an die Geduld, wenn bestimmte Wohnungen nicht verfügbar sind oder Familienangehörige nicht ins gleiche Haus einziehen können, fruchtet dann eher selten.

Grenzen der Kundenorientierung: Mitarbeiter müssen nicht alles dulden

Aber Mitarbeiter müssen – bei aller professionellen Kundenorientierung – nicht alles erdulden, was Mietinteressenten oder Bestandskunden gleich welcher Herkunft ihnen zumuten. So gilt es, im Seminar heikle Situationen und Sachverhalte zu besprechen und – bei Bedarf – auch im Rollenspiel zu verdeutlichen. Entscheidend dabei ist, dass sich die Teilnehmer gemeinsam auf eine Lösung einigen und später auch umsetzen. Dabei ist dann die Rückendeckung der Vorgesetzten gefragt.

Die Bandbreite möglicher Reaktionen ist groß, es gibt selten ein Richtig oder Falsch. So haben sich die Teilnehmer des einen Workshops für eine flexible Reaktion entschieden, falls Mietinteressenten gezielt von einer Frau oder einem Mann beraten werden wollen. Ist ein Kollege oder eine Kollegin verfügbar, übernimmt er bzw. sie das Gespräch. Ist das nicht möglich, wird ein neuer Termin angeboten. Für Teilnehmer eines anderen Wohnungsunternehmens dagegen war hier bereits eine Grenze überschritten. Sie beschlossen, solcherart Wünsche in Zukunft abzulehnen. Grundsätzlich einig waren sich bislang alle Teilnehmer, dass Mietinteressenten, die z. B. eine falsche Identität verwendet haben, keinen Mietvertrag bekommen können. Gleiches gilt für Mieter, die einen Mietvertrag unter falschem Namen abgeschlossen haben – sie müssen mit Kündigung rechnen.

Schlachten von Schafen oder Ziegen auf dem Balkon ist verboten

Auch Verhaltensweisen, die das friedliche nachbarschaftliche Zusammenleben in erheblicher Weise beeinträchtigen, werden mit Abmahnungen oder – im Wiederholungsfall – mit Kündigung geahndet. Werden beim Opferfest Schafe oder Ziegen auf dem Balkon oder in der Badewanne geschlachtet oder wiederholt der Müll aus dem Fenster geworfen, wird sich in den meisten Fällen das Mietverhältnis nicht fortsetzen lassen.

Schlagworte zum Thema:  Flüchtlinge, Mieter