In vielen Kommunen stößt der Wohnungsbau flächenmäßig an seine Grenzen. Also wird wieder auf der grünen Wiese gebaut. Eigentlich ein Tabubruch, der sich nur rechtfertigen lässt, wenn die Fehler der Vergangenheit vermieden und an die neuen Quartiere besondere städtebauliche Qualitätsmaßstäbe angelegt werden. Immer mehr Siedlungen werden deshalb als Gartenstädte geplant.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie Generationen von Stadtplanern Gutes gewollt, aber häufig Problematisches geschaffen haben. Ihre Fixierung auf das 1933 formulierte städtebauliche Leitbild der Charta von Athen mit seiner monofunktionalen Ausrichtung hat zum Bau von Zeilenhaus-Siedlungen mit "Sozialgrün" (Betreten des Rasens verboten!) sowie von Trabanten- und Schlafsiedlungen geführt, in denen Grünflächen eher ein gestalterisches Feigenblatt waren. Inzwischen haben Grünflächen bei der Planung neuer Siedlungen einen besonderen Stellenwert als Freizeit-, Erholungs- und Kommunikationsflächen erhalten.

Die neuen Gartenstädte haben Geschossbauten und Parkanlagen

Oft wird dabei auf den Begriff "Gartenstadt" zurückgegriffen, auch wenn dieser in Deutschland das heimelige Bild der vor und nach dem Ersten Weltkrieg gebauten, meist sozial- und funktional monostrukturierten historischen Gartenstadtsiedlungen mit Doppel- und Reihenhäusern heraufbeschwört. Zu diesen Doppel- und Reihenhaussiedlungen gehörten ausgedehnte individuell genutzte Hausgärten – daher der Name Gartenstadt. Das neue städtebauliche Bild der neuen Gartenstädte ist dagegen von Geschosswohnbauten und weitläufigen Parkanlagen geprägt.

Ein Forschungprojekt hat sich mit Gartenstädten beschäftigt

Seine Renaissance verdankt der Begriff "Gartenstadt" dem akademischen Diskurs im Zukunftslabor "Gartenstadt 21" (Gartenstadt des 21. Jahrhunderts), das das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Frühjahr 2017 organisiert hat. Das Gartenstadtkonzept, das dort diskutiert und weiterentwickelt wurde, orientiert sich nicht an der deutschen Gartenstadtidylle, sondern an deren englischem Vorbild. Dort hatte Ebenezer Howard (1850-1928) Ende des 19. Jahrhunderts als Gegenbild zu den Arbeiterslums der Industriestädte ein Gartenstadtkonzept entworfen, das autarke Städte mit Wohn-, Gewerbe- und Grünanteil vorsah.

Im Gartenstadtprojekt "Fischbeker Reethen" sollen rund 2.200 Wohnungen, ein öffentlicher Grünzug sowie ein Gewerbegebiet entstehen

Die Fehler der Vergangenheit sollen nicht wiederholt werden

Die Forderung nach einer Organisationsform, die eine nachhaltige Entwicklung garantiert, ist nur einer von vielen Punkten, die im Rahmen eines Forschungsprojekts des BBSR aufgestellt wurden. Noch ist die Diskussion nicht abgeschlossen, einig sind sich die Experten aber darin, dass an die neue große Wohnsiedlungen besondere Ansprüche gestellt werden. "Sie dürfen sich nicht länger selbst genügen, sondern müssen einen Beitrag für die umliegenden Quartiere leisten", umriss Prof. Dr. Harald Bodenschatz von der TU Berlin die Forderung.

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Sie muss es umso mehr, da die Innenverdichtung der Städte an ihre Grenzen stößt und das Bauen auf der grünen Wiese am Stadtrand und im stadtnahen Speckgürtel kein Tabu mehr ist. Die Fehler der Vergangenheit, nämlich der Bau monofunktionaler Siedlungen und Gewerbegebiete, sollen nicht wiederholt werden.

Im Kern sind Howards Überlegungen also auch heute noch aktuell und ausbaubar, auch wenn er viele neue Herausforderungen wie die Integration von Menschen verschiedener Kulturen nicht vorhersehen konnte. Er hatte die vielen Reformansätze seiner Zeit, die das Wohnelend in den Slums der englischen Industriestädte beseitigen wollten, zu einem Modell zusammengefasst, dessen Charme unter anderem darin lag, dass es flexibel und entwicklungsfähig war – ein "working model", das auch für den aktuellen Diskurs interessant ist. Howard ging es weniger um die städtebauliche Gestalt der Gartenstadt, auch wenn er beispielsweise eine mehrgeschossige Bebauung für sinnvoll hielt, sondern vielmehr um die Frage, wie sich organisatorisch langfristig – also nachhaltig – die Entwicklung der Gartenstadt sichern ließ.

Organisationsprozesse in den Siedlungen institutionalisieren

Das "working model" betrifft demnach nicht nur die städtebaulichen Elemente, die für die Gegenwart neu interpretiert werden können, sondern auch die Organisation dieser Siedlungen. Wenn bestimmte Organisationsprozesse in der Siedlung institutionalisiert werden – wie durch Kooperationsverträge der Immobilienunternehmen, Nachbarschaftsvereine oder ein gemeinsames wohnungswirtschaftliches Quartiersmanagement –, können sie sich kontinuierlich neuen Gegebenheiten anpassen. Fehlen solche Regularien, erstarren die Siedlungen. Später müssen dann manchmal Unsummen investiert werden, um sie wieder gegenwartstauglich zu machen.

Die statisch geplanten Großsiedlungen aus den 1960er und 1970er Jahren sind ein beredtes Beispiel: In manchen Großsiedlungen war und ist es mitunter ein großes Problem, alle Eigentümer an einen Tisch zu bekommen, um zum Beispiel ein veraltetes Freiraumkonzept zu modernisieren oder gar durch Grundstücksumlegungen Bedingungen für ergänzenden Neubau zu schaffen. In der Phase der Großsiedlungserneuerung hat sich aber insbesondere die Wohnungswirtschaft hier ein großes Know-How angeeignet.

Als neuer Akteur tritt inzwischen auch die Bevölkerung auf

Als neuer Akteur tritt inzwischen auch die Bevölkerung auf, die Forderungen aufstellt und Entwicklungen hemmen kann. So hatten die 6.000 Bewohner der Potsdamer Großsiedlung Drewitz, entstanden zwischen 1986 und 1990, anfangs kein Verständnis, dass ihre Siedlung nach dem städtebaulichen Vorbild der Gartenstadt neugestaltet werden sollte. "Parkplätze zu Parks" – diese Idee wurde erst populär, als die Betroffenen zu Workshops eingeladen und an der Planung beteiligt wurden.

In einer als "working model" konzipierten Gartensiedlung, wie sie das Howard‘sche Garden-City-Konzept vorsieht, wären die Bewohner selbst für Änderungsprozesse mitverantwortlich, sagt Bastian Wahler-Żak, Referent im BBSR. Er verweist auf die ökologische Münchner Mustersiedlung Prinz-Eugen-Park.

"Hier wurde ein Konsortium gebildet, das sich aus Einzahlungen der Eigentümer finanziert und sämtliche gemeinschaftliche Infrastruktureinrichtungen wie Kitas, Pflegeeinrichtungen und so weiter koordiniert. So kann man Synergien herstellen und die Finanzierung besser organisieren“, Bastian Wahler-Żak, Referent im BBSR

Es gehe darum, die Wertigkeit einer Siedlung zu erhöhen. Und das beinhaltet auch, sie so zu planen, dass sie besser mit dem Umfeld verzahnt wird und beide voneinander profitieren.

In der "Gartenstadt Werdersee" sollen 560 Wohnungen entstehen

Von den vielen Denkansätzen und Angeboten des oben genannten Zukunftslabors haben Politik, Stadtplaner und Investoren zunächst einmal das städtebauliche Konzept, zu dem auch der Geschosswohnungsbau gehört, sowie die Überlegungen zur Freiraumgestaltung übernommen und nicht zuletzt den Begriff "Gartenstadt" adaptiert.

"Die Qualitäten, die in einer Gartenstadt entstehen, sehen wir von der Bauträgerseite durchaus als verkaufsfördernd an." Uwe Schierloh, Geschäftsführer der Projektgesellschaft Werdersee GmbH & Co KG in Bremen

In der "Gartenstadt Werdersee" sollen 560 Wohneinheiten entstehen – 200 öffentlich geförderte Mietwohnungen, 70 Eigentumswohnungen und 260 Reihenhäuser – unter anderem von der Bremer GEWOBA Aktiengesellschaft Wohnen und Bauen. Außerdem sollen Bau- und Mietergemeinschaften zum Zuge kommen.

Die Gartenstadt "Werdersee" soll 560 Miet- und Eigentumswohnungen aufweisen

Diese Qualitäten, zu der ein großer Park und insgesamt ein Grünanteil von 40 Prozent gehören, kosteten Geld, betont Schierloh. Deshalb könne man preisgünstigen Wohnraum für die junge Einsteigerfamilie in solch einer Gartenstadt schwerlich bauen, meint er. Es gebe zudem zahlreiche planerische Regularien, die die Kosten in die Höhe trieben. So sei zum Beispiel in Pflanzlisten genau vorgeschrieben, welche Büsche und Bäume dort stehen müssen. Zum Wohle des Ganzen werde der individuelle Spielraum bei der Gestaltung eingeschränkt.

Der Begriff "Gartenstadt 21" soll für neue Qualität stehen

Der Begriff "Gartenstadt 21" soll für Qualität stehen – mit welchen Inhalten dieser Begriff auch immer ausgefüllt wird. An qualitätsvollen neuen Stadtteilen seien auch die Investoren interessiert, weiß Karen Pein, Geschäftsführerin der IBA Hamburg GmbH, die zurzeit eine 70 Hektar große Grünfläche am südlichen Stadtrand Hamburgs entwickelt. Damit ist dieses Gartenstadtprojekt namens "Fischbeker Reethen" deutlich größer als das Projekt "Werdersee". Hier soll neben rund 2.200 Wohnungen und einem ausgedehnten öffentlichen Grünzug auch ein Gewerbegebiet entstehen.

Damit kommen die "Fischbeker Reethen" dem Howard‘schen Ideal recht nahe. Dazu IBA-Geschäftsführerin Karen Pein:

"Der Wunsch, die 'Fischbeker Reethen' als Gartenstadt zu bauen, kam aus mehreren Richtungen – unter anderem von den Investoren, sowohl von den kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsunternehmen als auch von den privaten Bauherren", Karen Pein, IBA-Geschäftsführerin

In bewusster Abkehr von den Forderungen der Charta von Athen sollen hier naturverbundenes Wohnen und innovative Arbeitswelten vereint werden. Die "Fischbeker Reethen" sind – nach dem städtebaulichen Entwurf von KCAP Architects & Planners aus Rotterdam und Kunst + Herbert Büro für Forschung und Hausbau aus Hamburg – als "walkable city" mit reduziertem Autoverkehr geplant, in der die bestehenden Landschaftslinien erhalten bleiben und fingerartig in das Gebiet erweitert werden. Der Gewerbeanteil beträgt 45 Prozent. "Dieser Entwurf begreift den Grünzug nicht als Riegel, der Wohnen und Gewerbe trennt, sondern als Thema", so Pein. Und dieses Thema ist die Mischung der Nutzungen.

Nutzung und Aneignung der Grünflächen durch die Bewohner

Wie können sich die Bewohner solche Grünzüge in ihren Siedlungen "aneignen"? In den "Fischbeker Reethen" werden die öffentlichen Grünflächen, zu denen auch eine Wasserfläche gehört, nicht einfach als Park angelegt werden, sondern sollen von den Bewohnern auch als Garten genutzt werden.

"Wir denken an eine öffentliche Gemeinschaftsanlage, in der sich zum Beispiel drei Familien einen Garten teilen können. Die könnten verstreut liegen, sodass sie einzelnen Gebäuden zugeordnet werden können. Der Landesbund der Gartenfreunde ist interessiert, eine solche Anlage zu konzipieren", Karen Pein, IBA-Geschäftsführerin

Man dürfe nicht außer Acht lassen, dass der Begriff "Gartenstadt" Erwartungen wecke, und man deshalb gut daran tue, ein "Lebensgefühl Gartenstadt zu schaffen".

Urban Gardening in Freiburg-Weingarten
Eine moderne Nutzung von Grünflächen trägt auch dazu bei, den ehemaligen Trabantensiedlungen am Stadtrand neues Leben einzuhauchen. So wurde in der Großsiedlung "Weingarten" in Freiburg/Breisgau, gebaut in den 1960er Jahren, eine große, an die Siedlung angrenzende Grünfläche in eine Parkanlage mit verschiedenen Freizeitangeboten umgewandelt. Ein Teil wurde den Anwohnern zum "Urban Gardening" überlassen. Wenn Grünflächen zu Begegnungsstätten und Orten der Kommunikation werden, ist ein Element des Gartenstadtkonzepts mit Leben erfüllt.

Zuerst erschienen in der DW Die Wohnungswirtschaft 6/2018.

 

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